Philipp Poisel Foto: Veranstalter

Bis zu seinem nächsten Album müssen die Fans von Philipp Poisel sich noch gedulden. Auf einer Stuttgarter Bühne steht er schon in der kommenden Woche wieder. Im Interview erzählt er von Reisen, Fluchten, Herbert Grönemeyer und der Ambivalenz der Heimat.

Stuttgart - Vor seinem Stuttgarter Open-Air-Konzert erzählt der Singer-Songwriter Philipp Poisel vom Reisen, von Herbert Grönemeyer und von der Ambivalenz der Heimat.

 

Herr Poisel, Sie treten am 23. August auf der Freilichtbühne im Höhenpark Killesberg auf. Nicht zum ersten Mal . . .

Wir haben schon mehrmals auf dem Killesberg gespielt – es ist einer der schönsten Plätze in Stuttgart. Abends, wenn es langsam dämmerig wird, ist es ein gutes, auch ein freies Gefühl, dort zu spielen. Wenn man draußen auftritt, hat man um die Bühne herum eine wunderbare Kulisse, man kann diese Atmosphäre genießen.

2018 feierten Sie das zehnte Jubiläum Ihres Debüt-Albums. Was geht Ihnen durch den Sinn, wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken?

Was mir dabei sofort einfällt, ist das Treffen mit Herbert Grönemeyer. Ich mache schon länger als zehn Jahre Musik, aber seit zehn Jahren bin ich bei ihm unter Vertrag. Herbert ist ja selbst Musiker, er versteht mich und er gibt mir alle Freiheiten. Während ich bei anderen Plattenfirmen damals kein Ohr gefunden habe, war er derjenige, der auch zu meinem Konzert kam und einen persönlichen Eindruck gewinnen wollte, obwohl er die Demoaufnahmen schon kannte. Mit seiner Hilfe konnte ich mir über die Jahre mein eigenes Publikum erspielen. Ich denke natürlich auch an all die Menschen, die zu unseren Konzerten gekommen sind. Es ist bewegend, sich daran zu erinnern, was da alles passiert ist.

Im vergangenen Jahr haben Sie eine sehr gut besuchte Clubtour gespielt, nun sind Sie wieder unterwegs. Ein neues Album wird bislang aber noch nicht angekündigt – wie sieht Ihre musikalische Zukunft aus?

Ich habe gerade eine EP fertig gestellt, sie wird am 23. August erscheinen, digital und auf Vinyl. In letzter Zeit habe ich vor allem einzelne Lieder geschrieben, auch für eine Theaterproduktion von Armin Petras in Bremen, sie heißt „I love you Dragonfly“ und handelt von unterschiedlichen Formen des Glaubens. Petras kam nach seinem Abschied von Stuttgart auf mich zu und fragte mich, ob ich mich daran beteiligen wollte. Auf der EP finden sich fünf Stücke, die ich, bis auf jenes für das Theaterstück, selber produziert habe. Ich habe mir eine alte Bandmaschine gekauft und das mit zwei Freunden im Studio in Ludwigsburg gemacht. Ich freue mich jetzt darauf, wieder mit der Band zu spielen. Im Team hat man einen ganz anderen Austausch und erlebt sich auch anders. Und dann möchte ich da weiter machen, wo ich mit dem „Amerika“-Album aufgehört habe. In welche Richtung es genau gehen wird – davon will ich mich selbst noch überraschen lassen. Spätestens in anderthalb Jahren wird es ein neues Album geben.

Von welchen Musikern fühlen Sie sich persönlich beeinflusst?

Das wechselt mit den Lebensphasen. Zu meinem 18. Geburtstag bekam ich von Freunden Karten für ein Konzert mit Herbert Grönemeyer und war davon sehr angetan. Später habe ich mich dann für Damien Rice begeistert - mit diesem handgemachten Singer-Songwritertum konnte ich mich in der Zeit, als mein erstes Album herausgekommen ist, sehr interessieren. Dann habe ich mich sehr für amerikanische Rockbands aus den 1970er Jahren oder aus der Gegenwart interessiert, ich habe viel Fleetwood Mac gehört und Kings of Leon.

In Ihren Liedern erzählen Sie häufig vom Reisen und Unterwegssein. Was bedeutet es für Sie?

Meine erste eigene Reise habe ich mit 16 gemacht – mit Freunden, wir hatten uns ein Interrail-Ticket gekauft. Ich habe damals gemerkt, wie gerne ich unterwegs bin. Ich bin dann selbst oft alleine los, meistens mit der Gitarre im Gepäck, und habe immer Leute kennengelernt. Die Gitarre war für mich ein Helfer, um mit der Welt ins Gespräch zu kommen und zu kommunizieren, das Reisen hilft mir, zu mir selbst zu finden. Wenn ich im Zug sitze und aus dem Alltag ausbreche, fallen mir oft die Songs ein . Man fängt an zu träumen und hat Zeit.

Ihre Texte handeln immer von sehr persönlichen Themen. Mit Politik haben Sie sich bislang nicht beschäftigt. Gehen Sie solchen Themen bewusst aus dem Weg?

Privat sind das natürlich auch für mich wichtige Themen, aber die Musik habe ich immer ein Stück weit als eine Flucht aus dem Alltag gesehen. Ich möchte nicht ausschließen, in Zukunft auch einmal ein politisches Statement abzugeben, aber ich denke andererseits: Nur weil Leute bei mir vor der Bühne stehen, sollte meine Stimme nicht stärker gewichtet werden. Allerdings macht Herbert Grönemeyer das ja auch, dass er aufsteht für die, die keine Stimme haben – vielleicht sollte ich einmal darüber nachdenken.

Im Song „Zum ersten Mal Nintendo“ singen Sie: „Hier bin ich geboren, und hier sterb’ ich irgendwann“ – bedeutet das, Sie möchten für immer in Ludwigsburg bleiben?

Ich weiß nicht, ob es allen Leuten so geht, aber ich fühle ein Stück weit auch eine Ambivalenz zu meiner Heimat. Ich träume mich oft weg und habe Fernweh, bin ich dann aber fort, will ich wieder nach Hause. Dazwischen findet mein Leben statt. Ich bin da nicht so konsistent wie in einem Song, der ja eine Momentaufnahme ist und eher zeigt, wie ich vielleicht sein möchte. In Ludwigsburg ist die Lebensqualität sehr hoch – es gibt viel Natur, viel Kultur, und ich habe ja auch meine Freunde, meine Eltern. Die Menschen, die mir am allermeisten bedeuten – das ist es, was für mich das Heimatgefühl ausmacht.