Arzneimittelexperte im Interview Profitinteresse steht vor Patientinnenschutz

Von Hanna Spanhel 

Die Anti-Baby-Pille ist seit 1960 in den Industrienationen das am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft. Foto: dpa-Zentralbild
Die Anti-Baby-Pille ist seit 1960 in den Industrienationen das am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft. Foto: dpa-Zentralbild

Viele Junge Frauen wenden sich gegen hormonelle Verhütungmittel. Ist die Angst vor Nebenwirkungen von hormonellen Verhütungsmitteln übertrieben? Nein, sagt der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske.

Stuttgart/Bremen - Immer mehr junge Frauen verzichten auf hormonelle Verhütungsmittel und suchen Alternativen. Der Arzneimittelexperte und Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske (73) ärgert sich über junge Männer, „die die Skepsis gegenüber der Pille wegen vergleichsweise geringer Nebenwirkungen abtun“.

Herr Glaeske, bei hormonellen Verhütungsmitteln muss künftig auf einen möglichen Zusammenhang mit Depressionen und Suizidalität hingewiesen werden. Ist das sinnvoll?

Das ist durchaus wichtig. Die Pharmakonzerne und auch viele Ärzte haben Berichte von Frauen über psychische Nebenwirkungen lange zurückgewiesen. Da hieß es beispielsweise: Schuld an der Verstimmung sei der unterdrückte Kinderwunsch. Jetzt ist sozusagen offiziell, was einige Frauen schon lange gemerkt haben. Im Beipackzettel ist nicht mehr nur von depressiver Verstimmung oder Stimmungsschwankungen die Rede, sondern von Depressionen. Die Risikobewertung der Europäischen Arzneimittelagentur zeigt, dass Studien, die einen Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und Depressionen zeigen, durchaus ernst genommen werden müssen.

Die absoluten Zahlen von Frauen, die von solch starken Nebenwirkungen betroffen sind, sind aber gering.

Ja, schwere Depressionen oder Thrombosen treten nicht so häufig auf. Aber die Risiken sind dennoch schwerwiegend und, je nach Mittel, signifikant höher als bei Frauen, die nicht hormonell verhüten. Und man darf nicht vergessen: Es sind gesunde, junge Frauen, die die Pille oder Hormonspirale nehmen. Da ist jede Erhöhung des Risikos von Bedeutung.

Wird die Skepsis gegenüber der Pille größer?

Eine Befragung im Rahmen einer Masterarbeit an unserem Institut hat gezeigt: Jede Vierte der befragten 800 Frauen möchte aus Sorge vor Nebenwirkungen lieber nicht mehr hormonell verhüten – oder ist schon auf hormonfreie Verhütung umgestiegen. Auch die Absatzstatistiken zeigen, dass die Verkäufe solcher Arzneimittel zurückgehen. Diese Frauen suchen sich Alternativen. Sie verhüten vor allem mit Kondomen, manche entscheiden sich auch für die Kupferspirale. Ich ärgere mich über Männer, die die Skepsis gegenüber der Pille wegen vergleichsweise geringer Nebenwirkungen abtun und vor einer Zunahme von Schwangerschaftsabbrüchen ohne die Verhütungsmittel warnen. Es sind ja die Frauen, die seit den 60er Jahren die Nebenwirkungen ertragen – und von den Männern für die Verhütung verantwortlich gemacht werden. Ohne Männer würden diese Frauen nicht schwanger werden – die Verantwortung liegt doch wohl auf beiden Seiten, und das wird von vielen Männern leider verdrängt! Man(n) will den Spaß, aber ohne Rücksicht auf eine mögliche Schwangerschaft.

Was muss sich ändern?

In zwei Dritteln aller Arztpraxen ist die Aufklärung zur hormonellen Verhütung nicht ausreichend. Vielen jungen Mädchen und Frauen ist nicht bewusst, dass die Pille ein Arzneimittel mit Wirkungen, aber auch mit unerwünschten Wirkungen ist. Wichtig ist auch zu wissen, dass es große Unterschiede zwischen den Wirkstoffen gibt: So hat sich gezeigt, dass die neueren Pillen, die der dritten und vierten Generation, ein erhöhtes Thromboserisiko mit sich bringen. Trotzdem werden diese Wirkstoffe nach wie vor am häufigsten verschrieben, und die Pharmakonzerne verkaufen sie weiter: Da steht das Profitinteresse vor dem Schutz der vor dem Schutz der jungen Mädchen und Frauen.

Im Falle der jungen Frau, die den Pharmakonzern Bayer nach einer erlittenen Thrombose verklagt hat, könnte es auf einen Vergleich hinauslaufen.

Der Gutachter hält es für wahrscheinlich, dass die Pille der Grund für die Thrombose der jungen Frau war, die gegen Bayer klagt. Es gibt in solchen Fällen aber selten ein Urteil, denn ein Beweis ist kaum zu erbringen. In den USA, wo in den vergangenen Jahren Tausende Frauen geklagt haben, musste Bayer wegen ähnlicher Vorwürfe Milliardenbeträge an Schadensersatz zahlen.

Werden neue risikofreie Verhütungsmittel entwickelt?

Die Pharmaindustrie hat reagiert und beispielsweise die niedriger dosierten Hormonspiralen eingeführt. Die wirken aber weder nur lokal, wie lange behauptet, noch sind sie risikofrei. Und dann stellt sich eben die Frage, was Männer zur langfristigen Verhütung beitragen können. Die Pille für den Mann gibt es ja eigentlich schon. Es gibt zum Beispiel ein Gel, das – in die Samenleiter gespritzt – vorübergehend unfruchtbar macht. Bislang wurden aber viele Ansätze wegen Klagen über Nebenwirkungen nicht weiterverfolgt.

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