Grumpy-Cat-Superstar: Die bekannteste Katze der Web-Community. Foto: Mauritius

Katzen sind die wahren Herrscher der Welt. An ihnen kommt im digitalen Universum niemand vorbei. Nichts wird so oft geklickt, geliked, kommentiert und geteilt wie Cat Content. Doch warum ist das so? Eine Spurensuche.  

Stuttgart - Sie sind flauschig, kratzbürstig, eigensinnig, süß, anschmiegsam, sanft, putzig, lustig und goldig. Sie heißen Frank the Cat, Maru, Lil Bub, Colonel Meow, Hamilton, Nala, Luhu oder Grumpy Cat - und sind die Superstars des virtuellen Universums.

Jeder Katzenbesitzer weiß genau, warum er seine eigene Katze ganz besonders liebt. Doch warum kaum ein anderes Thema das Internet so beherrscht wie Cat Content ist auch dem größten Kitten-Fan ein Rätsel. Neben Selfies sind Funny-Cats-Videos die Säule des Internets. Der neueste Trend aus den USA: Catsies – Katzen-Selfies.

Cat Content - Was ist das?

Der englische Begriff Cat Content bedeutet einfach Katzen-Inhalte. Bilder und Videos mit eingebloggten Zitaten, Fotomontagen und Chatlogs von Stubentigern und frei laufenden Maunzern in jeder nur möglichen Pose, Verkleidung und Aktion sind seit einigen Jahren der absolute Renner in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Tumblr, BuzzFeed, Pinterest, Instagram, Reddit oder WhatsApp. Wenn man bei Youtube das Stichwort „Cat“ eingibt, erhält man mehr als 45 Millionen Treffer, die Kleinkatzen-Variante „Kitten“ bringt es auf fast 5,6 Millionen Videos.

Feline Internetstars: Maru und Grumpy Cat

Die Zahl derer, die sich beispielsweise Clips von Maru - einer 2007 in Japan geborenen Schottischen Faltohrkatze, die Kartons über alles liebt – anschauen, geht in die Multi-Millionen. Auch der Hype um Tardar Sauce, wie Grumpy Cat mit bürgerlichen Namen heißt, lässt sich rational nicht erklären.

Das 2012 im US-Bundesstaat Arizona geborene weiß-schwarz-braune Kätzchen (genaue Rasse: unbekannt) kam behindert auf die Welt. Sie hat einen angeborenen Unterbiss und leidet an genetisch bedingtem felinen Kleinwuchs, was zu ihrem mürrischen Gesichtsausdruck führt.

Inzwischen hat Grumpy Cat allein auf Facebook mehr als sieben Millionen Follower, ist seit 2013 eine eigene Marke und ist Buch- und Filmstar. Der Grumpy-Wahn hat ihre Besitzerin, die Amerikanerin Tabatha Bundesen und Manager Ben Lashes zu Multimillionären gemacht.

Digitale Videos boomen

Urs Kind Foto: Hiig

„Cat Content sind Inhalte und Formate, die besonders in der mobilen Nutzung sehr gut funktionieren“, erklärt Urs Kind, Doktorand am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (Hiig). „Der Boom der digitalen Videos ist ungebrochen. Auf den sozialen Plattformen steigen die Klickzahlen stetig an.“

Solche Inhalte ließen sich gut in den täglichen Arbeitsablauf und in die Freizeitgestaltung einbinden und seien intellektuell in keiner Weise herausfordernd. „Gerade Katzen-Videos sind sehr einfache Contents, die jeder versteht und über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg allgemein verständlich sind.“ Viele andere Clip-Arten würden ähnlich funktionieren. „Ein kurzer Gag, den man schnell teilen kann. Diese Art von Humor versteht sofort jeder.“

Digitale Katzen-Welten

Lolcatbible: Die Heilige Schrift im Katzen-Kauderwelsch

Schon der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) wusste: „Die Menschheit lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: In Katzenliebhaber und in vom Leben Benachteiligte.“ Die alten Ägypter verehrten Katzen als Inkarnation der Götter. Bastet, die Göttin der Fruchtbarkeit und Tochter des Sonnengottes Re, wird in der ägyptischen Mythologie als sitzende Katze dargestellt. 4000 Jahre später haben Kitten ihren eigenen Gedenktag – den Weltkatzentag am 8. August.

Katzen-Fans haben das Buch der Bücher, die Bibel, ist in das Katzen-Kauderwelsch „Lol“ (Abkürzung für die englischen Wörter „laughing out loud“, laut lachen) übertragen worden. In der Lolcatbible ist Gott die Oberkatze Ceiling Cat, die durch ein Loch in einer Zimmerdecke schaut und aus purer Langeweile die Welt erschafft.

Der erste Satz der Bibel „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Buch Genesis Kapitel 1, Vers 1) heißt in Lol: „Oh hai. In teh beginnin Ceiling Cat maded teh skiez An da Urfs, but he did not eated dem.“ Was übersetzt so viel heißt wie: „Die Decken-Katze machte Himmel und Erde, aber aß sie nicht.“ So geht es Hunderte von Seiten bis zum Ende der Welt in der Geheimen Offenbarung des Johannes im Neuen Testament.

Pet Content: Putzige Tier-Videos

Nicht nur Katzen-Videos, Pet Content insgesamt (Online-Inhalte mit diversen Lieblingstieren) ist der absolute Burner im Netz. Auf Reddit, Youtube und Instagram halten sich Katzen- und Hunde-Inhalte die Waage, auf Tumblr und BuzzFeed gibt es mehr Hunde- als Katzen-Videos. Auch mit Einhörnchen, Faultieren, Pandas, Spechten und Eulen lassen sich Millionen Klicks erzielen. Aber keine Tierart ist so zeitlos beliebt und die perfekte Projektionsfläche für menschliche Emotionen wie Felis silvestris catus, die Hauskatze. Katzen haben etwas Urbildliches, Prototypisches. Die Vorstellungen, wie Katzen auszusehen haben, hat sich seit den Pharaonen nicht wesentlich verändert.

„I CAN HAS CHEESEBURGER?“

Frank the Cat, die 2007 gestorbene Kartäuserkatze, gilt als Urahn des virtuellen Katzen-Booms. 1994 wurde das kleine graue Wollknäuel mit den großen Knopfaugen zum ersten Mal gepostet. Eigentlich war Frank eine ganz gewöhnliche Katze, die ganz gewöhnliche Dinge tat, die jede Katze eben so tut: essen, trinken, spielen, am Sofa kratzen, schlafen, gähnen, sich rekeln, Wollfäden, Fliegen und Mücken nachjagen, auf Tische springen, mit Herrchen und Frauchen kuscheln.

Kultstatus erreichte Frank erst, als sein Herrchen ein Foto von ihm mit erwartungsvollen Augen und halb offenem Maul (wie jede Katze hatte Frank ständig Kohldampf) postete. Darauf stand in grammatikalisch fehlerhaftem Englisch und Großbuchstaben: „I CAN HAS CHEESEBURGER?“

Es war der digitale Dammbruch. Seitdem überfluten Millionen und Abermillionen an kätzischen Bildern und Videos das World Wide Web. Allein auf Youtube werden pro Minute mehr als hundert Stunden Katzenvideos hochgeladen. Die meisten unscharf, verwackelt und in Amateur-Qualität: Katzen in abgedrehten Verkleidungen, Katzen, die in Badewannen planschen, auf Klavieren rumtapsen, aus Waschbecken trinken, Wollknäule apportieren und von Tischen fallen. Doch meist sitzen sie einfach nur da, gucken einen mit großen Augen an und sind zuckersüß. Ganz gewöhnlich-außergewöhnliche Katzen eben.

Warum Katzen so faszinierend sind

Die harmlosen Bilder und Filmchen werden millionenfach gekickt, angeschaut, kommentiert und weitergeschickt. Und man fragt sich: Warum eigentlich?

„Wir finden Katzen ähnlich gut wie Süßigkeiten“, erklärt der Medienpsychologe Frank Schwab von der Würzburger Universität. „Das liegt in unsere Spezies.“ Katzen würden unsere menschlichen Brutpflegemechanismen aktivieren. „Sie nutzen genau die Reize, auf die wir auch ansprechen, wenn wir Kinder aufziehen. Die Leute stellen andauernd Bilder von ihren Kindern online, fotografieren sie am laufenden Meter und zeigen sie jeden – ob er will oder nicht“, sagt Schwab. „Katzen werden ganz ähnlich behandelt, das dockt an die gleichen Mechanismen an.“

Als Erstes kommt einem das Kindchenschema in den Sinn, wenn man dieses Internetphänomen zu erklären versucht. Große Augen, kleines Kinn, goldiges Näschen, feine Barthaare. Und dann natürlich die Omnipräsenz: Katzen gibt es überall, ihre Mimik und Gestik kennt fast jeder. Der Tenor der meisten Online-Kommentare lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Katzen sind sooo süüüß!

Warum wir Tierbabys unter unsere Fittiche nehmen wollen

Kätzchen lösen genauso wie Welpen und Menschenbabys einen Ach-wie-süß-Effekt (englisch: Cuteness factor) aus. Wir finden sie so niedlich, dass wir sie s gleich unter unsere Fittiche nehmen wollen. Forscher der Universität Bern haben herausgefunden, dass bei der Wahrnehmung von Niedlichkeit immer der gleiche Mechanismus im Gehirn abläuft.

Große runde Stirn, kugelige tief sitzende Augen, ein kleines Kinn und Stupsnase wecken in uns Beschützerinstinkte und ein fürsorgliches Verhalten. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz prägte hierfür den Begriff Kindchenschema. Was niedlich ist, beurteilen fast alle Menschen auf der Welt gleich. Das gilt besonders für Katzen: Mit ihrer phänomenalen Niedlichkeit vertreiben sie augenblicklich jeden Trübsinn und wirken wie ein emotionaler Jungbrunnen.

Tierische Kurzzeithelden

Tierische Kurzzeithelden gibt es wie Sand am Meer. Wie beispielsweise jenes putzig-kultige Eichhörnchen, dass 2009 auf dem Selbstauslöserfoto eines Paares in Kanada auftauchte. Für einen Augenblick sind sie berühmt, um dann wieder in der digitalen Versenkung zu verschwinden. Der Katzenkult dagegen ist DIE Konstante im Netz. Nur Pornografie dürfte auf noch mehr Klicks kommen.

Die Vorliebe für Flausch Content verstopft mittlerweile das gesamte Internet. Laut Bundesnetzagentur entfallen rund 30 Prozent der Datenflut der bundesdeutschen Online-Surfer auf Tierbilder. Mit 62 Prozent sind Katzen die mit Abstand beliebtesten Tiere im Netz. Allein das YouTube-Video Funny Cats Compilation kommt auf fast 78 Millionen Aufrufe. Man kann sich leicht vorstellen, dass das www. bei solchen gigantischen Datentransfers schwächelt.

„Verkappte Freakshow“

Für die Berliner Verlegerin Christiane Frohmann sind Katzen-Meme eine „verkappte Freakshow“. Wer sich www.catsthatlooklikehitler.com („Katzen, die Hitler aussehen“) oder www.bonsaikitten.com (eine 2000 entstandene Website für Bonsai-Katzen; der Betreiber behauptete, Katzen über mehrere Monate in kleine Glasbehälter zu sperren, um sie in die gewünschte Form zu bringen; was sich aber als Scherz von Studenten einer US-Elite-Universität herausstellte) ansieht, wird ihr Recht geben.

Info: Was ist ein Mem?

Der Begriff Mem stammt von dem britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er prägte ihn 1976 in seinem Buch „Das egoistische Gen“. Mem ist ein Kunstwort, abgeleitet von Gen und dem Griechischen „mimeisthai“ (nachahmen), „mimos“ (Mime, Schauspieler)

Gene sind die Bausteine des Lebens und Träger von Erbinformationen, die durch Vervielfältigung (Replikation) weitergegeben werden. Dawkins zufolge gibt es neben der biologischen eine soziokulturelle Evolution, deren Träger die Meme sind. Dabei handelt es sich um Bewusstseinsinhalte (Gedanken, Ideen, Vorstellungen), die kommunikative Mittel wie Sprache, Schrift, Symbole und Zeichen weitergegeben und vervielfältigt werden.

Wie in der Biologie gebe es, so Dawkins, auch in der kulturellen Entwicklung des Menschen das Prinzip der natürlichen Selektion. In der Menschheitsgeschichte hätten sich stets solche geistigen Bausteine und Gepflogenheiten in einer Art Wettlauf der Ideen durchgesetzt, die vom Menschen am besten aufgenommen werden und sich schnell und unkompliziert kopieren lassen.

In der Wissenschaft hat sich Dawkins Mem-Begriff nicht durchgesetzt. Dafür wird er seit der Jahrtausendwende umso mehr auf besagte Internetphänomene angewendet, die sich wie ein Virus in den sozialen Netzwerken ausbreiten. Internet-Meme sind witzige Bilder und Videos mit fett gedruckten Großbuchstaben, die sich innerhalb kürzester Zeit über digitale Plattformen verbreiten, geliked, parodiert, kommentiert, kopiert und geteilt werden.

Lolcats

Katzenbilder eignen sich optimal für Memes (man kann sie mit Hilfe von Online-Generatoren auch selbst kreieren). Auf www.knowyourmemes.com finden sich Hunderte solcher Einträge. Am bekanntesten sind „Lolcats“, die 2006 erstmals im Internetforum www.4chan.org auftauchten. Lolcats sind Fotos von Kitten, denen orthografisch und grammatikalisch falsche englische Worte (sogenanntes lolspeak) in den Mund gelegt werden.

„Lolcats waren die ersten Memes, die in die Mainstream-Kultur hinübergeschwappt sind“, erklärt Kate Milner, Expertin für Internet-Katzenfotos, die darüber ihre Masterarbeit an der renommierten London School of Economics geschrieben hat. Folglich hat sie eine These, warum gerade Katzen so beliebt sind. „Wir lachen praktisch über uns selbst mittels der Lolcats.“ Wer traurig, aufgebracht oder verkatert ist, kann das mithilfe des passenden Katzenbildes darstellen. „Menschen nutzen Lolcats, um ihre Gefühle auszudrücken“. Vorlagen liefern die Vierbeiner genug. „Wenn Katzen sich einfach wie Katzen verhalten, aber dabei wirken wie Menschen, ist das wirklich reizvoll.“

Was macht Katzen-Bilder so unwiderstehlich?

Forscher von der Indiana University Bloomington (US-Bundesstaat Indiana) haben 7000 Katzenvideo-Gucker befragt, was sie den Online-Bildern so unwiderstehlich finden. Das Ergebnis: Katzen-Videos lösen weit mehr als einen kurzweiligen Ach-wie-süß-Effekt aus. Sie sind Balsam für die Seele. Die Zuschauer sind danach entspannter und positiver gestimmt.

Außerdem sind sie eine willkommene Abwechslung, um unangenehme Aufgaben aufzuschieben. Die meisten Katzenvideos werden nämlich während der Arbeit geklickt. Die positiven Effekte wie der emotionale Gewinn und das anhaltende Wohlgefühl überwiegen das schlechte Gewissen. Schüchterne und umgängliche Menschen neigen eher dazu, sich solche Videos anzuschauen. 74 Prozent der Befragten erklärten, dass sie weder einen Stubentiger zuhause hätten noch besonders Katzen affin seien.

Die schlechte technische Qualität sei nicht wichtig, sagt Urs Kind. „Verwackelte Kameraführung und unprofessionelle Schnitte erhöhen r den Authentizitätscharakter der Clips.“ Für den Internet-Experten sind die tierischen Videos wie eine Art Verschnaufpause. „Früher ging man kurz an die frische Luft, heute schaut man sich Katzen im Internet an.“

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