Die Geschäftsführer der Pforzheimer Schmuckmanufaktur Wellendorff sprechen von einer bahnbrechenden Erfindung: Ihr Goldarmband federt und braucht kein Schloss. Das erstaunt selbst den Prüfer. Wird das Unternehmen jetzt reich?
Pforzheim - Man kann diese spitzbübische Genugtuung Georg Wellendorff ansehen. So wie es eben ist, wenn man etwas geschaffen hat, das die Fachwelt kalt erwischt. „Forscher haben uns gesagt, es kann kein federndes Gold geben, weil sich die physikalischen Grenzen nicht so leicht verschieben lassen“, sagt der Geschäftsführer der Pforzheimer Schmuckmanufaktur, während seine Frau und Kommunikationschefin Claudia Wellendorff den Gegenbeweis in die Internetkamera hält: ein 18-karätiges Armband, das wie eine Feder wippt und sich schlangenartig um das Handgelenk wickeln lässt – garantiert schlossfrei.
Die Wellendorfs sprechen beim Armband, das man „Umarme mich“ getauft hat, von einer „Revolution in der Schmuckwelt“. Man hat es als Patent angemeldet und ist zuversichtlich, dass „zum Schluss jeder Wellendorff-Kunde ein solches Armband“ haben wolle. „Ich bin davon überzeugt, dass unsere Technik der neue Branchenstandard wird“, sagt Georg Wellendorff. Die Begehrlichkeit innerhalb der Branche werde „dramatisch steigen“.
Das Pforzheimer Institut spricht von einer „hochinnovativen Idee“
Marketingsuperlative gehören eigentlich weniger zum Vokabular des eher für seine Zurückhaltung bekannten Familienunternehmens. Dass das Anpreisen der Wellendorff’schen Technik durchaus gerechtfertigt sei, bestätigt auf Anfrage Carlo Burkhardt, Leiter des Pforzheimer Instituts für strategische Technologie- und Edelmetalle (STI). Burkhardt hat die Entwicklung in dem unabhängigen Labor, das auf Schmuckprüfungen spezialisiert ist, untersucht – und die Federkräfte des Armbands bestätigt. Das sei „eine hochinnovative Idee“, meint er. „Bisher ist keine federnde Goldlegierung bekannt.“
Das Patent habe ihn überrascht, meint er. Ursprünglich hätte Wellendorff selbst beim Institut angefragt, ob man eine Art federndes Gold für das Unternehmen entwickeln könne. Man habe abgesagt – das sei physikalisch nicht möglich.
„Unser Antrieb ist, etwas zu schaffen, was die Welt so noch nicht gesehen hat. Dass man Dinge an die Grenzen treiben kann“, sagt Georg Wellendorff. Schon vor 20 Jahren habe er sich mit der Idee, ein Armband ohne Schloss zu schaffen, beschäftigt. Vielleicht auch schon seine Vorfahren – die 1893 gegründete Schmuckmanufaktur kommt bald in die fünfte Generation. Ausgerechnet die Pandemie habe es ermöglicht, aus Mangel an Aufträgen im hauseigenen Forschungslabor ein kleines Expertenteam zu versammeln – darunter ein Chefkonstrukteur, ein Chefdesigner und ein Meistergoldschmied, erzählt der 54-Jährige.
Günstig ist das „federnde Gold“ nicht – mindestes 9000 Euro kostet das Stück
Man habe die Legierungsbestandteile verändert, das Gold „einem thermischen Aushärtungsprozess unterzogen“ und die Gitterstruktur der Goldatome so weit verschoben, dass sie gerade noch nicht gebrochen sei. Wellendorff spricht vom „perfekten Dreigespann“ aus Legierung, Hitze und Druck, von „viel Schweiß“ und dem „Quäntchen Glück“. Das Goldarmband sei doppelt so biegsam wie normales Gold. Das Werbevideo auf der Webseite spricht etwas blumig von der „neu entwickelten goldenen Seele im Innern“.
Das seelenreiche Stück ist ab 9000 Euro zu haben. Dabei scheint es nicht nur physikalisch, sondern auch finanziell keine Grenzen zu geben. So ist das Vorzeigeexemplar ein 532 000 Euro teures, mit Brillanten besetztes Unikat, das ein Tropfendiamant ziert.
Als neue Goldgrube für den Unternehmenserfolg sehen die Wellendorffs das Patent offenbar nicht. Man wolle etwas erschaffen, das man der nächsten Generation als Stilikone weitergeben könne, sagt Georg Wellendorff. So wie sein Bruder Christoph, seine Frau und er selbst von den Eltern die bekannte Wellendorff-Kordel als „weichstes Gold der Welt“ übernommen hätten.
Wellendorff will nicht im Auftrag von Luxuskonzernen produzieren
Jetzt habe „einer der ganz großen Luxuskonzerne“ das neue Patent für das Federgold erwerben wollen. Oder ob Wellendorff zumindest die federnden Armbänder für sie produzieren könne? „Riesenbeträge“ hätten im Raum gestanden, sagt Wellendorff, man habe abgesagt. „Das kitzelt uns nicht, so sind wir nicht gestrickt. Wir können abends nur ein Steak essen.“
Auch auf Fragen, wie hoch man den Markt, den man mit dem neuartigen Schmuckstück und der Technik geschaffen habe, beziffere, reagiert das Paar mit einem Unverständnis, das andere erstaunen mag. Das habe man nicht berechnet, das stehe auch nicht im Vordergrund, heißt es unisono. Es gehe um das Neue, das man geschaffen habe. Um die Idee, die das Patent bewahren solle.
Noch ist das Recht, das die erhoffte Stilikone schützen soll, nicht garantiert. Es könnte noch ein, zwei Jahre dauern, bis das Patent anerkannt sei, sagt Claudia Wellendorff. „Aber unser Patentanwalt sagt, die Chancen stehen sehr gut.“