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Ein islamisches Gotteshaus in Baden-Württemberg ist international bestens vernetzt – auf fragwürdige Weise: Prediger mit Verbindungen zu Terroristen gehen ein und aus.

Pforzheim - Ibrahim M. hat viele Freunde. Fast 2000. Rund um den Erdball. Freunde in einer anderen Welt. In einer, in der Andersgläubige zu töten sind, in der Terroranschläge bejubelt werden und in der 72 Jungfrauen auf tote Helden warten. Vor einer Woche schaltete Ibrahim M. seine Welt ab.

Seit 120 Polizeibeamte anrückten, um in Hessen und Nordrhein-Westfalen Wohnungen und Vereinsräume von Salafisten in Frankfurt, Solingen, Gladbeck und Düsseldorf zu durchsuchen, ist der Pforzheimer Teenager nicht mehr online. In der virtuellen Welt begeisterte sich der 19-Jährige für die in der vergangenen Woche verbotene Organisationen DawaFFM in Frankfurt am Main, islamische Audios und das Internetprojekt An-Nussrah in Gladbeck.

Im realen Leben hielt sich der junge Mann mit den weichen Gesichtszügen, den lockigen Haaren und dem Flaum am Kinn lieber an richtige Glaubensbrüder – in der Pforzheimer Franziskusstraße. Unscheinbar ist das Eckhaus: ein paar Satellitenschüsseln, gelb gestrichene Häuserwand, das Erdgeschoss im dunklen Braun. Hinter Blindglas und häufig heruntergelassenen Jalousien tagt dort die Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime e. V. Fünfmal am Tag bitten die Strenggläubigen zum Gebet. Am Freitag zwischen 13.30 und 14 Uhr. „Die Khutba (Predigt) wird in deutscher Sprache gehalten. Frauen und Männer können am Freitagsgebet teilnehmen“, werben im Internet die meist langbärtigen Männer.

Radikale Einträge auf seiner Facebook-Seite

Bei ihnen fühlte sich Ibrahim M. geborgen, sie gaben dem jungen Muslim Werte, Sicherheit und Halt. Selbst als er von der Enz an den Rhein fuhr, als im vergangenen Frühjahr in Bonn Salafisten auf Polizisten einprügelten. Videoaufnahmen zeigen M. zusammen mit Murat K., der wenig später mit einem Messer auf zwei Polizisten einstach und diese lebensgefährlich verletzte.

Und weiter ging es so: Im Bad Godesberger Straßenkampf holt sich Ibrahim M. den Kick zu mehr: Die Einträge auf seiner Facebook-Seite werden radikaler. Er weist auf einschlägige Internetseiten hin, auf denen die fit gemacht werden, die in den Dschihad, den Heiligen Krieg, ziehen wollen. Er leitet Videos weiter, auf denen zu sehen ist, wie Islamisten gefangene syrische Soldaten zu Tode foltern. „Maschallah“ kommentiert Munir – „wie schön, Gott behütet dich“. Freunden vertraut er an, dass er bereit ist, „sein Leben für den Kampf gegen die Kufar“, die Ungläubigen, hinzugeben. Solche Ansichten werden irgendwann auch seinen Lehrern zu viel: In der Franziskusstraße ist der Deutsche mit tunesischen Wurzeln nicht mehr gern gesehen.

Fußball mit den Köpfen von Enthaupteten

Die Türen der Salafisten-Moschee bleiben allerdings weit offen für Prediger, die sich im bewaffneten Kampf auskennen: Der frühere Bosnienkämpfer Bilal Bosnic ist ein sehr willkommener Gast in den Versammlungsstunden. Zu denen reist er eigens aus Zenica an, einer Stadt, die er während der Balkankriege in den 1990er Jahren zusammen mit den Kämpfern der 7. Muslimischen Brigade verteidigte – einem Sammelbecken für El-Kaida-Krieger unter dem Kommando von Abdel Kadeer Moktari. Der Saudi mit dem Kampfnamen Abu Mali war Osama bin Ladens Feldmarschall in Europa.

„Kameramann der El Kaida“ filmt die Heldentaten der Islamisten

Immer an dessen Seite: Reda Seyam, der bis 2006 im Raum Ulm lebte. Der Deutsch-Ägypter filmte als „Kameramann der El Kaida“ die Heldentaten der Islamisten. Und spielte in den Kampfpausen mit den Köpfen enthaupteter serbischer Kriegsgefangener Fußball. Amerikanische Terrorfahnder sehen in ihm einen der Drahtzieher der Anschläge auf der indonesischen Insel Bali 2002, durch die 202 Menschen starben. Mitte Januar setzte sich Seyam in die Türkei ab. Aktuell tummelt er sich in einer Gruppe von Dschihadisten im syrischen Aleppo.

Es sind nicht die einzigen Verbindungen, die die Pforzheimer pflegen. Besonders gut vernetzt zeigt sich der Sekretär der Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime. Er nutzte im vergangenen Sommer eine Reise nach Ägypten nicht nur, um seine arabischen Sprachkenntnisse aufzupolieren. Im ägyptischen Marsa Matrouh, im Grenzgebiet zu Libyen, traf er auch mit dem österreichischen Dschihadisten Mohamed Mahmoud zusammen. Der Führer der im vergangenen Jahr verbotenen Organisation Millatu Ibrahim hatte sich in die Beduinenstadt geflüchtet nach der Ausweisung durch den hessischen Innenminister.

Drei Wochen nachdem der Pforzheimer Gemeinschaftssekretär Marsa Matrouh verlassen hatte, drillten dort Dschihadisten wie der Berliner Denis Cuspert erstmals deutsche Kriegsreisende an Kalaschnikow-Sturmgewehren und Panzerfäusten. Der Sekretär ist außerdem Angehöriger des „Hohen Rats der Gelehrten und Imame in Deutschland“ mit Sitz in Heidelberg. Das siebenköpfige Gremium hat sich zum Ziel gesetzt, „falsche Vorstellungen des Islams“ zu berichtigen, die Muslime zu vereinigen und die „religiösen Fundamente“ aufrechtzuerhalten. Diese kommen dabei einer Auslegung des Korans nahe, die dem Vorbild in der islamischen Gemeinde Medinas im siebten Jahrhundert entspricht.

Aus Riad, Medina und Saudi-Arabien werden Bücher nach Pforzheim geschickt

In der Szene gilt der deutsche Sekretär der Pforzheimer bereits als heimlicher Star. Zurzeit paukt er in Saudi-Arabien Vokabeln und Koran-Suren. Aus dem Königreich wiederum wird die Pforzheimer Moschee gerne und freigiebig unterstützt.

Moscheen schaffen ein undurchsichtiges Finanzierungssystem

An manchen Abenden verwandelt sich die ansonsten ruhige Straße vor der Moschee in einen wahren Ameisenhaufen. Kleintransporter aus dem gesamten Bundesgebiet und Belgien parken in der Franziskusstraße Stoßstange an Stoßstange. Andere Transporter stoppen vor der gläsernen Doppeltür der Moschee. Dann beginnen Bartträger mit gehäkelten Käppchen auf dem Kopf und knapp knöchellangen Hosen eifrig, Kartons in die Vereinsräume zu schleppen. Andere stapeln Kisten in wartende Autos. Und weil Mülltrennung auch in den geheiligten Räumen ein hohes Gebot ist, werden die Absender der Gaben öffentlich: Aus Riad, Medina und Alkarj City in Saudi-Arabien werden Bücher, DVDs und Schulungsunterlagen nach Pforzheim geschickt. „Ein geschicktes System der Finanzierung, ohne dass Geld über Bankkonten läuft“, mutmaßt der Terrorexperte Evan Kohlmann. Das funktio­niere so: Moscheevereinen werden Sachmittel wie Korane, Predigten und Kleider ­geschenkt. Diese verkaufen die „Geschenke“ an andere Gemeinden weiter und schaffen so ein undurchsichtiges Finanzierungssystem.

Das wurde zu Jahresbeginn um einen weiteren Zweig erweitert: Zusammen mit dem Braunschweiger Prediger Mohamed Seyfundin Ciftci eröffnete der Vorsitzende der Gemeinschaft der deutschsprachigen Muslime eine Art Reiseagentur für Pilgerreisen an die heiligen Stätten in Medina und Mekka. Bei einer solchen Bet-Tour mit dem Deutschtürken Ciftci, so schilderten gleich drei der vier verhafteten Terroristen der deutschen Sauerlandgruppe den Richtern, seien sie so radikalisiert worden, dass sie beschlossen, den Dschihad nach Deutschland zu tragen.

Ibrahim M. schließt sich Salafisten-Szene in Bonn an

Er könne, spielt Ciftci herunter, nicht „die Garantie dafür übernehmen“, dass nicht auch einer seiner Mitpilger „falschen Wegen folgt“. Der Sohn des Mitbegründers der niedersächsischen radikalislamischen Milli- Görus-Bewegung ist peinlich darauf bedacht, jede Verbindung mit Terroristen zu vermeiden. Auch wenn nahezu alle in Deutschland verurteilten Islamisten zumindest im Internet Kontakt zu dem findigen Gelehrten unterhielten. Der wiederum ist regelmäßig Prediger in der Pforzheimer Moschee. Das nächste Mal lädt er Anfang Mai zu einem Wochenendseminar in die Franziskusstraße.

Daran wird Ibrahim M. nicht teilnehmen. Der Deutsch-Tunesier hat sich im Herbst vergangenen Jahres der radikalen Salafistenszene im Raum Bonn angeschlossen. Im Winter reifte dann sein Entschluss, ein Soldat Allahs zu werden. Im Februar fiel er bei einer Grenzkontrolle in Oberbayern auf: Der Teenager mit den feingliedrigen Händen wollte im Bus eines türkischen Reiseunternehmers an den Bosporus fahren. Sein Reisepass war bereits von den Behörden eingezogen worden, um Ibrahim M. den Weg in den Dschihad zu versperren. Die Grenzer nahmen ihm auch den Personalausweis ab.

Kurzfristig tauchte der Islamist wieder in Pforzheim auf. Für ein paar Tage. In denen deaktivierte er sein Facebook-Konto. Und machte sich auf den Weg in den Nahen Osten. Alles weist auf Syrien hin. Dort braucht Ibrahim M. für seinen angeblich heiligen Krieg keine virtuellen Freunde mehr.

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