Nadine Kaiser ist die neue Leiterin des Pflegezentrums Haus Guldenhof in Hirschlanden. Das Haus wäre wie ein Stadtquartier im Kleinen – wenn da nicht die strengen Vorgaben wären, die eine Pflegeeinrichtung zu erfüllen hat.
Die Hände in den Schoß legen, warten und lamentieren, bis andere bessere Rahmenbedingungen für die Pflege schaffen? Das ist nicht Nadine Kaisers Ding. Die studierte Fachwirtin für Pflegemanagement hat die Leitung von Haus Guldenhof im Ditzinger Teilort Hirschlanden übernommen. Sie folgt auf Sigrid Hessler, die das Pflegezentrum nahezu zwei Jahrzehnte lang geleitet hatte. Es sei klar, „dass das politische Drehrad gedreht werden muss“, auch um die Stellung des Pflegeberufs, dessen Wertschätzung in der Gesellschaft, zu verändern. „Aber so lange können wir nicht warten“, sagt die Einrichtungsleiterin. Was also tun?
Gebaut vor rund zwei Jahrzehnten
Haus Guldenhof war im Jahr 2006 gebaut worden. Noch ehe die ersten Bewohner einzogen, wurde ein Förderverein initiiert. Sein Ziel war es, die neue Einrichtung in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn die Bewohner nicht mehr ins Leben eintauchen könnten, so die Überlegung, müsse das Leben zu ihnen kommen. Selbstverständlich würden auch Ausflüge und Spaziergänge Bestandteil des Tagesangebots sein. Vor allem aber sollten Ehrenamtliche ins Haus kommen, um ihre Hobbys mit den Heimbewohnern zu leben, also Gleichgesinnte anzusprechen: Singen, Kaffeenachmittage, Vorleserunden – das Haus ist seit jeher offen für Ehrenamtliche, die mit ihren Ideen auf die Heimleitung zugehen. Wie sehr die Gruppen den Guldenhof inzwischen prägen, hatte sich besonders während der Pandemie gezeigt, als die Ehrenamtlichen nicht ins Haus durften, um mit den Senioren Zeit zu verbringen.
In dieses stark von Ehrenamt geprägte Haus kommt Kaiser, die zuvor bei einem anderen Einrichtungsträger der Region nach verschiedenen Führungstätigkeiten den Fachbereich Pflege- und Sozialmanagement mit rund 700 Mitarbeitern verantwortete. Grundsätzlich sei ihre neue Tätigkeit nicht anders, sagt die 47-Jährige. Sie sei auch bisher schon nahe an der Pflege dran gewesen, aber eben verantwortlich für mehrere Häuser. Jetzt sei der Rahmen kleiner, es gibt im Guldenhof 60 Plätze, plus die Tagespflege. „Es ist überschaubarer“, sagt Kaiser.
Das gibt ihr umso mehr die Möglichkeit „Mitarbeiter zu motivieren, mitzugestalten“. Denn natürlich gingen Mitarbeiter verloren, denen es in einer Einrichtung nicht gefalle. Andererseits kann sie ihr Augenmerk auf die Ehrenamtlichen aller Generationen lenken, sie noch zahlreicher ins Haus holen, ganz gleich „ob junge Menschen oder Rentner“. Ihr Ziel sei es zu vermitteln, Berührungsängste abzubauen. „Da kann ich hingehen und etwas Gutes tun“ – das soll der Leitgedanke für die Ehrenamtlichen sein.
Den Quartiersgedanken leben
Das Miteinander, das einst in einer Dorfgemeinschaft selbstverständlich war, soll in einer Stadt innerhalb des Stadtviertels umgesetzt werden. Die Vielfältigkeit mache es aus, sagt Kaiser, die dabei innerhalb der Einrichtung noch kleinräumiger denkt. Doch das übergreifende Miteinander kommt durch die gesetzlichen Vorgaben schon im eigenen Haus an die Grenzen. Die rechtlichen Grenzen zwischen Tagespflege und Kurzzeitpflegplatz sind zum Beispiel strikt. Wie die Vorgaben der Kassen – auch wenn fließende Übergange und Mischkonzepte denkbar, und bisweilen eben gut für das Wohl der Bewohner wären. Den Quartiersgedanken ohne überbordende Bürokratie zu leben, das wäre ihr Wunsch – im Sinne der Menschen.
Die Gemeinschaft der Menschen, die persönliche Beziehung werde nie ersetzt werden, auch wenn noch so viel über Künstliche Intelligenz und Pflegeroboter diskutiert werde, ist die 47-Jährige überzeugt. „Der Pflegeroboter kann keinen Menschen ersetzen.“ Die Technologie als unterstützendes Hilfsmittel einzusetzen, sei das eine – „aber in der pflegerischen Versorgung, das glaube ich nicht“. Umso mehr ist es ihr Ziel, für 150 Mitarbeiter zu sorgen, sie zu motivieren, mitzugestalten – und das Haus in gewisser Weise zu ihrem Haus zu machen.