Thi Hong Thu Pham, Thi Sen Nguyen, Thi Nhat Nguyen und Thanh Chi Tran (v. li.) werden Altenpflegerinnen Foto: Max Kovalenko

Seit vergangenem Herbst lassen sich ­­32 Vietnamesen in Stuttgart zu Altenpflegern ausbilden. Die größte Herausforderung für sie ist nicht das Fachwissen, sondern die deutsche Sprache und Kultur. Trotzdem kämpfen sie tapfer gegen ihr Heimweh an.

Stuttgart - Seit vergangenem Herbst lassen sich ­­32 Vietnamesen in Stuttgart zu Altenpflegern ausbilden. Die größte Herausforderung für sie ist nicht das Fachwissen, sondern die deutsche Sprache und Kultur. Trotzdem kämpfen sie tapfer gegen ihr Heimweh an.

Die Klasse soll sagen, was man im Fleischerei-Fachgeschäft kaufen kann. „Läbäkäsawhegga“, sagt der Schüler in der ersten Reihe. Und was sie tun muss, wenn sie feiern wollte? „Fleis kauen füh Ghillpahdi“, antwortet Thi Nhat und kichert. Sie weiß, dass die Aussprache nicht ganz korrekt war, aber begriffen hat sie alles – wie alle anderen Schüler auch.

„Die Schüler sind 22, 23 Jahre alt und ­haben in Vietnam alle einen Fachhochschulabschluss oder den Bachelor in einem medizinischen Fach gemacht“, sagt Schulleiter Wolfgang Haug. „Die Sprachbarriere ist aber noch so groß, dass sie nicht sagen können, welche Fachkenntnisse sie haben oder was man noch vertiefen müsste.“

Viel Zeit, sich mit der deutschen Sprache oder der fremden Kultur zu befassen, hatten die Schüler nicht. Fünf Tage nach ihrer Ankunft begannen sie ihre Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Altenpflege in Vaihingen. „Von Anfang an war klar, dass es nicht reicht, die Schüler nur ein ­halbes Jahr in Deutsch zu unterrichten“, sagt Wolfgang Haug. Deshalb wurde der Ausbildungsablauf geändert, künftig sollen die angeworbenen Kräfte mindestens ein Jahr lang die Sprache erlernen, „insbesondere auch die Aussprache, mit der viele noch hadern“, so Haug. Das Ziel sei, die Schüler auf ein Sprachniveau zu bringen, mit dem sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen können. Das kann gelingen, weil die Schüler in einer eigenen Klasse zusammengefasst wurden und die Ausbildungszeit auf zwei Jahre angelegt ist. In anderen Bundesländern ist dies nicht so.

Auch Niedersachsen, Bayern und Berlin beteiligen sich an dem Anwerbeversuch. Dort aber werden die Schüler nur ein Jahr lang ausgebildet und haben weniger Deutschstunden. Welches Bundesland das bessere Konzept hat, wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge durch ­wissenschaftliche Begleitung ermittelt.

Inzwischen haben alle Stuttgarter Schüler die Praxis in den Pflegeheimen kennengelernt. Dafür zuständig sind deren Träger, die Arbeiterwohlfahrt, das Wohlfahrtswerk, die Caritas, die Schwesternschaft des Roten Kreuzes, die Samariterstiftung und der Pflegedienstanbieter Benevit. Dort profitieren die Schüler von ihren medizinischen Vorkenntnissen: „Sie können aus dem Stand die gebotene Flüssigkeitszufuhr für einen alten Menschen berechnen, dafür bräuchte man bei anderen Schülern mehrere Unterrichtseinheiten“, sagt der Rektor. Allerdings kollidierten in der Praxis offensichtlich zwei Dinge: ihr theoretisches Wissen, beispielsweise um Hygienestandards, und die teils nicht ganz so schulbuchhafte Umsetzung im hektischen Pflegealltag. „Für viele war das ein Schock“, sagt Dinh Huy Do.

Der Sozialarbeiter ist vietnamesischer Abstammung, spricht fließend Deutsch und Vietnamesisch und hat die sozialpädagogische Begleitung der Schüler übernommen. Einige kämen aus der Hauptstadt Hanoi, viele vom Land. Aber sowohl in der Stadt als auch in ländlichen Gebieten sei der Familienzusammenhalt sehr groß. „Altenpflegeheime sind ihnen deshalb völlig fremd gewesen, in Vietnam kümmern sich Söhne, Töchter und Enkel um die alten Leute.“ Vermutlich aus diesem Grund waren die meisten von ihnen sehr erstaunt, dass sie hier nicht wie erwartet in Krankenhäusern eingesetzt wurden, sondern in Pflegeheimen.

„Sie haben alle Heimweh. Die einen mehr, die anderen weniger“, sagt Dinh Huy Do. Aufgeben will trotzdem keiner der Schüler, denn sie wollen mit ihrem Verdienst ihre Familie in Vietnam unterstützen. „Kehren sie vorzeitig zurück, verlieren sie das Gesicht“, sagt Jörg Müller-Simon.

Deshalb bewältigten die Vietnamesen auch nahezu klaglos die Anfangsschwierigkeiten: „Zwei Teilnehmer hatten eine falsche Telefonflatrate abgeschlossen und deshalb schnell Schulden angehäuft, die Frauen hatten nur Sommerkleider dabei, und enttäuschend war für alle, dass sie von ihrem Verdienst Steuern, Strom- und Heizkosten bezahlen müssen“, sagt Wolfgang Haug.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als respektabel, dass sich Thi Sen und Thi Nath ohne Frust und mit Eifer dem Unterricht widmen. „Was können Sie in der Bäckerei kaufen?“, fragt die Deutschlehrerin. „Broood“, sagt die eine. „Bräsel“, die andere. Mit „r“. Es geht voran.

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