Vor einem Jahr hat sich in Fellbach-Oeffingen der erste private Pflegedienst Pinoy gegründet. Die Nachfrage ist groß – inzwischen schickt er schon 18 Kräfte in den Einsatz.
Fellbach - Wie viel Spielraum haben Pflegekräfte, um ihren Job nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können? Und wie viel Wahlmöglichkeiten haben Familien, die Unterstützung bei der Pflege eines Angehörigen zu Hause benötigen? Wer eine Antwort auf diese Fragen sucht, wird etwa beim Fellbacher Pflege-Start-up Pinoy fündig. Vor einem Jahr hat sich der erste private Fellbacher Pflegedienst gegründet – heute zählt der Dienst mit Sitz in Oeffingen bereits 18 Fachkräfte zu seinem Team.
Ebale benannte ihr Start-up nach ihrer Heimat
Angefangen habe alles mit dem Intensivpflegepatienten Herbert Franz (Name auf Wunsch geändert), sagt Firmengründerin Susana Ebale. Es hätte ständig Probleme mit der Übergabe gegeben, sagt Theresa Franz, die Tochter des Patienten (Name ebenfalls geändert). Teilweise hätten sich die Pfleger Fehler geleistet, die selbst für sie offensichtlich gewesen seien – obgleich sie Laie sei. Irgendwann hatte sie das Gefühl, ihren Vater mit den Pflegern nicht mehr alleine lassen zu können. Der Fall veranlasste Ebale, sich selbstständig zu machen. Franz wurde ihr erster „Klient“ im Bereich Intensivpflege.
Ebale nannte ihren privaten Pflegedienst Pinoy – nach dem Wort, mit dem sie auch einen Landsmann von den Philippinen in ihrer Muttersprache ansprechen würde. Die Fürsorglichkeit, die in ihrer Heimat auch Nichtverwandten gegenüber üblich sei, wollte sie zum Leitmotiv ihrer Arbeit machen. Zuhause auf den Philippinen sei es üblich, sich nicht nur um die eigenen Angehörigen mit vollem Einsatz zu kümmern – sondern um alle, die einem am Herzen liegen. Nur so habe sie bei ihrem Klienten geschafft, was vor einem Jahr keiner seiner Ärzte mehr für möglich gehalten habe: eine fünf Zentimeter offene Wunde zu schließen, die durch das lange Liegen entstanden ist.
Transparenz gab den Ausschlag für die Angehörigen
Tatsächlich ist die Familie von Herbert Franz mit der Betreuung durch Susana Ebales Dienst sehr zufrieden. Das liegt nicht nur am freundschaftlichen Kontakt. Sondern auch daran, dass Theresa Franz damals die Chance bekam, in einer Zoom-Besprechung das ganze Team kennenzulernen, bevor es zum Vertragsschluss kam. Diese Möglichkeit habe ihr kein anderer Dienst geboten, sagt die 36-Jährige. Für sie hat das den Ausschlag gegeben – nach der schwierigen Erfahrung mit dem ersten Anbieter wollte sie nicht noch einmal daneben greifen.
Im Februar 2020 war ihr Vater, damals 68 Jahre alt, auf einer Reise durch Thailand verunglückt. Bei einem Verkehrsunfall in der Hauptstadt Phuket erlitt der Geschäftsmann so schwere Kopfverletzungen, dass ihm die Ärzte dort zunächst keine Chance mehr gaben. Seine Tochter flog nach Thailand, um ihn abzuholen. Sie musste sich schnell der schweren Erkenntnis stellen, dass fortan nicht nur das Leben ihres Vaters, sondern auch ihr eigenes nicht mehr dasselbe sein würde. So schwer das war, sie hatte dennoch auch immer wieder das Glück auf ihrer Seite: Er habe dort eine absolut erstklassige Erstversorgung erhalten, lobt sie. Glück hatte sie auch mit dem Zeitpunkt: Nur wenige Tage später wäre es aufgrund der Entwicklung der weltweiten Coronapandemie nicht mehr möglich gewesen, ihren Vater abzuholen.
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Heute ist sie – bei aller Trauer – mit der Lösung, die sie für die Pflege ihres Vaters gefunden hat, voll und ganz zufrieden: „Jetzt ist es stimmig, für ihn und für uns“, sagt sie. „Ich habe meinen Frieden damit gemacht.“ Ihre Familie ist aus der Erdgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus einen Stock höher gezogen, in der alten Wohnung im Erdgeschoss wird jetzt ihr Vater versorgt.
Am Anfang baute sie diese Wohnung behindertengerecht um – in der Hoffnung, ihn bald wieder gehen zu sehen. Dann ergaben sich aber Komplikationen, er fiel ins Wachkoma. Heute flitzen die beiden Enkelkinder gerne durch die Terrassentüren in den Garten – auch am Bett des Opas vorbei. Der 68-Jährige kann so mit all seinen Sinnen am Familienleben teilhaben, so gut es eben einem Wachkomapatienten möglich ist.
Aufreibend war vor allem der Papierkram rund um die Pflege
Zu akzeptieren, dass ihr Vater aus diesem Zustand wahrscheinlich nicht mehr erwachen wird, sei für sie nicht das Schwierigste an dem Unglück gewesen, sagt Theresa Franz. Viel schwerer sei ihr der Papierkram rund um seine Versorgung gefallen. Zwar gibt es Pflegeberatungsstellen, deren Aufgabe es wäre, Angehörige wie sie durch den Dschungel der Angebote zu lotsen. Doch die waren hilflos – zu speziell sei der Fall ihres Vaters. Der soziale Dienst der Rehaklinik in Bad Urach wiederum war nicht in der Lage, ihr Tipps für den Raum Stuttgart zu geben. Alles, was man ihr dort zu sagen wusste, war: „Googeln sie doch mal.“
Das tat die alleingelassene Betriebswirtin, und zwar ausgiebig. „Doch die Auswahl an Pflegediensten, die sowohl ambulante Versorgung als auch Intensivpflege anbieten, ist im Raum Stuttgart nicht gerade groß.“ Den ersten Dienst wählte sie aus, weil er ihr beides anbieten konnte – damals hoffte sie noch, dass ihr Vater sich wieder erholen würde. Inzwischen würde sie anders entscheiden: „Ich weiß jetzt, dass es vor allem auf die einzelnen Pfleger ankommt“, sagt Theresa Franz. Später habe sie beim Bundesverband der Schädel-Hirnpatienten in Not endlich wertvolle Unterstützung gefunden.
Inzwischen gibt es in Fellbach schon zwei private Pflegedienste
Das Gute aus Sicht von pflegenden Angehörigen ist: Die Auswahl nimmt tatsächlich zu. Allein in Fellbach gibt es inzwischen zwei private Pflegedienste: Pinoy und Lebenszeit. Auch deshalb, weil es viele Pflegekräfte aus den Krankenhäusern zu den mobilen Diensten zieht. Sie behalten ihre Festanstellung, reduzieren die Arbeitszeit – und suchen sich einen zweiten Job in der häuslichen Pflege.
Das ist mit ein Grund, warum Krankenhäuser seit Beginn der Coronapandemie in Deutschland Intensivpflege-Betten verloren haben. Auch bei Pinoy kommen viele Kolleginnen aus dem Krankenhaus – so wie Natalya Krupina, die die Leitung des ambulanten Dienstes von Pinoy übernommen hat. „Pflege auf Station ist ein Knochenjob geworden“, sagt sie. Die Ausbeutung, die sie dort erlebt habe, regt sie heute noch auf: „Die Leute verbrennen, es ist schrecklich.“
Bei Pinoy schätzt sie dagegen, dass die Mehrzahl der Kollegen aus dem Krankenhaus kommt und viel Erfahrung mitbringt: „Das ist unsere Besonderheit.“ Es bleibe Zeit genug, dem Patienten nicht nur die Spritze zu geben, für die man von der Kasse bezahlt werde, sondern auch noch mit ihm zu reden. „Ich kann schließlich nicht sagen: Die Zeit ist abgelaufen, ich gehe jetzt.“ Zwei Kollegen machen nichts anderes, als die Familien der Klienten bei der Antragsstellung auf Kassenleistungen zu unterstützen. Das entlaste die Pflegefachkräfte sehr, sagt sie. „Und wenn ein Patient spürt, dass ich ausgeglichen komme, dann macht er auch ganz anders mit“, sagt Krupina.