Lauriane Diraison in der Klinik-Schule: „Ich bin hier am richtigen Platz.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ein Mann wird ins Marienhospital eingeliefert. Er ist abgemagert und will sterben. Eine einfühlsame angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin und ihr herrlicher französischer Akzent retten ihm buchstäblich das Leben.

Stuttgart - „Grüße und Dank aus dem Wartesaal zum Tod“ steht da in halbfetten Lettern. Der Absender der Leserzuschrift ist der 81-jährige Manfred Sziegoleit. „Ich war am Ende und wollte nicht mehr weiterleben. Ich war praktisch tot“, lässt er wissen. Heute, fast exakt ein halbes Jahr später, sieht er die Welt mit anderen Augen. Ein Krankenhausaufenthalt hat die Kehrtwende eingeleitet, die Spur führt ins Marienhospital.

Frisch wie eine Brise in der Bretagne

„Ah, ich habe Sie erkannt an Ihrer Zeitung unter dem Arm“, sagt die junge Frau im charmanten französischen Akzent, die mit schnellen Schritten auf die Besucherin aus der Redaktion zugeht. Sie trägt die brünetten, gewellten Haare offen, die Locken federn bei jedem Schritt mit, ihre Wangen leuchten. Lauriane Diraison ist 28 Jahre alt, im Département Finistère in der Bretagne geboren. Sie wirft einen Blick auf den Schreibblock, schiebt mit dem Zeigefinger ihre Brille zurück zur Nasenwurzel und sagt: „auf das ,e’ hier bei Finistere muss noch ein Accent.“ Die junge Frau hat ganz offensichtlich eine frische Brise der von Wind und Wasser umtosten, westfranzösischen Küste mitgebracht ins Bildungszentrum des Marienhospitals. Still sitzen liegt ihr nicht, Untätigkeit ohnehin nicht. Sie hat Abitur, ihre zweite Fremdsprache war Deutsch. Doch ihrer ursprünglichen Profession, dem Tourismusgewerbe, hat sie für immer den Rücken gekehrt. Stattdessen lässt sie sich zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ausbilden. „Ich wollte von Beginn an etwas Hilfreiches tun, aber statt sich zu bedanken, sind Gäste im Hotel oft respektlos gewesen. Hier bin ich richtig.“

Von der eigenen Beerdigung geträumt

Manfred Sziegoleit stimmt dem zu. „Im August 2017 hatte ich schon 45 Kilogramm abgenommen und wurde immer schwächer“, erinnert sich der Stuttgarter, „zum Schluss war ich ganz gelöst und bereit, die Erde zu verlassen.“ Er habe damals in einer kleinen Wohnung gelebt, allein. Nur noch Apfelschorle habe er getrunken und von seiner eigenen Beerdigung geträumt. Am Ende hätte er dann doch den roten Knopf seines Hausnotrufs gedrückt – und kann es sich bis heute nicht erklären. In der Kardiologie des Marienhospitals „kam dann die liebenswerte Lauriane, hat meinen Arm gestreichelt und mir mit ihrem französischen Akzent Mut zugesprochen. Immer wieder.“

Trost von der Schwesternschülerin

„Er hat einfach losgelassen“, sagt Lauriane Diraison in diesem unverwechselbaren, singenden Tonfall, zieht die Schultern fragend hoch und schüttelt den Kopf. In den folgenden Wochen erfährt sie vieles aus seinem Leben, viel Schönes. Sie nimmt sich Zeit, spricht mit ihm. „Jeder Patient hat eine Geschichte, und ich höre sie gern“, sagt sie, „ich arbeite von ganzem Herzen.“

Sie schaut mit ihrem Patienten Fotoalben an, hört zu, wenn er von seiner Berufstätigkeit erzählt, wo er auf Reisen war. Sie sagt zu Manfred Sziegoleit: „Ich habe Zeit für Sie. Was brauchen Sie?“ Man lerne aus jeder Begegnung, wann wie viel Distanz nötig sei, „wir sind keine Freunde, aber wir können trösten“, sagt sie über sich und die anderen Krankenschwestern.

Wohlgefühl in der neuen Heimat

„Ich und sie – wir liegen halt auf einer Wellenlänge“, meint Manfred Sziegoleit. Er hat seine kleine Wohnung inzwischen aufgegeben und ein Zimmer in einem Seniorenheim bezogen, seinen „Wartesaal zum Tod“. Munter und mit fester Stimme erzählt er von seinem Beruf als Ausbildungsleiter bei großen Firmen und von Rhetorikseminaren, von seiner Vergangenheit als Langstreckenläufer und von seiner Fahrradbegeisterung. „Ich fühle mich total wohl hier, ich gehe regelmäßig in den Speisesaal, singe viel und spiele Gitarre. Das verdanke ich allein Lauriane, dieser reizenden Person.“ Das Schönste für ihn wäre, sie würde für ihr Tun eine kleine öffentliche Anerkennung bekommen. Deshalb, dachten wir, schreiben wir die Geschichte auf.

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