Der Rollator ist kein Hindernis: Erika Böttcher genießt das Meer. Foto: privat

Von Kritik und vorschnellen Urteilen hat sich ein Pflegeheim nicht abbringen lassen und reiste mit einer Gruppe von Bewohnern nach Mallorca. Das Erlebnis veränderte alle, die dabei waren.

Korntal-Münchingen - Erika Böttcher war nicht aufzuhalten. Strandpromenade – schön und gut. Aber sie wollte ans Meer. Und sie schaffte es. Mit Rollator – und mit tatkräftiger Hilfe. Dass die alte Dame spüren konnte, wie ihr der weiche Sand die Zehen kitzelte, dass sie sogar ein Stück weit hineinkonnte in die klare, türkisfarbene See, das verdankt sie drei Pflegekräften, einer Ehrenamtlichen, einer ambitionierten Pflegeheim-Leitung und einer Reihe von Spendern. Sie halfen, dass der Traum von einer Mallorca-Reise für eine Gruppe pflegebedürftiger, teils an Demenz leidender Bewohner vom Münchinger Seniorenzentrum Spitalhof wahr wurde. Und das, obwohl das Heim einiges Unverständnis geerntet hatte, als es für sein Vorhaben die Werbetrommel rührte. Alte Menschen in einem solchen Zustand, lautete der Tenor, bräuchten doch nun wirklich keine Flugreise auf die Balearen mehr anzutreten.

Für Patricia O’Rourke, die Leiterin des Heimes, gibt es keinen Zweifel: „Die Reise war genau die richtige Entscheidung.“ Sonne, Wind, Meer und die wohlwollende Atmosphäre in einem behindertengerechten Hotel in Cala Millor hätten die Gemüter der sechs Senioren aufgehellt. Und nicht nur das: „Unsere Bewohner haben durch diesen Urlaub eine neue Wertschätzung im Menschsein erfahren“, sagt sie. Zum Beispiel, indem sie sich selbstbestimmt an einem Hotelbuffet aussuchen konnten, was sie essen mochten – für Otto-Normal-Urlauber eine Selbstverständlichkeit.

Genau hinschauen, wo man den Bewohnern Gutes tun kann

Aber auch ihre Mitarbeiterinnen Susanne Vogt, Sigrid Tüchter und Teodora Kieler hätten abseits des Heimalltages wertvolle Erfahrungen gemacht, sagt O’Rourke, die selbst nicht mit von der Partie war. „Bei so einem Betreuungsschlüssel und außerhalb der gewohnten Abläufe lernt man die Bewohner noch mal ganz anders kennen.“ Die alten Menschen selbst nahmen die Mitarbeiterinnen während des Urlaubs weniger als Heim-Personal wahr denn als gute Bekannte, denen sie allerdings bedingungslos vertrauten. Ob bei Ausflügen, die mit behindertengerechten Fahrzeugen problemlos klappten, oder alltäglichen Notwendigkeiten, die alleine nicht mehr bewältigt werden können.

Die Eindrücke von der Reise sieht O’Rourke auch als Verpflichtung, immer wieder den Blick zu justieren, feinfühlig in der Beobachtung zu sein „und genau hinzuschauen, was wir unseren Bewohnern Gutes tun können“.

Das vermeintlich Unmögliche ist möglich geworden

Der 83-jährigen Elisabeth Kern ist die Reise noch ganz klar vor Augen. „Ich bin ins Meer gegangen. Es war wunderbar, als die Wellen gekommen sind“, erzählt sie. Die Woche auf Mallorca schenkte der Frau die persönliche Erstbegegnung mit dem Meer. „Ich bin so froh, dass ich dabei sein durfte“, sagt sie beseelt. Sie probierte alles aus, was möglich war – sogar Muscheln kostete sie.

Zu einer besonders bewegenden Angelegenheit wurde die Reise für Helmut Nitsche. Er flog als Begleiter seiner im Spitalhof lebenden Frau bei der Tour mit. Als sie an Demenz erkrankte, war sie gerade erst Mitte fünfzig; mittlerweile hat sich die Krankheit ihrer so umfassend bemächtigt, dass sie rundum auf fremde Hilfe angewiesen ist. „Ich hatte ziemlich schnell zugesagt“, erinnert er sich. „Aber dann kam die Angst. Ich überlegte, was alles passieren könnte.“ Spitalhof-Mitarbeiterin Teodora Kieler nahm ihm im Vorfeld die Besorgnis: „Na und? Wenn mal was passiert, macht das nichts.“

Für die nötige Pflege und Hilfe legten sich die Begleiterinnen auch nachts ins Zeug

Zweimal pro Nacht kamen die Heim-Mitarbeiterinnen, um die kranke Frau frisch zu machen. „Und immer haben sie gestrahlt. So war die ganze Woche“, erzählt Nitsche, der es sich nie hätte träumen lassen, mit seiner Frau noch mal einen gemeinsamen Urlaub erleben zu können. Als die Reisebegleiterinnen dann auch noch zum 52. Hochzeitstag des Paares einen Kuchen organisierten und zum Ständchen anhoben, war es um Helmut Nitsches Fassung geschehen. „Es ist großartig, wie dieses Team für den Menschen da ist und sich für seine Bestimmung einsetzt – und nicht für die Außendarstellung“, findet er.

Gewagt und gewonnen hat bei der Reise auch Silke Stolp. Sie ist Mitglied des Heim-Fördervereins. Auch wenn ihr Vater, der in der Einrichtung lebte, schon verstorben ist, blieb sie dem Spitalhof verbunden und hilft, wo sie kann – „als ein Dankeschön dafür, dass mein Vater dort noch so eine gute Zeit hatte“. Sie hatte sich im Vorfeld nicht nur beim Spendensammeln stark gemacht, damit auch bedürftige Heimbewohner mitreisen können, sondern übernahm auf Mallorca auch die Organisation.

„Es wäre schön, wenn wir eine Art Vorreiter wären“

„Wir sind alle ein Stück zusammengewachsen und haben als Team bewiesen, dass man trotz Handicap reisen kann“, resümiert Silke Stolp. Das Glück und die Dankbarkeit der ihnen anvertrauten Menschen zu erleben, entschädige für jeden Aufwand. Ohnehin sei es nicht richtig zu meinen, sie habe für das Unterfangen Urlaub „geopfert“, betont sie. „Unsere Bewohner haben mich entschleunigt und runtergeholt. Alles hat seine Zeit gebraucht, und wir haben sie uns einfach genommen.“ Die engagierte Ehrenamtliche hofft, dass die Reise auch anderen Mut macht: „Es wäre schön“, sagt Stolp, „wenn wir eine Art Vorreiter wären.“

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