Noch einmal ans Meer: Wie Dieter Hallervorden als an Demenz leidender Protagonist im Film „Honig im Kopf“ macht es eine Gruppe aus einem Münchinger Heim. Foto: Warner Bros

Mitarbeiter und Ehrenamtliche aus einem Heim in Korntal-Münchingen fliegen mit pflegebedürftigen Bewohnern nach Mallorca. Spenden helfen, das Projekt zu ermöglichen, das kontroverse Reaktionen auslöst.

Korntal-Münchingen - Nicht wahr, Frau Böttcher: Wir sind dabei auf Mallorca“, sagt Silke Stolp und strahlt die neben ihr im Rollstuhl sitzende weißhaarige alte Dame an, „und wenn wir hinschwimmen müssen!“ Erika Böttcher, 85 Jahre alt, stutzt kurz. Ein feines Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann stellt sie sachlich fest: „Ich schwimme aber nicht mehr so schnell. Und Badesachen hab’ ich keine mehr. Das haben die Kinder alles weggegeben.“

Das Meer sehen. Sand zwischen den Zehen fühlen. Die Strahlen der mediterranen Sonne auf dem Gesicht spüren. Ein einziges Mal im Leben. Oder – ein letztes Mal. Für pflegebedürftige Menschen, die im Altenheim leben, ist dieser Traum in unerreichbarer Ferne, sollte man meinen. Doch ein ambitioniertes Gespann aus Pflegekräften und Ehrenamtlichen aus demSeniorenzentrum Spitalhof in Korntal-Münchingen beweist das Gegenteil. Mit einem halben Dutzend ihrer Bewohner steuern sie im April die Balearen an – ein überaus aufwendiges Unterfangen. „Es ist für uns alle ein großes Abenteuer“, sagt die Heimleiterin Patricia O’Rourke. „Viele, die davon hören, sind begeistert.“

Das Projekt stößt auf viel Zuspruch – aber auch auf Missbilligung

Doch das Abenteuer brachte dem Organisationsteam nicht nur Wohlwollen ein. Um die Reise finanzieren zu können, für die Extras wie ein behindertengerechtes Hotel oder Transportfahrzeuge mit Rampe vonnöten sind, war die Gruppe auf Spenden angewiesen. Auch deshalb, weil es nicht von der Finanzlage der Heimbewohner abhängen sollte, wer mitkommen darf. „Ich bin guten Mutes an die großen Firmen hier gegangen. Aber ich bin eines Besseren belehrt worden“, erzählt Silke Stolp, die sich nach dem Tod ihres Vaters weiterhin in dem Heim engagiert, in dem er „zufrieden und umsorgt“ seinen letzten Lebensabschnitt verbracht hat.

Mancher potenzielle Spender reagierte missbilligend, ebenso Menschen im Bekanntenkreis der Mitreisenden. Warum müssen Menschen im Pflegeheim noch Urlaub machen? Und wenn, warum eine Flugreise? Tut’s da nicht der Schwarzwald? Solche und ähnliche Einwände gab es nicht nur einmal. „Und das von Leuten, die selbst nicht mehr jung sind, aber noch ganz selbstverständlich reisen“, empört sich die Wohnbereichsleiterin Sigrid Tüchter, die mitfliegt, obwohl es für sie gewiss kein reiner Erholungsurlaub wird: Die Teilnehmer brauchen teils intensive Betreuung, auch nachts. „Das Pflegeheim ist wie ein Stempel. Wenn du drin bist, kommst du nicht mehr raus, so denken die Leute“, sagt sie. „Teilnahme am öffentlichen Leben wird dir nicht mehr zugestanden.“

Zu derlei Reaktionen fällt Patricia O’Rourke nur ein knapper Kommentar ein: „Ohne Worte.“ Es sei anmaßend, wenn Außenstehende darüber urteilten, ob pflegebedürftige Menschen ein Recht auf eine schöne Reise hätten, oder zu wissen glaubten, dass es für „solche Leute“ ja wohl der Schwarzwald tue. Doch das passe ins allgemeine, negativ konnotierte Bild über die Pflege, sagt O’Rourke. „Pflegenotstand, Missstände und so fort: Das sind doch die Schlagwörter, die man damit verbindet. Etwas Positives hört oder liest man selten.“ Wer könne schon ermessen, was die Reise für die Heimbewohner bedeute.

„Wenn nicht jetzt“, fragt Brigitte Kempinger, „wann dann?“

Helmut Nitsche kann es. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mit meiner Frau noch einmal einen Urlaub erleben darf“, erzählt er. Seine Frau lebt – im Gegensatz zu ihm – im Heim, in ihrer eigenen Welt. Sie hat Demenz, kann nicht mehr gehen, nicht mehr stehen. „Aber Atmosphäre wirkt sehr stark auf sie. Und Sonne und Wärme hatte sie immer gerne“, sagt der 73-Jährige. „Alleine hätte ich mir so etwas nie zugetraut.“

Hildegard Stoll und ihr Mann hatten von ihren Kindern zum 60. Geburtstag eine Mallorca-Reise geschenkt bekommen. Doch er erlitt einen Schlaganfall, das Paar konnte die Reise nie antreten. 24 Jahre ist das her. Die Stolls leben jetzt, auf Hilfe angewiesen, im Spitalhof. Nun darf Hildegard Stoll, die noch nie am Meer war, die Insel doch noch kennenlernen. Ihr Mann kann allerdings nicht mehr mit. Trotzdem: „Ich freue mich, das Land kennenzulernen. Einfach auf die Abwechslung, auf alles“, sagt Hildegard Stoll. „Wenn nicht jetzt“, ergänzt ihre Tochter Brigitte Kempinger, „wann denn dann? Die Gelegenheit muss man beim Schopf packen.“

Das spezielle Reiseprojekt bedarf einer minutiösen Planung

Auch Elisabeth Kern, 83 Jahre, fiebert der Reise entgegen. „Ich werde am Meer flanieren“, malt sie sich die Tage auf Mallorca aus. „Ich bin froh, dass meine Kinder mit der Reise einverstanden waren.“ Gar kein Thema, ergänzt ihr Sohn Matthias Kern: „Die Risiken muss man ausblenden und die Chance nutzen. Von selbst würde man aus Sorge um die Betreuung und Sicherheit nie auf so eine Idee kommen.“ Er erlebt es als „großartig, wie positiv und ohne Ängste“ das Heim das Vorhaben anpacke. Daher habe er keinerlei Bedenken, seine Mutter dem Team anzuvertrauen.

Minutiöse Planung braucht es für das spezielle Reiseprojekt dennoch. Für wen müssen welche Medikamente eingepackt werden? Wie viel Platz werden Windeln und Einlagen im Gepäck einnehmen? Wie viel Taschengeld werden die Reisenden brauchen und wer verwaltet es? Wie werden Rollatoren und Rollstühle transportiert? Fragen wie diese müssen bis ins letzte Detail geklärt sein. Dazu kommt: Der Umzug ins Pflegeheim ist fast immer mit einer Haushaltsauflösung verbunden. Utensilien wie Badeanzüge oder Koffer finden sich also keineswegs mehr automatisch unter den Besitztümern der Heimbewohner. Manches muss noch angeschafft werden.

Umso erleichterter sind die Organisatoren, dass sie doch noch 2400 Euro an Spenden für das rund 10 000 Euro teure Vorhaben bekommen haben. Der Förderverein des Heimes steuert 1500 Euro bei. „So ist es möglich, dass auch Sozialhilfeempfänger mitreisen können“, sagt Patricia O’Rourke. „Das war uns ganz wichtig.“ Denn oft reicht die Rente vorne und hinten nicht für die Finanzierung eines Heimplatzes aus. Für eine Reise schon gar nicht.

Die junge, quirlige Wohnbereichsleiterin Teodora Kieler wird auf Mallorca keine Nacht durchschlafen können. Trotzdem steht ihr die Vorfreude ins Gesicht geschrieben – für sich selbst und für „ihre“ Schützlinge. „Im Leben“, sagt sie, „ist es nie zu spät, um etwas Schönes zu machen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: