Seit seiner Pensionierung beschäftigt sich der Pflanzenzüchter Jan Sneyd mit der Rekultivierung alter Brotweizensorten. Nach 16 Jahren kommt das Projekt nun langsam zum Abschluss.
In einem unscheinbaren Garten in Beuren liegt der Ursprung des Projekts, das die vergangenen 16 Jahre in Jan Sneyds Leben prägte. Hier hat sich der Pflanzenzüchter und emeritierte Professor der Hochschule Nürtingen-Geislingen eine eigene kleine Zuchtstation für alte Brotweizensorten aufgebaut. Tausende Körner von Binkel, Dickkopf- oder Rotkorn-Weizen lagern hier – ein ökologischer Schatz.
2008, kurz nach seiner Pensionierung, sei das Bäckerhaus Veit auf ihn zugegangen und habe gefragt, ob es möglich sei, aus den alten Sorten Backware herzustellen, erklärt Sneyd. Daraus entstand ein Projekt, dessen Ziel es war, alte Brotweizensorten zu rekultivieren. Über die Jahre arbeitete Sneyd mit über 200 verschiedenen Züchtungen. Der Prozess vom Samen zum Brot sei wie eine Wertschöpfungskette, an deren Anfang der Pflanzenzüchter stehe, erklärt Sneyd.
Das Freilichtmuseum ist enger Kooperationspartner
Es brauche jedoch auch andere, die das Projekt vervollständigen, betont er. Neben dem Bäckerhaus Veit, das das Projekt finanziell unterstützt, fällt diese Rolle dem Freilichtmuseum Beuren als Kooperationspartner zu. Sneyd kennt das Freilichtmuseum gut, seit der Eröffnung 1995 hat er an vielen Ausstellungen mitgewirkt und bei der Betreuung der Gärten geholfen. „Als ich das erste Mal hierher kam, gab es nur Wiesen“, erinnert sich der Pflanzenzüchter.
Mittlerweile umfasst das Freilichtmuseum 25 Gebäude, die beispielhaft verschiedene Zeitperioden und deren Lebensweisen darstellen sollen. „Die Zielsetzung ist immer, das Leben der ländlichen Bewohner zu bewahren“, erklärt Julia Brockmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Freilichtmuseum. Neben den Gebäuden und den Tieren seien die Gärten ein weiterer wichtiger Aspekt.
Die Arbeit mit alten Sorten ist auch Schwerpunkt einer Ausstellung im Freilichtmuseum. In Schaukästen werden alte Sorten von Zwiebeln, Linsen oder eben Brotweizen gezeigt. „Es ist wahrscheinlich die größte Ausstellung über regionale alte Sorten“, sagt Sneyd. In diesem Jahr wurden auch kleine Schauparzellen mit den alten Brotweizensorten angelegt. Zu jeder sind Eigenschaften wie der Ertrag oder Resistenzen angegeben.
Alte Sorten, so Sneyd, besitzen oft Gene, die zu einer Vielfalt an Eigenschaften wie Resistenzen oder Verträglichkeit führen. Allerdings sind sie meist weitaus weniger ertragreich als die herkömmlich genutzten Getreidesorten. Die Vielfalt an Genmaterial dürfe jedoch nicht verloren gehen. „Es sollte immer eine Nische für alte Sorten und deren Erhaltung geben“, sagt Sneyd. Hier könne das Freilichtmuseum des Landkreises in Beuren eine wichtige Aufgabe erfüllen und neben der Hauptaufgabe, dem Bewahren, auch zukunftsgerichtet arbeiten, erklärt Brockmann. Durch das Aussähen der alten Sorten auf dem Gelände des Freilichtmuseums könne es selbst als eine Art Genspeicher dienen.
Das Projekt ist über die Jahre gewachsen. Von ersten Versuchen im eigenen Garten sind die Beteiligten mittlerweile auf eine Gesamternte von etwa 45 Tonnen in diesem Jahr gekommen. Aus den alten Brotweizensorten stellt das Bäckerhaus Veit Brot her. „Die Sorten sind anders, die Rezepte und die Mahltechnik müssen angepasst werden“, sagt Sneyd.
Fünf Genotypen sind sind an die Genbank geschickt worden
Das Highlight für den Pflanzenzüchter ist aber, dass in diesem Jahr fünf der rekultivierten Genotypen an die Genbank des Leibniz-Instituts nach Gatersleben verschickt wurden. „Es ist eigentlich ein kleiner Beitrag zum Erhalt der Biodiversität“, sagt Sneyd. In Gatersleben werden die Samen gelagert und können von Personen mit fachspezifischem Interesse angefordert werden. Im nächsten Jahr sollen noch sechs weitere Züchtungen folgen, dann werde er zumindest die intensive Mitarbeit beenden, erklärt der 84-jährige Sneyd. „Wenn man ein Projekt aus Altersgründen abschließt, überlegt man sich, was dann übrig bleiben wird“, sagt der Pflanzenzüchter. Auch deshalb sei er froh, dass elf der über 200 Züchtungen in der Genbank für die Zukunft verwahrt werden.
Noch offen ist wiederum die Zukunft seines Gartens. Der Garten mit den tausenden Körnern in Lagertonnen und der abgedeckten Dreschmaschine, mit der Sneyd selbst das Versuchsgetreide drischt. In der Hütte stehen unzählige Gläser mit Proben vergangener Ernten. Sneyd bezeichnet sich selbst als Sammlernatur. Die über dreißig Teller mit Inschriften zum Thema Brot und Getreide sind nur ein Beispiel dafür. Auch der Dreschschlitten, „düven“ auf Türkisch, aus Ostanatolien zeigt, dass dies der Schaffensort eines Pflanzenzüchters und -enthusiasten ist.
Sneyd selbst könne sich vorstellen, dass Hütte und Gerätschaften eines Tages an einen Ort gebracht werden, wo sie anderen zur Anschauung dienen können. „Ich träume vom Erhalt des Arbeitsplatzes eines Pflanzenzüchters“, sagt Jan Sneyd.
Eine Ausstellung informiert über das Projekt
Spontanzüchtung
Während des Projekts entstand ohne menschliches Zutun aus Richard-Rotkorn- und schwäbischem Dickkopf-Weizen eine neue Weizenart, der „Spontan-Baby-Weizen“. Auch früher seien so neue Sorten entstanden, erklärt Sneyd. Zu dieser Sorte und dem Projekt gibt es im Freilichtmuseum eine kleine Ausstellung.
Freilichtmuseum
Die Gebäude im Freilichtmuseum zeigen vor allem das ländliche Leben, beschäftigen sich aber beispielsweise auch mit der Wirtshauskultur. Das Bienenhaus aus Köngen oder das Backhaus aus Esslingen-Sulzgries sind Zeitzeugen der vergangenen Jahrhunderte.
Brotweizensorten
Die in diesem Jahr zur Genbank geschickten Sorten waren: Richard-Rotkorn-Weizen, Ur-Binkel Population weißhaarig, Spontan-Baby-Weizen, Rot-Rot Hlava-Weizen und Klimawandel-Weizen.