Stadtdekan Søren Schwesig musste beim Gesamtkirchengemeiderat viel Überzeugungsarbeit leisten. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Die evangelische Kirche in Stuttgart muss bis 2024 insgesamt 5,5 Pfarrstellen streichen. Bei diesem schmerzhaften Prozess bekam Stadtdekan Søren Schwesig nun heftigen Gegenwind.

Stuttgart - So hat man Søren Schwesig selten erlebt. Der sonst so zurückhaltende und vornehme Stadtdekan legte kurzerhand seine Funktion beiseite und sprach als Pfarrer. Von Du zu Du mit seinen Kollegen und Delegierten des Gesamtkirchengemeinderats im Hospitalhof. Aus der Fassung gebracht hatte ihn die Mahnung von Stiftspfarrer Matthias Vosseler, zum Kern des Pfarrberufs zurückzukehren, sowie das drohende Scheitern der Abstimmung über den Pfarrplan 2024. „Seit den 70er-Jahren gehen die Zahlen der Kirchenmitglieder zurück“, so Schwesig, „aber es liegt nicht an der Zahl der Pfarrer.“ Und um alle nach einer harten Debatte wieder in die Spur zu bekommen, riet er: „Lassen wir uns realistisch sein.“

Dieser Aufruf hatte fast die Qualität des Originals von Che Guevara: „Seamos realistas y hagamos lo imposible“ ( Lasst uns realistisch sein und das Unmögliche tun). Auf die Stuttgarter Situation übertragen bedeutet das: Laut Pfarrplan 2024 muss Stuttgart 15,7 Prozent an Pfarrstellen reduzieren. Konkret sind das 5,5 Stellen, die der evangelische Kirchenkreis Stuttgart, der Zusammenschluss der 66 Gemeinden in der Landeshauptstadt, verliert. Stadtdekan Schwesig weiß, dass dies schmerzhaft sei, aber betonte erneut: „Ich freue mich auf diesen Prozess, weil er notwendig ist.“

5,5 Stellen fallen weg

Diese Freude über den Weg zur Erneuerung und die „mutigen Schritte“ (Schwesig) teilen nicht alle im Kirchenkreis. Stattdessen überwiegt bei manchen Pfarrern und Gemeinden die Sorge vor dem, was kommen soll. Das sieht nach der Beschlusslage des Gesamtkirchengemeinderats so aus: Die Gemeinde Heiland/Berg verliert 50 Prozent, Gaisburg 25, Petrus 50. Damit verliert der Distrikt Ost 1,25 Stellen. Im Westen ist es eine Stelle. Botnang und Johannes müssen je eine halbe Stelle kürzen. Im Distrikt Nord-West verliert die Nordgemeinde 25 Prozent, die Waldkirche 50. Im Süden fällt die 50-Prozent-Stelle im Haigst weg, Markus verliert 25 Prozent, Heslach und Thomas je 50 Prozent. In der Mitte werde dagegen aus Sicht von Pfarrer Eberhard Schwarz (Hospital) überproportional gekürzt. In den vier Gemeinden (Leonhard, Stiftskirche, Hospital und Hofacker) fällt insgesamt eine Stelle weg. „Das können wir so nicht mittragen“, sagte Schwarz und stimmte mit den anderen Mitte-Vertretern gegen den Entwurf.

Hintergrund ist die besondere Rolle der City-Kirche. Damit meint Schwarz Konzepte im Hinblick auf das Diakoniepfarramt, die missionarischen Dienste, vor allem aber die „landeskirchliche Bedeutung der Citykirchenarbeit“. Soll heißen: Die Kirchen in der Innenstadt haben Ausstrahlung auf das Land und werden daher auch anders – mitunter auch von kirchenfernen Menschen – wahrgenommen. Schwarz spricht den Mitte-Streichungen daher das Attribut „zukunftsfähig“ ab. Ob in Zukunft auch die Dekanats-Struktur „noch trägt, ob wir vier Dekane brauchen?“, stellte Pfarrer Jochen Maurer (Nord) infrage. Schließlich gebe es immer weniger zu verwalten. Stadtdekan Schwesig stellt sich auch dieser Herausforderung im Sinne seines kreativen Realismus‘: „Die Zahl der Dekanate wird uns in Zukunft beschäftigen.“

Beck greift die Landeskirche an

In diesen Reigen reihte sich auch Kirchenpfleger Hermann Beck ein. Sein Kassenbericht enthielt die Botschaft: „Lassen Sie uns gemeinsam das Unmögliche wagen.“ Beck, der das Haushaltsvolumen für 2018 mit 46,3 Millionen Euro (2,1 Prozent weniger als im Vorjahr) bezifferte, stellte zudem fest: „Die Steuerquellen sprudeln wie noch nie.“ Allerdings komme durch die Zuweisung der Landeskirche nur ein Bruchteil davon bei den Stuttgarter Gemeinden an. Es versiege ein großer Teil, so Beck.

Damit kritisiert er den Verteilungsschlüssel der Landeskirche und die Zweckbindungen des Geldes. „Aus meiner Sicht sind das Eingriffe in die Selbstverwaltung, die die Selbstständigkeit und das Entscheidungsrecht der Gemeinden tangieren.“ Es habe etwas „Obrigkeitsstaatliches“ an sich, wenn die Landeskirche wisse, was gut für die Gemeinden sei. Beck: „Wir sind selbst in der Lage mit dem Geld vernünftig umzugehen.“

Der Sprecher der Landeskirche, Oliver Hoesch, sagte dazu: „Dahinter stehen komplexe Zusammenhänge, die wir uns genau anschauen werden.“ In Kirchenkreisen gilt zudem der Satz: „Die Synode hat das Haushaltsrecht. Es ist ihr Königsrecht.“

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