Charlotte Sander in der Veitskapelle in Stuttgart-Mühlhausen. Foto: Peter Petsch

31. Oktober? Da war doch was? Halloween, ruft die Kinderschar. Über die Ursprünge des Fests wissen die nichts, sagt Pfarrerin Charlotte Sander aus Mühlhausen, die kommenden Freitag lieber der Reformation gedenkt.

Stuttgart – 31. Oktober? Da war doch was? Halloween, ruft die Kinderschar. Über die Ursprünge des Fests wissen die nichts, sagt Pfarrerin Charlotte Sander, die kommenden Freitag lieber der Reformation gedenkt. -
Frau Sander, wenn an Halloween Kinder bei Ihnen an der Haustüre klingeln, geben Sie denen dann Saueres?
Nein, dann gibt es manchmal Luther-Kekse.
Was ist denn das?
Das sind Bonbons oder Kekse, die von der Evangelischen Kirche produziert wurden, mit dem Aufdruck: „Am 31. Oktober ist Reformationstag.“ So kann man Kinders Süßes geben und ihnen gleichzeitig signalisieren, dass der 31. Oktober eigentlich ein anderes Datum für evangelische Christen ist.
Geht Ihnen Halloween auf den Geist?
Als Pfarrerin finde ich den Termin unpassend. Mir persönlich geht er auf den Geist, weil ich damit nichts anfangen kann. Ich finde das Halloween-Getue nervig.
Woran liegt’s?
Ich sehe keinen Sinn hinter diesem Fest und finde es auch nicht lustig, Türen mit Schaum einzusprühen. Oder Leute zu nötigen, etwas rauszurücken – für nichts. Das ist etwas anderes bei den Sternsingern, da gebe ich etwas für einen guten Zweck in eine Sammelbüchse. Die Kinder, die da an Halloween an der Haustüre auftauchen, haben doch keine Ahnung, wie der Brauch entstanden ist. Genauso wenig wie ihre Eltern das wissen.
Dann können wir jetzt aufklären. Im Internetlexikon Wikipedia findet man zu Halloween neun Seiten, zum Reformationstag nur drei. Weckt das Neid?
Überhaupt nicht. Beim Reformationstag ist die Herkunft klarer als bei Halloween. Bei Halloween gibt es zig Interpretationen. Ich neige zur kirchlichen Variante, also, dass Halloween mitnichten ein keltisches Fest ist. Der keltische Ursprung leuchtet schon deshalb nicht ein, da die Kelten mit als erste missioniert wurden, da hält sich so ein Brauch nicht im Untergrund. Aber diese Diskussion interessiert keinen, der als Skelett durch die Gegend rennt.
Wie erklären Sie sich den Erfolg von Halloween?
Als bei uns 1991 der Karneval wegen des Golfkriegs ins Wasser gefallen ist, suchte die Verkleidungsindustrie einen neuen Absatzmarkt. Also hat man kurzerhand den Halloween-Zauber importiert.
Ein Religionsethnologe beschrieb Halloween Anfang des 20. Jahrhundert mal als „altes heidnisches Totenfest mit einer dünnen christlichen Hülle“.
Ob das so jemals so war, daran habe ich meine Zweifel. Aber bei uns kümmert das wie gesagt ohnehin keinen Menschen. Halloween ist ein Kassenschlager für Süßwaren- und Karnevalsproduzenten.
Ministerpräsident Kretschmann will, dass der Reformationstag 2017, dem 500-Jahr-Jubiläum, als Feiertag begangen wird.
Das ist richtig so. Dafür darf er sich ruhig auch als Katholik einsetzen. Die Evangelische Kirche wirbt natürlich seit Jahren für den Reformationstag, aber es geht an vielen vorbei, was für ein revolutionäres Datum sich dahinter verbirgt.
Was bedeutet der Reformationstag für Sie?
Er ist für mich wichtig, weil er an die Reformation erinnert. Wir haben in diesem Jahr seit langem mal wieder in der Veitskapelle in Mühlhausen um 19 Uhr einen Reformationsgottesdienst. Eine schöne Tradition ist auch ein Forum in Bad Cannstatt, bei dem man am Reformationstag Fragen der Zeit diskutiert. In diesem Jahr geht es um den Mauerfall. Und dann gibt es noch die Churchnight, einen Jugendgottesdienst in der Lutherkirche Bad Cannstatt um 19 Uhr. Das alles sind gelungene Versuche, den Reformationstag wieder ins Bewusstsein zu rücken.
Als Gegenveranstaltung zu Halloween?
Nicht als Gegenveranstaltung. Als Alternativprogramm für Leute, die Halloween so wie ich nervig finden.
Dann können Sie bei der Gelegenheit auch diskutieren, ob Luther im Jahr 1517 wirklich seine 95 Thesen an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg abgebracht hat. So ganz unumstritten ist das ja nicht.
Die Deutungen, die ich kenne, besagen, dass er die Tür an der Schlosskirche quasi als schwarzes Brett benutzt hat. Ob es nun gleich alle 95 Thesen oder nur wenige waren, erscheint mir nicht so wichtig zu sein. Sicher lief das auch nicht so markig ab, wie es in irgendwelchen Luther-Filmen gezeigt wird. Aber mir leuchtet es ein, dass so ein herausragender Platz ein Forum bot, um eine Diskussion in Gang zu bringen.
Sie unterrichten derzeit Konfirmanden. Spielt da das Thema Halloween gegen Reformationstag eine Rolle?
Es spielt insofern eine Rolle, dass ich die Konfirmanden zu dem Jugendgottesdienst nach Bad Cannstatt einlade. Aber da die Herbstferien beginnen, ist fraglich, wer das wahrnimmt.
Aber Halloween thematisieren Sie nicht?
Ich missioniere niemanden. Wenn aber als einzige Antwort auf die Frage, was es im Herbst für ein Fest gibt, nur Halloween kommt, diskutieren wird da schon drüber. Im Grunde geht es dem Reformationstag nicht besser als anderen kirchlichen Gedenktagen: Die Kenntnis von Festinhalten ist minimal. Nicht nur bei Kindern.
Was kann man dagegen tun?
Die Menschen immer wieder einladen. Viele Leute haben verlernt, kirchliche Feste als kulturelles Gut wahrzunehmen. Wenn ich ketzerisch wäre, könnte ich sagen: Also gut, wenn die Bevölkerung nicht mehr in der Lage ist, zu erkennen, dass Pfingsten ein kirchliches Fest ist, dann brauchen wir die Feiertage auch nicht mehr.
Was hätte Luther, dieser streitbare Geist, zu Halloween gesagt?
Er hätte es als höchst unnötig gefunden, angesichts der Sorgen, die es in der Welt gibt – und es wohl als heidnischen Mummenschanz bezeichnet.
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