Pfarrer Helmut Müller Den Hospitalhof zur Marke gemacht

Von Eva Funke 

Pfarrer Helmut Albert Müller packt: Mit ihm ziehen mehr als 1000 Bücher aus den Büroräumen im Bildungszentrum Hospitalhof aus. Foto: Peter-Michael Petsch
Pfarrer Helmut Albert Müller packt: Mit ihm ziehen mehr als 1000 Bücher aus den Büroräumen im Bildungszentrum Hospitalhof aus. Foto: Peter-Michael Petsch

Helmut Albert Müller ist im Aufbruch. Umzugskartons müssen bestellt, mehr als tausend Bücher gepackt werden. 27 Jahre hat der Pfarrer das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof in der Stuttgarter Innenstadt geleitet. Jetzt geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Am Freitag wird er verabschiedet.

Helmut Albert Müller ist im Aufbruch. Umzugskartons müssen bestellt, mehr als tausend Bücher gepackt werden. 27 Jahre hat der Pfarrer das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof in der Stuttgarter Innenstadt geleitet. Jetzt geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Am Freitag wird er verabschiedet.

Stuttgart - Die Bilanz kann sich sehen lassen: Mehr als 10.000 Veranstaltungen hat Pfarrer Helmut Albert Müller seit 1987 konzipiert. Die hochkarätigen national und international bekannten Referenten machten die Vorträge, Tagungen, Workshops, Themenreihen und Ausstellungen zu Juwelen in der evangelischen Bildungsarbeit. „Ich habe nie einfach irgendjemanden engagiert. Ich wollte immer die Besten ihres Faches am Hospitalhof haben“, sagt Müller.

In seiner letzten Veranstaltungsreihe am Hospitalhof ging es um die Phase zwischen dem 65. und 85. Lebensjahr. „Eine Studie des Allensbacher Instituts belegt, dass dieser Lebensabschnitt eine sehr erfüllte Zeitspanne sein kann“, sagt Müller und räumt ein, dass er an dieser Veranstaltungsreihe ein großes Eigeninteresse hatte. Ein Abschied, auch der aus dem Berufsleben, sei immer eine zwiespältige Sache: „Liebgewonnenes und Vertrautes gehen zu Ende. Was kommt, ist ungewiss.“

In den unzähligen Veranstaltungen, die Müller in 27 Jahren entwickelt und realisiert hat, war Dreh-und-Angel-Punkt häufig das Verhältnis zwischen Glaube und Naturwissenschaften, zwischen Kunst und Glaube. „Wer sich ernsthaft mit den Errungenschaften der Kultur auseinandersetzt, stößt darauf, dass Kultur von Voraussetzungen lebt, die sie nicht selbst geschaffen hat“, ist der Pfarrer überzeugt.

Bei der Auswahl der Themen und Referenten hat es Müller immer wieder riskiert, in konservativen Kirchenkreisen anzuecken. Noch mehr als über das Thema Sexualität ereiferten sich die Kritiker Müllers in den neunziger Jahren über eine Reihe zu den Weltreligionen. Als sich ein Vertreter des Islam in der Hospitalkirche zu der Frage äußerte, was Hoffnung in seiner Religion bedeute, wurde Müller vorgeworfen, er mache die Kirche zur Moschee. Und man wollte ihn aus dem Amt jagen. Zum Glück hatte er den Vertreter des Islam für seinen Vortrag nicht auf die Kanzel gelassen. „Das hätte mich tatsächlich den Job gekostet. Denn von der Kanzel darf nur das Evangelium verkündet werden“, sagt Müller. Nach dem Vorfall hat es nicht mehr lange gedauert, bis die Förderung der Begegnung der Religionen zum erklärten Ziel der Evangelischen und Katholischen Kirche wurde.

Dass er der Zeit mit seiner Themensetzung häufig voraus war, hat den Pfarrer in seinem Ziel bestätigt: „Mir ging es darum, die Grenzen des Möglichen auszuloten und vorurteilslos an die Dinge heranzugehen.“ Evangelische Bildungsarbeit versteht Müller als eine „ursprünglich protestantische Aufgabe“. Menschen dazu fähig zu machen, verantwortlich mit sich und der Welt umzugehen. Müllers Absicht war es nie, die Besucher des Hospitalhofs über die Bildungsarbeit zu missionieren: „Ich muss meine religiöse Überzeugung nicht vor mir hertragen. Im Umgang mit mir soll spürbar sein, dass ich Gott im Herzen habe.“ Vielleicht war diese Bescheidenheit ein Grund dafür, dass doch der eine oder andere Hospitalhofbesucher den Weg zurück in die Kirche fand.

Eingerichtet wurde das Bildungszentrum im Hospitalviertel , weil die Kirchengemeinde von rund 15 000 Mitgliedern Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Ansiedlung von Geschäfts- und Bürohäusern nach dem Zweiten Weltkrieg auf 1700 Mitglieder geschrumpft war, das Innenstadtviertel aber nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden sollte. Als Müller die Leitung 1987 von Martin Klumpp übernahm, der Dekan in Stuttgart und später Prälat wurde, bestand das Zentrum seit sieben Jahren. Pro Jahr gab es etwa 80 Veranstaltungen. „Damit war der Grundstock für meine Arbeit gelegt“, sagt der Pfarrer.

400 bis 500 Veranstaltungen pro Jahr, für die Müller in Alleinregie verantwortlich war: Wie schafft man ein solches Pensum über einen Zeitraum von fast 30 Jahren? „Mit 14 bis 16 Stunden Arbeit täglich. Der Oberkirchenrat hat das Geschäft vermutlich jemandem anvertraut, von dem er wusste, dass er für drei schaffen kann“, sagt Müller. Er sagt aber auch, dass es ihm ganz recht war, Arbeit und Verantwortung nicht teilen zu müssen. „Da schwätzt einem keiner rein. Und außerdem spart es Zeit, wenn man nicht jeden Schritt in Gremien diskutieren muss.“

Referenten, die Schlange stehen, um im Hospitalhof ihre Thesen vorzutragen, und bis zu 50 000 Teilnehmer an den unterschiedlichsten Angeboten pro Jahr: Pfarrer Helmut Albert Müller hinterlässt seiner Nachfolgerin Monika Renninger ein gut bestelltes Feld. Auch den Neu- und Umbau des Hospitalhofs für rund 23 Millionen Euro hat Müller noch mitbegleitet. Wenn die Einrichtung nach der Erweiterung Ende April wiedereröffnet wird und mit einem neuen Programm an den Start geht, ist Müller nicht mehr mit von der Partie. Den Vorschlag seiner Nachfolgerin, sich weiterhin um den Bereich Kunst zu kümmern, hat er weise abgelehnt. „Das ginge nicht gut. Ich könnte meine Vorstellungen nicht anderen Konzepten unterordnen“, sagt er.

Seine Zukunft ist in Nordheim bei Heilbronn. Dort bezieht er zusammen mit seiner Frau sein Elternhaus. Und auch wenn sich jetzt noch ein Schuss Wehmut in den Blick nach vorn mischt, aus seiner letzten Veranstaltungsreihe hat Müller gelernt: Mit 65 Jahren ist noch lange nicht Schluss. Die Nordheimer jedenfalls können sich auf das neue Gemeindemitglied freuen: Gesprächszirkel in kleiner Runde und Ausstellungen vielversprechender Künstler will Müller in der wiedergefundenen Heimat ausrichten – und jede Menge Bücher rezensieren.

Am Freitag, 28. Februar, wird Pfarrer Helmut Albert Müller offiziell verabschiedet. Um 14 Uhr in der Hospitalkirche, dann im Neubau des Hospitalhofs und abschließend beim CVJM in der Büchsenstraße 37.

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