Pfandring in Stuttgart Mülleimer für mehr Menschenwürde

Von Martin Haar 

Mülleimer mit Pfandring - eine Lösung für die Flaschensammler? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Mülleimer mit Pfandring - eine Lösung für die Flaschensammler? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Stadt will Pfandsammlern das Leben leichter machen. Sozial schwache Stuttgarter, die in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen, sollen von so genannten Pfandringen profitieren.

Stuttgart - Armut bewegt Menschen. Die einen zu guten Taten. Die anderen zu zehn Kilometern Fußmarsch durch die Stadt. Dieses Pensum spult Monica K. täglich ab. Mit ihrem Einkaufsroller, auch Hackenporsche genannt, und einer verlängerten Zange tourt sie von Mülleimer zu Mülleimer. Immer auf der Suche nach Pfandflaschen. „Ich verdiene mir so am Tag zwischen zwei und drei Euro dazu“, sagt die Dame aus Osteuropa.

Eben solche Schicksale wie das von Monica K. bewegt in Stuttgart viele. Unter anderen die Grünen und die Mitglieder des Jugendrates, wie Thomas Heß, Geschäftsführer des Eigenbetriebs Abfallwirtschaft, berichtet: „Sie haben gefordert, dass wir an den Mülleimern der Stadt Pfandringe anbringen.“ Damit soll den sozial schwachen Menschen, die in den Mülleimern, nach Pfandflaschen stöbern, mehr Würde gegeben werden. Dank des Ringes am Mülleimer können sie die dort abgestellten Flaschen mühelos einsammeln, ohne im Mülleimer wühlen zu müssen. So weit die Theorie.

Ob der Ansatz in der Praxis tatsächlich zu mehr Würde der Pfandsammler führt, weiß keiner. Daher die fünfmonatige Testphase, die Heß am Donnerstag startete. Kosten für Material an neuen Mülleimern und für die Dokumentation: 5000 Euro. Unterstützt wird das Pilotprojekt von der Internet-Plattform Wewant. Sie spendet 1000 Euro für die Anschaffung der Pfandringe. Aber weder Wewant noch die Abfallwirtschaft haben vor der Umsetzung mit den vermeintlichen Nutznießern gesprochen.

Was halten Monica K. und die anderen Pfandsammler in der Stadt, deren genaue Zahl Thomas Heß nicht kennt, von der neuen Idee?

„Wir haben doch jetzt schon eine gewaltige Konkurrenz“

Nichts. „Wissen Sie“, sagt die Endfünfzigerin mit wettergegerbten Haut, „wir haben doch jetzt schon eine gewaltige Konkurrenz.“ Nun, wenn die Pfandflaschen auf dem Präsentierteller stünden, könnten auch andere danach greifen. Zum Beispiel Jugendliche. „Außerdem würden mich das nicht davon abhalten, dennoch in dieser Tonne weiter zu suchen.“ Einer ihrer Konkurrenten, der an diesem Tag auch auf der Königstraße unterwegs ist, reagiert ähnlich. „Was soll mir das bringen?“, fragt er. Und mit Wort wie Würde oder Scham könne er schon lange nichts mehr anfangen: „Das verliert sich mit der Zeit.“

Zwei Beispiele, die Skepsis schüren. Wohl auch die von Thomas Heß. Der Chef der Abfallwirtschaft hat ohnehin viele Zweifel an der Wirksamkeit der Pfandringe. Seine Recherchen bei anderen Städten, die bereits mit Pfandring-Mülleimern Erfahrungen gemacht haben, endeten mit schlechten Nachrichten. Er spricht beispielsweise von Bamberg oder Köln. Aber auch in Sindelfingen wird mit Pfandringen experimentiert. „In allen Städten gibt es bisher mehr kritische Stimmen als Befürworter. Viele Städte haben es bereits wieder abgeschafft“, sagt Heß, „daher sind wir gespannt, ob sich die Ideologie durchsetzt oder das gut gemeinte eher ins Gegenteil umschlägt. “

Wespen- und Scherbengefahr durch Pfandringe?

Mit dem Gegenteil meint Heß drei Punkte: Im Sommer, so befürchtet er, könnten die Limo-Flaschen Bienen oder Wespen anlocken und schließlich zu einer Gefahr für Passanten werden. Sorgen machen ihm auch die Glasflaschen, die aus den Ringen fallen könnten. Die Scherben bergen aus seiner Sicht eine Gefahr für Passanten und Radfahrer. Zudem machten sie der Abfallwirtschaft auch zusätzliche Arbeit.

Dennoch ist Thomas Heß offen und „sehr gespannt, welche Ergebnisse die Testphase bringt“. Sollte sich ein durchschlagender Erfolg einstellen, könnten theoretisch alle 5000 Mülleimer in der Stadt mit Pfandringen ausgestattet werden. Bei einer Größenordnung von 1000 Stück rechnet Heß mit Kosten in Höhe von 50 000 Euro: „Wenn sich die jetzigen Kosten verzehnfachen, müsste sowieso der Gemeinderat entscheiden.“

Zunächst waren nur sechs Teststandorte in der Stadt geplant. Doch auf Druck des Jugendrates wurden es schließlich neun Mülleimer mit Pfandringen. Diese neun Standorte findet man in . . .. . . der Hackstraße 2/1, der Ostendstraße 65, der Breite Straße 2, der Nadlerstraße 19, der Schlossstraße 52, der Hasenbergstraße 50 sowie der Theodor-Heuss-Straße 24 und 34.

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