Petra von Olschowski Foto: mwk

Zu den in der Politik neuen Gesichtern in der grün-schwarzen Landesregierung gehört die parteilose Petra von Olschowski. Als Quereinsteigerin mit klaren Vorstellungen zeigt sich die neue Kunststaatssekretärin nun im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“.

Stuttgart - Petra von Olschowski über ihre Ziele als neue Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium

Frau von Olschowski, Sie haben für Ihre zweite Amtszeit als Rektorin der Stuttgarter Kunstakademie gekämpft. Was bewegt Sie zu dem Wechsel?
Die Anfrage von Ministerpräsident Kretschmann kam tatsächlich ein paar Tage nachdem ich mich an der Akademie in einem Vorstellungsgespräch für meine Wiederwahl beworben hatte. Dem Haus stehen wichtige Jahre des Umbruchs bevor, und ich hätte diese sehr gern mit dem hervorragenden Team, das mich dort seit sechs Jahren unterstützt, angepackt. Das war der Plan, und ich habe dafür viel Unterstützung von den Kollegen erhalten. Die Chancen standen nicht schlecht, dass die Gremien sich für mich entscheiden würden. Gleichzeitig läuft meine erste Amtszeit in diesen Wochen aus, und so gibt es auch einen natürlich Einschnitt.
Was bedeutet dieser für Sie?
Man hat im Leben nicht oft die Möglichkeit, für Themen, für die man persönlich steht, politisch auf hoher Ebene eintreten zu können. Ich kenne die Kulturszene in Baden-Württemberg in ihrer Breite seit vielen Jahren gut und fühle mich ihr sehr verbunden. Ich gehe schweren Herzens, aber ich freue mich darauf, mit Frau Ministerin Bauer und den Kollegen im Ministerium zusammen, die Kunst- und Kulturszene im Land zu stärken und zu begleiten.
Gibt es mit Ihrer Berufung eine Verschiebung der Aufgabenbereiche der Staatssekretärin? Hin auch in den Hochschulbereich?
Im Moment ist das nicht vorgesehen. Schon jetzt gehören die Kunst- und Musikhochschulen sowie die Pop-, Film- und Theaterakademie ja in den Verantwortungsbereich. Aber in der Tat wollen wir die Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft stärker in unserer Arbeit sichtbar machen.
Was sind Ihre ersten Ziele? Sie geraten ja in durchaus „schweres Wetter“. Jüngst das Ringen um die Stadt-Land-Finanzierung in Karlsruhe, die auch städtebaulich relevante Neuordnung des Staatstheater-Areals in Stuttgart, ein sich weiter zu Ungunsten des klassischen Spielbetriebs veränderndes Publikumsverhalten, . . . Wie viele Baustellen gleichzeitig können Sie bewältigen?
Sie haben einige der wichtigsten Themen, die uns in nächster Zeit beschäftigen werden, genannt. Natürlich hoffen wir immer noch, die schmerzhaften Konsequenzen, die Kürzungen der Stadt Karlsruhe auch für die Kultur des Landes nach sich ziehen würden, aufhalten zu können. Dazu kommen Aufgaben wie: die Museen und Bibliotheken zu modernisieren und gemeinsam mit dem Kultusministerium endlich im Bereich Kunstvermittlung gemeinsam einen Schritt weiter zu kommen. Aber ich glaube, es darf nicht um die Anzahl an „Baustellen“ gehen, die man bewältigen kann.
Sondern?
Die Fragen, die sich aktuell stellen, sind doch viel grundsätzlicher und sollten auch so angegangen werden. Unsere Gesellschaft verändert sich im Moment sehr stark. Internationalisierung und Migration sind nur ein Aspekt davon, wenn auch ein wichtiger. Ich bin davon überzeugt, dass die Künste in ihrer eigenen Art, Welt zu reflektieren, uns helfen, diese Umbrüche wahrzunehmen und zu verstehen. Es ist mir gerade in dieser Zeit wichtig für einen freien, offenen Kulturbegriff der Toleranz, Neugier, des Wissen- und Verstehen-Wollens einzutreten, einen Begriff, der zugleich um Geschichte und Traditionen weiß.
Aus Ihren Erfahrungen im Hochschulbereich: Werden Sie mit Frau Ministerin Bauer gemeinsam auf eine neue Allianz mit dem Kultusministerium dringen, um mögliche Lücken im Übergang zwischen weiterführenden Schulen und Hochschulen zu schließen?
Es wird auf vielen Gebieten wichtig sein, enger mit dem Kultus- und übrigens auch mit dem Wirtschaftsministerium zusammenzuarbeiten. Ich denke dabei etwa auch an das umgestellte Lehramtsstudium, das am Übergang in die Praxis sicher noch verbessert werden kann. Neue personelle Konstellationen bieten an diesen Stellen auch Chancen.
Der Kulturhaushalt des Landes ist stabil bei 1 Prozent, zuletzt lag er leicht darüber. Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger Jürgen Walter sind Sie nicht in einer Fraktion, nicht im Landtag verankert. Wie schwierig wird es da, die notwendigen Allianzen zu schmieden?
Jürgen Walter war in dieser Hinsicht ein großartiger Netzwerker und hat dadurch viel für die Kultur im Land erreicht. Ich werde sicher andere Wege finden müssen. Meine Arbeit bei der Kunststiftung Baden-Württemberg allerdings hat mir gezeigt, dass man gerade für die Kultur durchaus über die Fraktionen hinweg Koalitionen schmieden kann. Eine Einrichtung wie die Kunststiftung lebt davon. Und viele der zu meiner Zeit im Beirat engagierten Landespolitiker wie Edith Sitzmann, Nils Schmid, Sabine Kurtz, Hans-Ulrich Rülke sind heute immer noch starke Stimmen, die man für die Kultur gewinnen kann. Ich setze auf Gespräche und gemeinsame Themen.
Ungeachtet punktueller Themensetzungen hat die Landesregierung seit 2011 die Linie der fraktionsübergreifend entwickelten Kulturkonzeption 2020 fortgeschrieben. Welche Bedeutung kann ein solcher Rahmenplan weiterhin haben?
Ich glaube, es ist wichtig, diesen Rahmenplan in den kommenden Jahren weiter zu entwickeln und neue Schwerpunkte zu setzen. Dabei kommt es weniger auf das gedruckte Endprodukt einer solchen Konzeption an, als auf den gemeinsamen Weg dahin und eine Festschreibung der wichtigsten Ziele. Eine Online-Plattform könnte eine gute Form sein. Die Themen, die ich vorhin angesprochen habe, finden im Bericht Kultur 2020 noch nicht den Niederschlag, den man ihnen heute geben würde. Ziel wäre also auch, die Künstler und die Institutionen über Spartengrenzen hinweg in Dialog zu bringen und über die Gesellschaft von morgen zu sprechen. Auch die Hochschulen können aus meiner Sicht bei dieser Debatte eine wichtige Rolle spielen. Und das Publikum muss ebenfalls eingebunden werden.
Minister Frankenberg hatte umfassende Begegnungen der Kulturschaffenden im Land initiiert, Ministerin Bauer hat zudem die Begegnung mit jüngeren Vertretern aus Wirtschaft und Industrie forciert. Welche Bedeutung messen Sie solchen Dialogen bei?
Sie sind absolut wichtig und notwendig. Man kann Kulturpolitik nicht aus dem Büro heraus machen. Wir müssen wissen, wie die Menschen, die Kunst und Kultur schaffen, präsentieren, interpretieren, erhalten, finanzieren, rezipieren oder auch politisch ermöglichen, denken. Wir müssen fragen, was sie beschäftigt und welche neuen Wege sie gerade erproben. Nur so können wir uns selbst weiter entwickeln und die richtigen Instrumente für eine lebendige Szene ausbilden.
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