Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Foto: mwk

Elf Millionen Menschen nutzen pro Jahr das mit Landesmitteln geförderte Kulturangebot in Baden-Württemberg. Die Landesregierung will diese Zahl weiter steigern und setzt dabei auf neue, insbesondere auch digitale Vermittlungsangebote.

Stuttgart - Fünf Monate ist die parteilose Petra ­Olschowski – als Nachfolgerin von Jürgen Walter (Grüne) – nun Staatssekretärin im seit 2011 von Theresia Bauer (Grüne) geführten ­Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Gern hatte sie nach ihrer Berufung über neue Akzente in der Politik des Ministeriums gesprochen, etwa über einen engeren Dialog von Wissenschaft und Kunst. Solche Fragestellungen aber könnten angesichts der anstehenden Verhandlungen über Einsparungen im Landeshaushalt ­zurückgestellt werden. Als Olschowski am Donnerstag in Stuttgart ihre kultur­politischen Leitlinien vorstellt, zeigt sie sich kämpferisch: „Politik“, so Olschowski, „muss Ermöglichungsräume bereitstellen, in denen Kunst und Kultur sich dem ­Zeitgeist stellen und Diskussionen und Konflikte austragen können.“

Weckruf für die Regierungskoalition

Ein Weckruf in die Regierungskoalition aus Grünen und CDU hinein? Erinnerungen werden wach – nicht zuletzt an eine denkwürdige Rede von Ministerin Bauer im Mai 2012 im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart. Unter dem Titel „Museumslandschaft vor dem Umbruch“ formulierte Bauer: „Not­situationen haben die Kunst immer be­flügelt.“ „Deshalb“, so Bauer seinerzeit ­weiter, „kann ein Umbruch auch ein Startschuss dafür sein, Kulturpolitik mit den Kunst- und Kulturschaffenden und allen anderen Akteuren im Dialog zu entwickeln und umzusetzen.“

Und nun? Sagt Petra Olschowski: „Ich kämpfe für Akzeptanz und Verständnis für die ­Anliegen der Kultur in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Denn: Die Ausgaben für Kunst sind nicht automatisch legitimiert, das Verständnis für Kultur ist nicht automatisch da.“

Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten

Ist es tatsächlich weiterhin so schwierig, die jährlich elf Millionen Besucher, die das mit Landesmitteln geförderte Kultur­angebot in Baden-Württemberg nutzen, zu ­begründen? Kulturpolitik, hatte Theresia Bauer 2012 gesagt, dürfe „nicht nur für ­diejenigen da sein, die ohnehin schon ­kulturinteressiert sind“. Und: „Wir müssen alle für Kultur begeistern.“ Nun sagt Petra ­Olschowski, seit 2010 und bis Mai dieses ­Jahres als erste Frau Rektorin der Stuttgarter Kunstakademie: „Digitalisierung ermöglicht, Kultur einem breiten, auch neuen Publikum zugänglich und erfahrbar zu ­machen.“ Die Digitalisierung als Motor für weit offene Türen zur Kultur? „Ich möchte unsere Museen und Kultureinrichtungen dabei unterstützen, auf diesem Weg ­voranzugehen und über neue Wege der Kultur­vermittlung nachzudenken“, sagt ­Olschowski, die damit auch darauf abhebt, die Bereiche Wissenschaft und Kunst „näher zusammenzurücken, gemeinsam Fragestellungen zu entwickeln und zu bearbeiten“

Neue Kunstkonzeption

Die Konsequenz? „Ich verstehe es als meine Aufgabe“, sagt Olschowski, „in dieser Legislaturperiode gemeinsam mit den Kulturschaffenden im Land und parteiübergreifend mit den politischen Akteuren ­Zukunftsoptionen zu entwickeln für die nächste Dekade – und damit eine neue Kunstkonzeption für Baden-Württemberg.“

Kunstkonzeption? Das Wort hat Gewicht in der Landespolitik seit der Ära von Lothar Späth. Hannes Rettich hatte 1990 die erste Kunstkonzeption vorgelegt und als Ziel eine Qualität der Vielfalt und damit eine Vielfalt an Qualität skizziert. 2010 legte Olschowskis Vorvorgänger ­Dietrich Birk (CDU) eine Neufassung vor – die Kunstkonzeption 2020. Zentrales Thema: kulturelle Bildung. Zudem formuliert Birk – lange vor den aktuellen Zuwanderungsdebatten: „Es gibt für die Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund Hemmschwellen, das muss man nicht ­wegdiskutieren. Aber es gibt auch Chancen, solche Menschen zu ­gewinnen. Und diese Chancen wollen wir nutzen.“

Sechs Jahre später sieht Petra Olschowski kulturelle Bildung „fest verankert“. „Dafür“ aber müsse „sich die Kulturpolitik heute neuen Aufgaben stellen“. Olschowski nennt den Zuzug der Geflüchteten, weiß um die Gefahr der „Spaltung der Gesellschaft“. Weit offene Türen zur Kultur? Hier soll die Digitalisierung – und damit eine schrankenlose Abrufbarkeit von Kulturangeboten und eine individualisierbare Vermittlung helfen. Die Begegnung mit dem Original sei das Ziel. Zu fragen sei aber: „Wie führen wir die Menschen dorthin? Wie erleichtern wir den Zugang?“

Und was ist mit den real offenen Türen der immense Sanierungsbugwellen vor sich herschiebenden Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe? „Wir müssen und wollen“, sagt die Staatssekretärin, „unsere Staatstheater in die Lage versetzen, ihre ­hohe Qualität auf internationalem Niveau zu halten, und sie fit machen für die nächsten 50 Jahre. Die Modernisierungsmaßnahmen brauchen Zeit, aber es ist unverzichtbar.“

StN-„Kulturgespräch“ mit Theresia Bauer und Petra Olschowski

Stuttgart - Was? Am Montag, 17. Oktober, sind Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, ­Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, und ihre Staatssekretärin Petra ­Olschowski Gäste der Veranstaltungsreihe „Kulturgespräch“ der „Stuttgarter Nachrichten“. Wo? Der „Kultur­gespräch“-Abend mit Theresia Bauer und ­Petra Olschowski findet statt in den Räumen der Baden-Württem­bergischen Bank in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz.11)

Wie? Haben Sie Fragen an Ministerin Bauer oder die Staatssekretärin Olschowski? ­Gerne nehmen wir diese auf. Ihre Frage ­können Sie per e-Mail senden an ­ortstermin@stuttgarter-nachrichten.de. Moderiert wird der Abend von Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der „Stuttgarter Nachrichten“. Wann? Das „Kulturgespräch“ mit Theresia Bauer und Petra Olschowski am Montag, 17. Oktober, in den Räumen der Baden-Württembergischen Bank in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 11) beginnt um 19.30 Uhr. Der Zugang an dem Abend ist von 18.30 Uhr an möglich. Der Eintritt ist frei.

Wer? 300 Leserinnen und Leser unserer Zeitung können dabei sein. Ihre Anmeldungen nehmen wir gerne entgegen. Auf direktem Weg ist dies online möglich – unter www.stn.de/kulturgespraech . Gerne können Sie sich auch telefonisch anmelden – am kommenden Dienstag, 11. Oktober, von 10 bis 13 Uhr unter der Nummer 07 11 / 7205 – 7500. Bitte geben Sie hierbei Ihren Vor- und Nachnamen, Ihre Telefonnummer sowie die gewünschte Platzzahl für das „Kulturgespräch“ am 17. Oktober an. (StN)

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