Die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen braucht eine Qualifikation. Foto: dpa/Holger Hollemann

Petra Klein kommt einmal die Woche an die Theodor-Dierlamm-Schule und verbringt Zeit mit behinderten Schülern. Je nach Tagesform spielt, tobt oder liest die Ehrenamtliche mit den Jungs und Mädels und hat viel Spaß dabei.

Petra Klein hat bis zur Rente als Verlagsbuchhändlerin gearbeitet – zuletzt war sie für das Layout und die Herstellung einer Zeitschrift zuständig. Auf die Frage, ob das ein toller Job war, sagt die 66-Jährige zwar ja, verrät mit dem nächsten Atemzug aber, dass sie eigentlich ihren Traumjob verfehlt habe. „Schon als Mädchen wollte ich mal in den sozialen Bereich gehen. Mein Wunsch war es, Sozialpädagogik zu studieren und mit Kindern zu arbeiten.“ Weil das von ihren Eltern aus nicht ging, holt Petra Klein den Berufswunsch jetzt im Ruhestand nach – und zwar im Ehrenamt.

 

Je nach Tagesform spielt, tobt oder ruht Petra Klein mit ihren Schützlingen

Einmal die Woche, immer mittwochs, kommt die Fellbacherin nach Kernen ins Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum Theodor-Dierlamm-Schule und unterstützt die dortigen Fachkräfte in der Nachmittagsbetreuung. Jeweils vier bis fünf Kindern mit Behinderung bereitet sie wöchentlich einen abwechslungsreichen Nachmittag. Ganz individuell, je nach Stimmung und Bedürfnissen der Kinder wird vorgelesen, gesungen, gespielt oder zum Beispiel der Spielplatz im Schlosspark in Stetten besucht und gemeinsam getobt. „Ich schaue immer nach der Tagesform der Kinder und was ihnen guttun könnte. Sie sind ja oft auch müde vom Unterricht. Generell hole ich sie da ab, wo sie gerade sind“, sagt Petra Klein.

Über eine Zeitungsanzeige erfährt Petra Klein von dem Inklusionskurs

Die 66-Jährige hat ihr Ehrenamt durch die Teilnahme an einem Inklusionsbegleiterkurs des „Zamma“-Netzwerks gefunden. Der von der Diakonie Stetten in Kooperation mit der Volkshochschule und einem breiten Netzwerk angebotene Kurs vermittelt Grundlagen zu den Themen „Behinderung“ und „Inklusion“, informiert über rechtliche Rahmenbedingungen, ermöglicht Praxiserfahrungen und erleichtert dadurch den Einstieg in ein ehrenamtliches Engagement. Als Inklusionsbegleiter können die Teilnehmer anschließend auf unterschiedliche Weise die Inklusion von Menschen mit Behinderung unterstützen. „Auf den Kurs bin ich in einer Zeitungsanzeige aufmerksam geworden und dachte, dass das was sein könnte.“

Eigentlich hätte Petra Klein, die gebürtig aus Untertürkheim stammt, auch ohne ehrenamtliches Engagement genug zu tun. Sie hat drei erwachsene Söhne und hilft tatkräftig bei der Betreuung der Enkel mit. „Da wird einem nicht so schnell langweilig. Aber es macht mir auch richtig Spaß, den behinderten Kindern zu helfen und einen Draht zu ihnen zu entwickeln.“ Vielleicht tut der 66-Jährigen die Abwechslung an der Theodor-Dierlamm-Schule auch deshalb so gut, weil es sie ein wenig ablenkt von einem schweren Schicksalsschlag. Als sie gerade den Ruhestand angetreten hatte, starb ihr Mann Wolfgang völlig unerwartet und plötzlich. „Wir hatten viele Pläne für die Rente, aber die Beschäftigungen mit den Kindern, die ich mache, erfüllen mich auch.“ So gibt die Fellbacherin ebenso Kurse im Anfängerschwimmen. Außerdem hat sie sich gemeinsam mit dem jüngsten Sohn einen Hund angeschafft.

Apropos: Sowohl der mittlere als auch der jüngste Sohn haben wohl das soziale Gen der Mutter geerbt. Der eine arbeitet im Behindertenzentrum Stuttgart, der andere hat erst studiert, dann aber umgesattelt zum Heilerziehungspfleger. „Das freut mich sehr, dass die zwei meinen Wunschberuf ausüben, andererseits fehlt es da an gesellschaftlicher und finanzieller Anerkennung. Die politischen Diskussionen dazu verfolge ich oft.“

Mit einem Mädchen mit Downsyndrom singt und liest Petra Klein

Natürlich nur, wenn sie Zeit hat, denn eigentlich ist Petra Klein gerne auf den Beinen. Genauso wie ihre kleinen Freunde aus der Theodor-Dierlamm-Schule. Sobald sie auftaucht, tönt es von überall her: „Petra, spielst du mit mir?“ oder „Petra, kannst du mir vorlesen?“. Ein Mädchen mit Downsyndrom mag am meisten Bücher, die es schon kennt. Während Petra Klein liest, murmelt die Schülerin den Text leise mit. „Außerdem singt sie total gerne.“ Andere Kinder können oder wollen dagegen gar nicht reden. Die versucht sie dann auf dem Spielplatz aus der Reserve zu locken oder in den Räumen der Einrichtung. „Da gibt es ein Luftkissen, das toll bei den Kindern ankommt. Andere mögen den Wasserbettenraum, der abgedunkelt werden kann und beleuchtete Säulen enthält. Da können die Kinder ausruhen.“

Anfangs hatte die 66-Jährige schon auch Berührungsängste. Sie wusste ja nicht, welche Kinder sie betreuen würde und welche Behinderungen die haben würden. Doch die ehrenamtliche Helferin ließ alles auf sich zukommen und versuchte, allen den nötigen Respekt entgegenzubringen. „Die Kinder wollen so normal wie möglich behandelt werden. Dafür belohnen sie mich mit vielen tollen Momenten.“

Wer sich bei der Diakonie Stetten ehrenamtlich engagieren will, erhält nähere Infos von Ehrenamtskoordinatorin Carina Gwinner per E-Mail unter: carina.gwinner@diakonie-stetten.de oder per Telefon unter 0 71 51/ 940-27 75. Weitere Informationen gibt es unter https://ehrenamt.diakonie-stetten.de