In Backnang kommt am Max-Born-Gymnasium testweise ein mobiles Luftfiltergerät zum Einsatz. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Der Schorndorfer Kinderarzt Ralf Brügel fordert in einer Petition Luftfilter in Schulen und hat bereits mehr als 48 000 Unterstützer gefunden. Die Stadt fühlt sich unter Druck – und wünscht sich eine Leitlinie vom Land.

Schorndorf - Gerade einmal eine gute Woche ist es her, dass der Schorndorfer Kinderarzt Ralf Brügel eine Online-Petition für Luftfilter in Schulen gestartet hat. Mehr als 48 000 Menschen haben bisher seinen Appell unterschrieben, der sich an Gesundheitsminister Jens Spahn und andere Verantwortliche richtet – mit der Bitte, das Wohl der Kinder zur Chefsache zu machen und nach 16 Monaten Pandemie einen geregelten sowie sicheren Präsenzunterricht zu ermöglichen.

 

„Das überrascht mich schon, wie gut die Petition läuft“, sagt Brügel. Der Sprecher der Kinderärzte im Kreis erzählt von vielen Reaktionen, die er erhält: „Der Hauptvorwurf ist diese Konzeptlosigkeit. Es gibt keinen Plan für den Herbst. Deswegen könnte ich wetten, dass wir im Oktober wieder die ersten Komplettschließungen haben“, sagt Brügel, der in seiner Petition für Luftfiltergeräte wirbt, um die Virenlast im Klassenzimmer zu verringern.

2,5 Millionen Euro würden Luftfilter in Schorndorfer Schulen und Kitas kosten

„Das kann Teil einer Strategie sein, es braucht aber auch Abstand, Plexiglas zwischen den Schülern, vielleicht auch Tests. Dann könnten bestimmt 90 Prozent der Schulen offen gehalten werden“, sagt Brügel, der in den vergangenen Wochen verzweifelte, gestresste Eltern und Kinder in seiner Praxis hatte. „Es gibt mehr leicht depressive Jugendliche, Mädchen, die sich selbst verletzen“, sagt Brügel. Angesichts dieser Lage ist es für den Schorndorfer schwer verständlich, warum die Anschaffung von Luftreinigern an Finanzen scheitern soll. „Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten das Geld mit vollen Händen ausgegeben“, sagt er und erinnert nur an die Vergütung der Bürgertests.

„Es geht mir nicht ums Geld, aber bevor wir beraten, müssen wir wissen, um welche Summe es geht“, sagt Bürgermeister Thorsten Englert bei einem eigens einberufenen Pressegespräch zu diesem Thema. Er hat für Schorndorf ausgerechnet, was es kosten würde, alle Klassenzimmer in weiterführenden Schulen und Grundschulen sowie alle Kindertagesstätten mit stationären Luftfiltern auszustatten. Rund 2,5 Millionen Euro würden Geräte für 280 Räume kosten, dazu müssten Folgekosten von 600 Euro pro Gerät und Jahr hinzugerechnet werden.

Luftfilter bis Herbst nicht umsetzbar

Inwieweit die Geräte durch das Bundesförderprogramm bezuschusst werden würden, sei fraglich: „Das Geld reicht für 30 000 Klassenzimmer, allein in Baden-Württemberg gibt es 67 000“, sagt Englert. Mobile Geräte würden bei dem Programm überhaupt nicht bedacht werden, seien nicht förderfähig.

Zu beachten seien nicht nur finanzielle, sondern auch zeitliche Aspekte. Thorsten Englert berichtet, dass zunächst ein Gutachten nötig sei, dass die Maßnahmen bewilligt werden müssten, dass bei dieser Größenordnung eine europaweite Ausschreibung nötig sei – und größere bauliche Maßnahmen an Schulen nur in den Sommerferien umgesetzt werden könnten. Sprich: Bis zum Herbst seien Luftfilteranlagen nicht umsetzbar. Auch bei mobilen Geräten sieht Englert schwarz: „Diese haben jetzt schon eine Lieferzeit von sechs Monaten.“ Wieso nicht bereits vor einem Jahr daran gedacht wurde? „Da hat das Land die Augen zugemacht.“

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Die Kommune fühlt sich mächtig unter Druck gesetzt – und zwar ungerechtfertigt. „Wir sind die Umsetzer, aber nicht die Entscheider“, sagt Englert und vermisst eine politische Leitlinie vom Land. Sollte Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich für Luftfiltergeräte aussprechen, erwartet Oberbürgermeister Matthias Klopfer aber eine entsprechende Finanzierung des Landes: „Wer bestellt, der bezahlt.“ Sollte es kein Machtwort vom Ministerpräsidenten geben, wird die Verwaltungsspitze sich in ihrer Beschlussempfehlung gegen die Anschaffung von Luftfiltergeräten aussprechen. Für Ralf Brügel sind die Gründe nachvollziehbar – und trotzdem würde sich der Kinderarzt mehr Eigeninitiative wünschen: „Auf allen Ebenen vermisse ich den Willen, sich bei dieser Baustelle reinzuhängen.“