Der Mann, dessen Musik den Stuttgarter Stau- „Tatort“ eröffnete, und der auch sonst ganz goßartig ist, war mit seinen Liedern zu Gast in der Manufaktur in Schorndorf. So fanden wir das Konzert von PeterLicht.

Schorndorf - „Wer sich schneller entspannt ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt“, singt er. Mit seiner Musik im Radio begann in September 2017 die legendäre Stuttgarter „Tatort“-Folge „Stau“. Nun steht der Künstler selbst auf der Bühne, im Club Manufaktur in Schorndorf, und spielt sein Lied vom „Wettentspannen“: PeterLicht, der kluge, böse und heitere Theatermann, Popmusiker, Autor und Bachmannpreisträger aus Köln.

Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck

PeterLicht ist eine schillernde Figur. Lange Zeit ließ er sich nicht fotografieren, hielt seinen bürgerlichen Namen geheim. Heute weiß die Welt zumindest, dass er als Meinrad Jungblut geboren wurde und unter diesem Namen vor 18 Jahren seinen ersten Tonträger veröffentlichte. Danach startete er durch, mit Pseudonym. Sein Song „Sonnendeck“ ist längst ein Klassiker – 200 Menschen in der Manufaktur jubeln, als er ihn anstimmt: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck. Oder im Aquarium.“

PeterLicht tritt mit seiner Musik gerne auf Theaterbühnen auf, hat selber Bühnenstücke geschrieben, in Basel und Berlin Molière inszeniert. Er hat fünf Alben veröffentlicht; für das jüngste ließ er sich sieben Jahre Zeit. „Wenn wir alle anders sind“, so heißt es. In der Manufaktur war er schon viele Male. Dieses Mal trägt er eine pelzgefütterte Mütze mit steilem Schild, ein buntes Hemd mit schillernden Knöpfen und eine schwarze Hose mit weißen Punkten. Nach dem Konzert wird eine Zuhörerin den Künstler gestehen, wie toll sie seine Hose findet. Der Künstler wird der Zuhörerin erzählen, wie eine andere Zuhörerin, an einem anderen Ort, beim Anblick des Beinkleides so sehr von Abscheu erfasst wurde, dass sie augenblicklich den Saal verließ.

Die Internationale wird zur Emotionale

Viel öfter als bei seinem letzten Schorndorfer Auftritt im Frühjahr 2016 greift PeterLicht zur Gitarre, zur akustischen, zur elektrischen. Er besitzt die große Gabe, lange, umständlich absurde, kafkaesk bürokratische und überhaupt sehr prosaische Sätze in wunderbare kleine Melodien zu gießen; er singt sie mit heller, leicht irrer Stimme, spielt Ohrwürmer, die in die Beine gehen, treibt den Wahnsinn zu Latino-Rhythmen auf die Spitze. PeterLicht dichtet die Internationale um in eine „Emotionale“, animiert einmal mehr, alle Besucher seines Konzertes zu singen: „Auf zum letzten Verzicht! Die hinterfotzigen Hintergründe des Systems kommen jetzt ans Licht! Borderliner aller Länder! Auf zum besten Gedicht!“ Er schreibt Lieder über Chips und Flips, Aperol und Kontostände, verwandelt ein Statement des ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten aus Esslingen, Dieter Hundt, in eine schrille Orgie für Sologitarre.

Inmitten seiner Sinnverweigerung versteckt sich immer Poesie

Sein treuer Begleiter Tobias Philippen spielt dazu fabelhaft groovend das Keyboard, das Schlagzeug, den E-Bass. Eine kunterbunte Zukunftslandschaft leuchtet hinter beiden: Dome, die Türme einer Großstadt, eine Welt in unnatürlichen Farben, Amöben, die durch die Lüfte ziehen. Und irgendwo in PeterLichts großer Ironie, inmitten seiner Sinnverweigerung, versteckt sich immer ein Fünkchen wahre Poesie. „Hey hey“, singt er freundlich, „meine utopischen Piloten fliegen ja wieder. Wir sind hier, mit unseren unsterblichen Seelen. Wie sollten wir arm sein?“

Die Schönheit seines Tuns besteht aus dem offenen Widerspruch zu sich selbst. Eben noch kündete PeterLicht, in einem Lied, das ebenso gut von der Liebe oder vom Sommer handeln könnte, vom Ende des Kapitalismus, naiv und triumphierend – und gleich, im selben Atemzug noch, schickt er sein Publikum hinaus ins Foyer, an jenen Stand, an dem er später dann Musik und Bücher verkaufen und signieren wird. PeterLicht erklärt den Menschen nicht, wie kompliziert das Leben ist, wie tief sie selbst es verstrickt sind, dass es kein wahres geben kann im falschen – er führt es vor und lacht darüber. Er weiß, wie die Popkultur funktioniert, weshalb sie glücklich macht: es ist die Schleife, der Loop, der alle Bedeutung abträgt, wie ein Käsehobel den Parmesan, die Wiederholung, die einen sinnlos indifferenten Satz („Wer tot ist, geht auf die Nerven“) in eine Hymne verwandelt, die zuletzt alle singen. „Es gibt einen geraden Weg!“, ruft PeterLicht euphorisch aus. „Das war‘s! Danke schön!“

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