Zwischen Rebellion und Wahn hat niemand so klarsichtig unterschieden wie Peter Schneider. Foto: Imago/Kathrin Schubert

Peter Schneider hat die Geschichte der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Bundesrepublik nicht nur beschrieben, sondern existenziell erfahrbar gemacht.

Die Wege eines K-Gruppenmitglied in den Zeiten der 68er-Revolte konnten so unergründlich sein, wie der theoretische Untergrund, über den sie führten. Aus den einen wurden liberal-konservative Ministerpräsidenten, aus anderen rechtsradikale Propagandisten. Und dann gibt es noch jemand wie den Schriftsteller Peter Schneider, der hellsichtig die Scheidewege der Utopie markiert hat.

 

Er gilt als Chronist jenes gesellschaftlichen Aufbruchs und der sich daran anschließenden Desillusionierung. Richtiger wäre es jedoch den 1940 in Lübeck geborenen Sohn eines aus Königsberg geflohenen Dirigenten und Komponisten als den Protagonisten dessen zu begreifen, was er einmal den Bildungsroman seines Verstandes bezeichnet hat. Denn anders als ein bloßer Beobachter war er in das, was er beschreibt, innigst involviert. Er kannte sie alle, Rudi Dutschke, den Apo-Aktivisten und späteren Innenminister Otto Schily. Er schrieb Reden für Willy Brandt und kam bei dem Komponisten Hans Werner Henze in Italien mit den führenden Köpfen der späteren Roten Brigaden in Kontakt.

„Lenz“ – Kultbuch und Schullektüre

Nachlesen kann man das in seinem 2008 erschienenen Erinnerungsbuch „Rebellion und Wahn“, dessen Titel zusammenfasst, wie Hoffnungen in Verstiegenheiten zerstieben. Wobei er bei aller Kritik an dem zunehmend totalitären Duktus der Befreiungsideologien, den „Rechtfertigungsidiotien“ des RAF-Terrors, nie ein Zweifel an der historischen Bedeutung der Erneuerungsbewegung gelassen hat, aus der sie hervorgegangen sind.

Es ist das Geschick von Kultbüchern, dass sie diesen Rang durch intimsten Ausdruck eines Zeitgefühls erlangen, aber genau aus diesem Grund stärker dem Vergehen ausgesetzt sind. Und nicht selten markiert den Übergang vom einen zum anderen das Etikett Schullektüre. Peter Schneiders erster Roman „Lenz“ von 1973 wurde zum Kultbuch, weil es den Erfahrungshorizont einer Generation freilegte, die sich selbst suchte – und nicht mehr finden konnte. Einen Ausweg aus der Theorie erstarrter Diskussionskreise öffnet sich für den autobiografisch mit dem Autor eng verwandten Held, einem Wiedergänger von Georg Büchners gleichnamiger Novelle, in Italien: der Süden ein Laboratorium für ein authentisches Leben jenseits intellektueller Lähmung.

So war es schon bei Goethe. Die utopischen Leitbilder changieren, auf die Revolution folgt das alte deutsche Sehnsuchtsland, auch lebensgeschichtlich. Neben Berlin wurde ein Haus südlich von Rom zum zweiten Lebensmittelpunkt, wovon Schneiders Roman „Skylla“ erzählt. Mit einem Vertreter der Toskana-Fraktion, dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder, spielte er Tennis.

Manche einstigen Weggefährten wollten in der allseitigen Beweglichkeit Peter Schneiders den Renegaten erkennen. Andererseits ist sie die Voraussetzung für die Offenheit, in der er die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen begleitet hat. Figuren wie der „Mauerspringer“, einem Schlüsseltext über die deutsche Teilung, oder „Die Frau an der Bushaltestelle“ seines zuletzt erschienen Romans sind Suchende, Getriebene, Menschen, die sich an der Wirklichkeit reiben, weil sie ihr nicht trauen. Und auch wenn der passionierte Geigenspieler ins 18. Jahrhundert aufbricht, scheint der emanzipatorische Impetus durch: im Mittelpunkt von „Vivaldi und seine Töchter“ von 2019 steht das fulminante Mädchenorchester am venezianischen Ospedale della Pietà.

Peter Schneider, 2009 mit dem Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen ausgezeichnet, hat in seinem Schreiben Geschichte in existenzielle Erfahrung verwandelt. Nun wird er zum Fall von Chronisten. Mit 85 Jahren erlag er in Berlin den Folgen seiner Krebserkrankung.