Peter Schilling ist viel in der Welt herumgekommen und lebt seit Langem in München. Dass er ursprünglich ein Schwabe ist, ist ihm bis heute deutlich anzuhören. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Sein „Major Tom“ machte Peter Schilling aus Stuttgart zuerst weltberühmt, dann warf der Welthit ihn völlig aus der Bahn. Nun, mit 60 Jahren, geht Schilling wieder auf Tournee.

Stuttgart - Die Vergangenheit ist noch immer aktuell. Der Schokoriegel und das Milchglas, die Ferrero im Werbefernsehen schwer verliebt auf den Mond fliegen lässt, werden von „Major Tom“ begleitet: „Völlig losge-he-löst von der Erde, schwebt das Raumschiff“ klingt es durchs All. Als der amerikanische Autobauer Lincoln 2009 sein für damalige Verhältnisse futuristisches Modell MKX auf die Straße schickte, folgt ihm, atmosphärisch perfekt abgemischt, die englische Version von Major Tom: „The Countdown starts!“ Und nächstes Jahr wird sogar ein Film in die Kinos kommen, in dem der berühmteste Astronautensong der Musikgeschichte als Soundtrack dient. Viel darf der Mann, der den Major für sich entdeckt hat, darüber noch nicht verraten. Nicht mehr, als dass der Film am 17. August startet. Und dass er ziemlich stolz darauf ist. Aber eigentlich sagt das auch schon viel.

Peter Schilling, so heißt der Entdecker des losgelösten Majors, hat in den vergangenen 13 Jahren acht Alben veröffentlicht, seit dem Beginn seiner Karriere waren es noch mehr. Er hat drei Ratgeber geschrieben und fast 1300 Konzerte gespielt. Doch an was die Leute, also die, die alt genug sind, denken, wenn sie den Namen Peter Schilling hören, ist dieses eine, 34 Jahre alte Lied: „Major Tom“. Ist das nicht ärgerlich, ungerecht oder traurig? Peter Schilling, der inzwischen 60 ist, verdreht nicht die Augen bei dieser Frage, er schnaubt nicht genervt. Er antwortet einfach: „Nein!“

Wenn man weiß, was passiert ist, bevor Major Tom abhob, und was danach, glaubt man ihm, dass dieses Nein keine Fassade ist. Und dass Peter Schilling es ernst meint, wenn er sagt: „Ich bin megastolz auf das Geleistete.“

Schon mit 15 prophezeit der junge Peter, der damals noch Pierre heißt und bei der Großmutter im Stuttgarter Westen wohnt, eines Tages werde er einen Nummer-eins-Hit schreiben. Der Junge liebt Musik über alles. Seine Nachmittage verbringt er zwischen den Instrumenten im legendären Sound of Music. Der Inhaber leiht dem Bub mit Talent, aber ohne Geld, schließlich ein Keyboard. Pierre covert Songs von Cliff Richard und schickt sie (folgenlos) einer Plattenfirma.

Der Weg zum Star der Neuen Deutschen Welle

Sicherheitshalber lässt er sich nach der Mittleren Reife zum Reisebürokaufmann ausbilden. Werktags bucht er Hotelzimmer, an den Wochenenden tingelt er mit Bands durch die Provinz. Seine Versuche, als Musiker groß (oder besser: überhaupt) rauszukommen, scheitern, bis er beschließt, das System zu unterwandern.

Pierre Schilling heuert bei einer Plattenfirma an. Als Merchandiser liefert er Langspielplatten aus, verkauft T-Shirts, begleitet Jürgen Drews und Fleetwood Mac auf Konzerten – und er lernt die richtigen Leute kennen: Pierre Schilling bekommt einen Plattenvertrag. Die Songs für sein erstes Album komponiert er nachts, nach getaner Arbeit. So leise wie möglich, damit die Nachbarn nicht gestört werden.

Pierre Schilling schreibt Texte über den trügerischen Schein („Ich hab’ mir grade die Zähne geputzt, sie sind jetzt weiß – doch sie sind kaputt“), den Sinn des Lebens („Täglich Informationen, fraglich, ob die sich alle lohnen“) und den Wert von Weihnachten („Stille Nacht, heilige Nacht, alles um uns rum ist satt“). Als noch ein Lied fehlt, um die Platte zu vollenden, fliegt ihn ein Raumschiff an: „Gründlich durchgecheckt steht sie da und wartet auf den Start – alles klar!“ Alles klar: Elf Jahre nach der Prophezeiung des jungen Pierre, der sich nun Peter nennt, ist sie wahr geworden – in der Hornbergstraße in Stuttgart war „Major Tom“ gelandet. „Und dann ging’s ab“, sagt Peter Schilling heute.

1983: Der neue Star der Neuen Deutschen Welle kann nicht mehr auf die Straße gehen, ohne bestürmt zu werden – wenn Peter Schilling überhaupt aus seiner Wohnung kommt, die wie selbstverständlich auch belagert und mit Liebesschwüren bekritzelt wird. An einem einzigen Tag verkauft er 85 000 Platten, acht Wochen lang schwebt das Raumschiff auf Platz eins der deutschen Charts. Auch in Österreich, der Schweiz, in Spanien, Italien und Frankreich ist Peter Schilling plötzlich ein ganz Großer. Und als er „Major Tom“ auch noch auf Englisch abheben lässt, schafft er es sogar in die Charts in Übersee.

Der Erfolg raubt ihnen die Kraft

Peter Schilling aus Stuttgart ist in Sphären unterwegs, von denen er allenfalls in kühnen Träumen zu träumen gewagt hatte. Er trifft Freddy Mercury, lernt The Eagles kennen, plaudert mit David Bowie, der ihn mit dem Song „Space Oddity“, in dem der fiktive Astronaut Major Tom erstmals vorkam, erfolgreich inspiriert hat. Interviews im US-Fernsehen, Partys bei MTV, heute hier, morgen dort. Great! Fantastic! Peter Schilling, der Superstar.

Aber so fühlt es sich für ihn nicht an. Peter Schilling ist nicht glücklich. Der Erfolg gibt ihm keine Kraft, er raubt sie ihm. Immer ist er müde, nie kann er schlafen. Er verliert Gewicht. Die Angst zu versagen, ist mächtiger als die Energie, die nötig ist, um etwas Neues zu reißen. Mit der Unterstützung des damals wahnsinnig angesagten Produzenten Michael Cretu schafft er 1989 mit letzter Reserve das Album „The Different Story“. Danach kündigt er alle Verträge. Peter Schilling, 1,74 Meter groß, wiegt noch knapp über 50 Kilo, und er ist dem Tod näher als dem Leben. Als er mit einem Erstickungsanfall zusammenbricht, können ihn die Ärzte gerade noch retten.

„Das war alles zu viel für den Jungen aus der Hornbergstraße“, sagt der Mann, der heute abgeschieden in einer der besseren Gegenden Münchens lebt. Peter Schilling sagt auch, es wäre Frevel, über den Erfolg von damals zu klagen. Die Zeit sei sehr schön gewesen. Womöglich hätte er sie auch als solche genießen können, hätte eines Tages vielleicht ein Konzert im Madison Square Garden gegeben, hätte ein Großer bleiben können – hätte er einen Halt gehabt. Die Ursache für den Zusammenbruch des Künstlers war nicht der plötzliche weltweite Erfolg. Seine Probleme begannen viel früher.

Pierre Schilling verbringt die ersten Jahre seines Lebens in einem Kinderheim. Der Vater, ein gut aussehender Iraner, erkennt die Vaterschaft nicht an, weil er den Überblick über seine weiblichen Bekanntschaften verloren hat. Als Pierre drei ist, holt ihn die Oma aus dem Heim zu sich. In der Zwei-Zimmerwohnung in Stuttgart leben neben der Großmutter auch Pierres Halbschwester und seine Mutter, die zu viel trinkt und ihren Sohn schlägt. Als der Junge zwölf ist, erlebt er mit, wie sie versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Als er 14 ist, zieht die Mutter aus, Ruhe und Frieden kehren ein. Dass das für sein inneres Ich zu spät ist, merkt er viel später.

Privates bleibt privat

Als ihn der Erfolg und der Ruhm überfordern und nichts in ihm ist, das ihm Halt gibt. „Ich hatte keinen Selbstwert, er ist im Keim erstickt worden.“ Peter Schilling hat lange nicht über seine Kindheit reden können, ohne dass ihm Tränen übers Gesicht rannen. Wenn er heute davon erzählt, klingt seine Stimme, der das Schwäbisch deutlich anhaftet, ruhig und sachlich. Außerdem ist er Botschafter des Deutschen Bundesverbands für Burnout-Prophylaxe und Prävention sowie des Deutschen Kinderschutzbundes.

Peter Schilling hat viele „schmerzhafte“ Jahre mit einem Therapeuten verbracht, bis er zu diesem Umgang mit seinem Leben in der Lage war – und sogar folgenden Satz sagen konnte: „Ich war immer glücklich, der zu sein, der ich bin.“ Seine Auftritte auf albernen Ü-30-Parties und in miefigen Kaufhäusern bei Halb-Playback während der Krisenjahre kann er inzwischen lächelnd als „dunkle künstlerische Vergangenheit“ akzeptieren. Er hat ja alles aufgearbeitet und aufgeräumt und den Kompass aus dem Seelenlabyrinth gefunden. „Mein größter Erfolg“, sagt Peter Schilling, „ist, dass ich den Weg zurück in die Normalität gefunden habe.“

Schon klar, dass es einem mit so einer Geschichte nicht so wichtig ist, ob die Welt weiß, was er außer „Major Tom“ noch alles gesungen und geschrieben und geschafft hat.

Wozu man Peter Schilling nicht befragen darf, ist sein heutiges Leben außerhalb der Musik. „Privates bleibt privat“, sagt er sehr bestimmt. Sieht man davon ab, dass bekannt ist, dass er in zweiter Ehe verheiratet ist und eine uneheliche Tochter hat, trifft diese Bestimmung zu.

Tournee-Auftakt in Ludwigsburg

Gefahrlos hingegen kann man Peter Schilling nach seinem Lieblingswitz fragen: „Wie nennt man einen Spanier ohne Auto? – Carlos!“ Und man kann sich bedenklos danach erkundigen, ob er nicht von den Tantiemen seiner Hits leben könnte. Außer „Major Tom“ waren da ja noch die Singles „Die Wüste lebt“ und „Terra Titanic“ sowie die vielen unbekannteren Alben. Ja, könnte er. Aber, erklärt Peter Schilling, er arbeitet nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Freude, die er an der Musik hat.

Man muss die Musik – Texte: Deutsch, Stil: Pop, Schlager, Themen: Gefühle, Moral, Zeitläufte – nicht mögen, aber man muss, wenn man Konzertmitschnitte im Internet anschaut und Fankommentare auf der Homepage liest, anerkennen, dass Peter Schilling ein guter Entertainer ist, und sich sein Publikum gerne entertainen lässt. „Ich bin das vermeintlich einzige One-Hit-Wonder, das problemlos ein Zwei-Stunden-Konzert spielen kann“, sagt er.

Und jetzt also eine Tournee, die erste seit 1984. Mit seiner Band tritt Peter Schilling in Clubs in Neubrandenburg, Schwerin und Bonn auf, in Osnabrück, Regensburg und Ludwigsburg. Dort im Scala findet am Donnerstag der Auftakt statt.

Paradox eigentlich: Peter Schilling war allbekannt, aber nicht glücklich. Heute ist er eher altbekannt, aber sehr glücklich. Mal abwarten, wohin das führt.

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