Im Gespräch blickt Maffay zurück, aber auch nach vorn: Neuer Konzert-Termin für die Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle ist der 27. Februar 2022 Foto: dpa/Robert Michael

Peter Maffay blickt musikalisch zurück – vor allem auf die Beziehung zu seinem Vater, der dieses Jahr verstorben ist. Ein Gespräch über Traktoren, Kinderbücher, seine Kindheit in Kronstadt und wen er wählen wird.

Tutzing - Peter Maffay hat die Pandemie genutzt, um das persönlichste Album seiner Karriere einzuspielen und sich damit auch vor seinem im Mai verstorbenen Vater zu verbeugen. In seinem Büro in Tutzing erzählt der 71-Jährige, was ihn mit dem Vater verband, warum ihn seine Mutter zum Geigenunterricht verdonnerte und wie er als Kind in Rumänien Ausländer um Zigarettenschachteln anbettelte.

 

Herr Maffay, ich habe gehört, dass Sie im Münchner Flughafen gelegentlich eine Traktorenzeitschrift kaufen. Gibt’s da eine verborgene Leidenschaft?

(Lacht) Ja, tatsächlich. Es begann, als wir 2000 in Spanien den ersten Stiftungssitz für Kinder gründeten. Das ist ja ein landwirtschaftlicher Betrieb, also habe ich gesagt: Es muss ein Traktor her. Bei einem Kumpel, der dort eine Autowerkstatt betreibt, habe ich einen vergammelten 57er John Deere Dreizylinder gesehen und ihn gefragt, ob er ihn verkauft. Er hat ihn mir dann hergerichtet und für ’nen Appel und ’n Ei verkauft – das war also mein erster Traktor.

Dabei blieb es nicht?

Inzwischen habe ich ein paar Trecker gesammelt. Die sind herrlich, das sind so schöne Formen. Sie haben etwas Urwüchsiges, das die Autos heutzutage gar nicht mehr haben. Kein Elektronik-Scheiß, sondern ein Zylinder, der macht tok-tok-tok-tok.

Und was machen Sie hier in Tutzing mit Ihren Traktoren? Hier haben Sie zwar auch ein schönes Anwesen, aber keine 40 Hektar zum Beackern.

Die holen wir ab und zu raus, packen mit ein paar Kumpels eine ordentliche Brotzeit und etwas zu trinken ein und dann geht’s los. Es gibt hier schöne entlegene Wege und Ortschaften. So ein alter Traktor schafft vielleicht 20 Kilometer in der Stunde, man kriegt also richtig was mit von der Landschaft.

Von Traktoren zu Kinderbüchern: Sie haben kürzlich zusammen mit Ihrer Lebensgefährtin Hendrikje Ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht.

Hendrikje war da eigentlich die treibende Kraft. Sie hat ja im Gegensatz zu mir einen pädagogischen Background und sicher auch schon viele Kinderbücher gelesen. Mein Bücherregal war überschaubarer – die ersten Bücher, an die ich mich erinnere, waren Grimms Märchen. Davon hatte ich vier Bände, als wir noch in Rumänien lebten. Die habe ich immer zusammen mit meinem Spielzeug in einen kleinen Schrank gestopft – wir hatten ja nicht so viel Platz in unserer Wohnung – und wenn ich dann die Tür aufmachte, quoll alles heraus. Später habe ich dann mit großer Begeisterung Wilhelm Busch gelesen, vor allem die Zeichnungen haben mir gefallen. Und viel später habe ich erfahren, dass er das für seine Kinder gemacht hatte – da gibt es also eine kleine Parallele zu dem Buch von Hendrikje, das ja auch entstanden ist, weil es unsere Kleine gibt. Ursprünglich sollte es ein Geschenk für Anouk sein, dann wurden es immer mehr Geschichten, bis jemand sagte: Das liest sich doch sehr schön, warum macht ihr das nicht auch für andere Kinder.

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Singen Sie Ihrer Tochter eigentlich Gutenachtlieder?

Andersrum. Sie singt viel, und wenn sie singt, haben wir die Klappe zu halten. Sie hat so ein holländisches Dreirad, damit dreht sie ihre Runden und beschallt die Umgebung – das ist zauberhaft. Zum Glück finden es auch die Leute super.

Hatten Sie auch schon als Kleinkind diese Affinität zur Musik?

Ja, meine Mutter hat dafür gesorgt, dass diese Affinität entstanden ist. Sie hat mich mit sieben zum Geigenunterricht verdonnert und es mir zur Aufgabe gemacht, dass ich ihr irgendwann mal die Toselli-Serenade vorspiele, das ist ein mittelmäßig anspruchsvolles Musikstück. Als ich 14 war, habe ich ihr die Serenade vorgespielt und dazu gesagt: So, das war’s (lacht). Sie hat mich dann auch großzügig entlassen und ich konnte anfangen, Gitarre zu spielen.

Gibt es Songs, die Sie ganz besonders geprägt haben?

Da gibt’s tonnenweise Musik. Aber auf jeden Fall würde ich „Satisfaction“ von den Stones nennen. Mein Initialimpuls für das Spielen mit einer Band und überhaupt das Gitarrespielen ist das Riff von Keith Richards, deswegen hängt der auch da (zeigt auf ein großes Keith-Richards-Porträt von Helnwein an der Wand). Ich kam am 23. August 1963 nach Deutschland, wir wohnten damals in Waldkraiburg, einem kleinen Ort nordöstlich von München, und hatten einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher. In dem kamen diese Herrschaften schon daher und spielten „Satisfaction“ – damals habe ich mir gesagt: Das ist das wirkliche Leben.

Vorher, als Sie noch in Kronstadt in Rumänien lebten, hatten Sie ein Aquarium, in das Sie ab und zu mal geguckt haben, um die Zukunft zu sehen. Was haben Sie gesehen? Wovon haben Sie geträumt?

Jedenfalls nicht von Deutschland oder einer freien Welt, weil ich das nicht kannte und mir nicht vorstellen konnte. Das Einzige, was ich von westlicher Kultur mitbekommen habe, waren leere Zigarettenschachteln, die wir uns erbettelt haben, wenn irgendwelche Ausländer aus dem Hotel in Kronstadt herauskamen.

Was haben Sie denn mit leeren Zigarettenschachteln gemacht?

Wir haben daran geschnüffelt – Peter Stuyvesant, den Duft der großen weiten Welt. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Spruch mal der Werbeslogan von denen wird. Als Jungs haben wir alles geraucht – von geriebenen Nussblättern, weil die nichts kosteten, bis zu Zigaretten, die uns Ausländer schenkten. Wenn jemand aus diesem Hotel kam, haben wir davorgestanden und gefragt: Hast du ein Kaugummi für mich oder vielleicht eine Zigarette? Es waren nicht viele, die uns eine Zigarette gegeben haben, deswegen haben wir auch die leere Schachtel genommen. Die stand dann zu Hause und wurde bewundert.

Gab es sonst Dinge, die Ihnen in Ihrer Kindheit wichtig waren?

Was ich immer total behütet und dann doch in Rumänien zurückgelassen habe, war ein Pelikan-Füllfederhalter. Den hatte mir meine Oma geschenkt, als ich zwölf war. Das war für mich ein richtig wertvolles Schreibutensil – bis heute schreibe ich sehr gern mit der Hand.

„So weit“ ist ja Ihr mit Abstand persönlichstes Album, die Texte aber haben Sie nicht selbst geschrieben.

Weil ich es nicht kann. Ich habe Johannes Oerding angerufen, dem gerade eine Tour ausgefallen war. Er sagte sofort: „Ich pack meinen Kumpel Benni ein, wir kommen zu euch runter und machen das.“

Sie haben Johannes Oerding also Ihr Herz ausgeschüttet, damit er die Texte schreiben kann?

Aber ja. Johannes fragt mich, worum es geht, und dann muss ich liefern. Ich schreibe zu den Musikentwürfen fast immer meine Prosa-Interpretation. Und Johannes ist so sehr Musiker, dass er meine Ideen enorm gut formuliert.

Dieser Song „Wenn wir uns wiedersehen“ ist einer der anrührendsten des Albums. Ihr Vater ist im letzten Mai mit 94 Jahren verstorben. Sie hatten eine sehr intensive Beziehung zu ihm.

Meine Mutter möge mir vergeben – es war eine enorme Vater-Sohn-Beziehung. Ich habe mich mit meiner Mutter gut verstanden, sie ist mit 67 viel zu früh verstorben. Aber ich war immer sehr stark auf meinen Vater bezogen. Ich war auf seinen Tod vorbereitet, weil er sehr lange und schwer krank war. Aber als es dann passiert ist, war es trotzdem heftig. Ich habe mich quasi damit rübergerettet, dass ich mir zurechtgelegt habe, dass wir uns wiedersehen. Ob das tatsächlich eintritt, weiß kein Mensch.

In zwei Wochen wird gewählt. Armin Laschet hat kürzlich erzählt, Sie hätten ihm zum 50. Geburtstag eine Ihrer Lederjacken geschenkt.

Wir waren zusammen in Israel und haben einen Austausch von israelisch-palästinensischen und deutschen Schülern unterstützt. Bei einer Pressekonferenz haben Armin und ich dann mal aus Spaß unsere Jacken getauscht, aber ich habe meine Jacke anschließend zurückbekommen. Meine Lederjacken gebe ich nicht her.

Schenken Sie ihm denn Ihre Stimme?

Ich werde die CDU nicht wählen. Armin halte ich für einen integren Politiker, davon gibt es ja nicht so wahnsinnig viele. Ich glaube, dass er eine Qualität besitzt, die man heute braucht: Er ist bereit, auch jemanden an den Tisch zu holen, der nicht sein Parteibuch hat. Für mich ist er ein Politiker, der die Lösung im Kompromiss sieht, dazu muss man einfach bereit sein und sein eigenes Ego nicht zu sehr über alles stellen. Ich glaube auch, dass er fachlich kompetent ist – ob er in der Lage wäre, eine Nation zu einen, was wir im Augenblick brauchen, ist aber eine andere Frage. Dafür müsste man eine andere Kante haben.

Sehen Sie denn da jemanden?

Nein. Es gibt für mich ja nur eine Alternative, und zwar Olaf Scholz. Aber die SPD halte ich schon lange nicht mehr für eine Volkspartei, genauso wenig wie die CDU. Deshalb sehe ich eine Zeit auf uns zukommen mit einer Kanzlerbesetzung, der ich nicht viel zutraue. Herrn Söder sehe ich da gar nicht, den muss man ausklammern. Wer sollte es also sein?

Info

Peter Maffay
wird am 30. August 1949 im rumänischen Kronstadt (Brasov) geboren. 1969 wird er als Sänger mit „Du“ bekannt. Neue Wege beschreitet der Musiker mit dem Kinder-Rockmärchen „Tabaluga“. Im Jahr 2000 gründet er eine Stiftung, die sich um traumatisierte Kinder kümmert. Seit Ende 2015 ist Maffay mit der 37 Jahre jüngeren Lehrerin Hendrikje Balsmeyer zusammen, die er kennenlernt, als er sie wenige Monate nach der Hochzeit mit seiner vierten Frau Tania bei einem Konzert zu sich auf die Bühne holt. Das Paar lebt in Tutzing und auf Mallorca.

Die Tour
PETER MAFFAY & BAND nehmen ihre unterbrochene „Für immer jung“-Tour wieder auf. Neuer Termin für die Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle ist der 27. Februar 2022