Peter Kurth als Wanja und Katharina Knap als Sonja in Robert Borgmanns Stuttgarter Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ Foto: JU Ostkreuz

Für das Theater des Jahres hat es nicht gereicht, doch zwei wichtige Auszeichnungen gehen in Armin Petras’ erstem Intendanzjahr ans Schauspiel Stuttgart: Peter Kurth ist Schauspieler des Jahres, Katharina Knap ist Nachwuchsschauspielerin des Jahres.

Stuttgart - Tschechow bringt Stuttgart offenbar immer Lob und Ehr. Vor allem für ihre Darstellung in Tschechows„Onkel Wanja“ sind Peter Kurth und Katharina Knap als beste Schauspieler von den Kritikern von „Theater heute“ ausgezeichnet worden. Bereits Armin Petras’ Vorgänger Hasko Weber ­hatte in seinem ersten Jahr als Stuttgarter Intendant für Tschechows „Platonow“ Kritikerlob eingeheimst. Auch da war mit Felix Goeser der Titelheld-Schauspieler ausgezeichnet worden.

2006 war das – und Hasko Webers Theater war außerdem als bestes Theater gelobt worden. Damit war’s jetzt nichts – womöglich zu viel Theaterglück, zu wenig Laborentwicklung und Projekterei auf der Bühne. Denn Multikulti, Projekte und Labore, Inklusion, Theater mit Behinderten und Laien sind zurzeit in Mode bei denjenigen, die über Fördergelder und Preise entscheiden. Ausgezeichnet werden dann aber doch auch noch diejenigen, die eine Bühne zu einem magischen Ort machen. Das zeigen die Juryentscheidungen der Zeitschrift „Theater heute“ für die beste Theaterkunst im deutschsprachigen Raum.

Theater des Jahres ist nach Ansicht von 15 von insgesamt 44 Kritikern das Maxim Gorki Theater. Das Berliner Theater, das nach Armin Petras’ Weggang nach Stuttgart seit vergangener Saison von Shermin Langhoff und Jens Hillje geleitet wird. „Es ist kein Virtuosentheater, sondern es ist ein Theater, das etwas im öffentlichen Raum verhandeln will und das dem Publikum auch sehr gut überträgt“ begründet dies Franz Wille von „Theater heute“. Sprich: die Premium-Auszeichnung geht an dezidiert politisch auftretende Theatermacher. Böse formuliert – Botschaftstheater.

Etwas heuchlerisch wirkt das dann aber doch. Denn fast alle anderen Preise bekommen Künstler, bei denen Kunst, das Künstliche, die Ironie, der Theaterzauber vor „Verhandlungen“ und politischen Botschaften steht. Dies sieht man etwa am Lob für Victoria Behr und ihre grell hinreißenden Übertreibungskostüme für Volkstheaterspaßmacher Herbert Fritsch.

Man darf diesen etwas antikünstlerisch wirkenden Satz von Franz Wille durchaus in Richtung Schauspiel Stuttgart und ans Residenztheater München gerichtet verstehen – beide Theater stehen für Virtuosentheater. Den Hauptpreis gibt’s für so was nicht. Aber auch wenn man sich offenbar immer häufiger belehren lassen will, Kunst wollen die Leute halt doch auch noch sehen. Hier wird nicht mit dem Holzhammer ­Gesellschaftskritik betrieben, hier sind ­unglaublich talentierte Schauspieler zu erleben. Beide Theater stellen mit Bibiana Beglau, Peter Kurth und Katharina Knap drei von vier ausgezeichneten Theaterschauspielern – drei, die sich zuweilen exzessiv verausgaben.

Armin Petras’ Haus ist also nicht zum Theater des Jahres gewählt worden, wenngleich (oder gerade weil?) er die Stuttgarter Bühne zu einem schauspielerisch leuchtenden Ort mit traumhaften Auslastungszahlen gemacht hat, die Menschen das Theater geradezu stürmen. Und dies, ohne aufs regional Relevante, auf Politische, Gesellschaftliche zu verzichten.

So oder so – mit diesen zwei Auszeichnungen für Peter Kurth und ­Katharina Knap dürften im Theater nächste Woche erst einmal Sektkorken knallen, wenn am 1. September die Proben wieder beginnen. Jetzt ­allerdings weilen die­ ­Theaterleute noch in den Ferien, jeder freut sich für sich.

Große Jubelarien wären von Peter Kurth aber wahrscheinlich auch direkt nach ­Verkündung des Preises nicht zu erwarten ­gewesen. Auf die Nachricht, dass Tschechows „Onkel Wanja“ zum Theatertreffen eingeladen worden ist – Kurth spielt die ­Titelrolle – begnügte er sich mit einem bescheidenen „prima“. Schon viel früher hätte Kurth die Auszeichnung verdient ­gehabt, etwa für seinen Liliom im gleich­namigen Molnár-Stück oder für den Tamburmajor in Büchners „Woyzeck“ (beides Hamburg). Dass er ihn nun für den Wanja bekommen hat – mehr als gerechtfertigt, allein für sein lakonisches Spiel, seinen anrührenden Monolog über Lebensentwürfe lohnt es, diese Aufführung mehrmals zu sehen.

Auch Katharina Knap ist eine hervor­ragende Wahl. Ihr gedehntes Klagen, ­Singen, Weinen als Onkel Wanjas Nichte Sonja vergisst man nicht. Eine junge herbe Frau, die hoffnungslos unglücklich liebt und die sich ihrer Schwächen bewusst ist, sie gnadenlos offenlegt. Katharina Knap hat auch in ­Armin Petras’ Inszenierung des Kleist/Hein-Abends „Marquise von O./Drachenblut“ als Bruder der Marquise mit ihren dunklen Blicken, mit ihrem ambivalenten Spiel für wundersam irritierende Momente gesorgt.

Für solche Momente wie diese lieben die Menschen das Theater. Viele dieser Momente haben Peter Kurth und Katharina Knap und noch so einige mehr in diesem Ausnahmeensemble in der ersten Saison von Armin Petras gesorgt. Es ist nicht zu optimistisch, auf weitere solcher Momente in der kommenden Saison zu hoffen.

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