Peter Handke blättert ein weiteres Kapitel in seinem Buch des Lebens auf. Es beginnt mit dem Aufbruch in die große Vergeltung endet als ein friedvoller Irrlauf ins Reich der Dichtung.
Stuttgart - Ist dies nun die Antwort auf die sogenannte „Handke“-Debatte, die die Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Autor im letzten Jahr zum Tribunal der Gerechten werden ließ? Der Rachefeldzug eines zornigen Dichters, der sich in wilder Selbstjustiz dem Urteil seiner Richter widersetzt? Doch bevor man nun allerlei literarische Gewaltfantasien sammelt und das neue Buch Peter Handkes vorschnell verbucht als weiteren Beweis der fehlenden moralischen Eignung zum Führen der vornehmsten Auszeichnung, die die literarische Welt zu vergeben hat, sollte man vielleicht nicht vergessen, dass man hier den ureigensten Boden des Dichters betritt: ein Reich der Bücher – und in diesem herrschen eigene Gesetze.
Es stimmt, „Das zweite Schwert“ erzählt von dem Dichter, der eines Morgens in den Spiegel blickt und feststellt: „Das also ist das Gesicht eines Rächers!“ Und würde man das Gedankendickicht, durch das sich der Erzähler mit dem „Zweiten Schwert“ den Weg bahnt, zu einer Handlung lichten, müsste man sie wohl so zusammenfassen: Einer bricht auf, um wen wohl: natürlich eine Journalistin zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie seine Mutter beleidigt hat. Diese sei eine der Millionen aus der einstigen großen „Donaumonarchie“ gewesen, für welche die Einverleibung des kleingewordenen Landes ins „Deutsche Reich“ der Anlass zu Freudenfesten gewesen war.
Ein Rotkehlchen ist der Rachetrainer
„Wer meine Mutter beleidigt hat, und dazu in Worten, womit ihr alle Ehre abgesprochen wurde, muss aus der Welt geschafft werden.“ Das sieht der nordafrikanische Wirt der „Bar der drei Bahnhöfe“ im Handkeschen Wunderland der Pariser Banlieu genauso: „Matâ! Töten! Mit dem Schwert! Mah, al-saif. Kopf ab.“ Ermutigung kommt auch von einem bodennah kreuzenden Rotkehlchen, das in der Fantasie des Erzählers die Rolle eines Rachetrainers spielt.
Aber vielleicht ist es nicht allzu sinnvoll, eine Erzählung von Peter Handke auf Handlung zu trimmen. Auf der Strecke bleibt dabei jenes Schweifende, vom Zufall zwischen die Beine Gespielte, in dem sich der Lauf der Dinge eigentlicher entfaltet als im zielgerichteten Vorwärtsgang. Weshalb der Erzähler zwischendurch immer wieder auch gezählte Schritte rückwärts zurücklegt. So geradlinig und unaufschiebbar der Racheplan auch erscheint, trennt in dieser nachösterlichen Maigeschichte eine Welt der tanzenden Schmetterlinge, sprechender Tiere und himmlischer Rauchzeichen den entschlossenen Vorsatz von seiner Ausführung.
Wer diesem merkwürdigen Rächer folgen will in seinem dreiteiligen blauschwarzen Dior-Anzug, einem breitkrempigen Borsalino mit Bussardfeder im Hutband, der lässt sich am besten treiben, wie man sich etwa durch eine Sinfonie von Gustav Mahler treiben lässt. Handkes Spätwerk führt an die Grenzen epischen Ausdrucks, wie Mahler an die der tonalen Ordnung. In luftiger Schönheit schwimmen die Motive seines Lebens in dem durch die Randgebiete der Alltäglichkeit mäandernden Strom der Erzählung. Homer, Racine, Pascal, Tolstoi, Proust verschwimmen mit den Wiederholungsträumen der eignen Familien- und Werkgeschichte.
Biblische, heilsgeschichtliche Erleuchtungen werden überblendet mit Szenen weiser alter Männer, Clochards, die unter einem Ast spielen, von dem die Vögel, die kleinsten wie die größten, bis in die späte Nacht ihren Kot herabspritzen: „Ja doch, es war dem da ein Bedürfnis, auf der bewussten Stufe zu hocken, ohne Bewegung; es tat ihm gut, wieder und wieder einen Vogeldreck auf Kopf, Hände, Knie zu spüren.“ Aus dem Ineinander von Narretei, Spiel, kindlicher Lauterkeit und heiligem Ernst entsteht ein eigentümlicher Klang, und gut hätte zu dem Sarazenendolch, den der Rächer mit sich führt, noch ein kleines Wunderhorn gepasst.
Der letzte Mensch im letzten Himmelsloch
Doch in das Hochgefühl einer Zwiesprache mit den höchst konkreten Märchenfiguren der Wirklichkeit, den Fahrenden, Lesenden, Predigenden, Spielenden, von Maikäfern ganz zu schweigen, dringen immer wieder Ahnungen von den Schrecken der Erde, den aktuellen Katastrophen, Massenmorden, Attentaten. „Wie, wenn die Welt gar nicht mehr steht?“ Und im leeren Horizont malt sich die Vision des Grauens, im letzten noch übrigen Himmelsloch der letzte Mensch zu sein. Aufbruch und Abschied liegen eng beieinander, alles, was entsteht, verfliegt. Zarter, gefährdeter, verrückter war noch keine der Abenteuerfahrten, zu denen dieser verschrobene Ritter mit dem Schwert der Dichtung aufgebrochen ist, um gegen die eintönigen Windmühlen zu kämpfen, die unsere Gegenwart betreiben.
Die einsame Eigenart und spröde Reife dieses Schreibens wäre etwas gewesen, über das es wert gewesen wäre, im letzten Jahr zu sprechen. Doch vielleicht ist gerade die Unbeirrtheit, mit der Handke sein Projekt einer Poetisierung der Welt in immer unzugänglichere Winkel treibt, der Grund dafür, dass sich die, die ihm nicht folgen wollen, so gierig und ausschließlich auf das vergleichsweise überschaubare moralische Terrain des Jugoslawien-Komplexes gestürzt haben. Als ließe sich dieses komplexe literarische Werk auf die Frage schuldig oder nicht schuldig zuspitzen.
„Das zweite Schwert“ ist ein Buch des Friedens. Am Ende bleibt von der Rache nichts als eine schöne Erzählung. Vermutlich wird das seine Kritiker in größere Rage versetzen als das blutigste Gemetzel.