Als Kind geflohen, in der Schule ausgegrenzt, hat sich Peter Grohmann heute als politischer Aktivist den Themen Antisemitismus und Fremdenhass verschrieben. Ein Porträt.
Sonnenberg - Klarinette, Gitarren, orientalische Musik – „Können wir Hoffnung haben? Wird es Frieden geben? Wird das Töten je enden? Wird das Töten jemals enden?“ singen die Liedsänger der Band Assemblea Mediterranea. Anlass ist eine Protest- und Gedenkveranstaltung gegen Antisemitismus und Rassismus am Stuttgarter Gerda-Taro-Platz Ende April. Ungefähr hundert Menschen sind gekommen. Unter ihnen: Peter Grohmann, Mitgründer des Vereins „Die Anstifter“. Diesmal hält er sich im Hintergrund auf. Ständig wird er begrüßt, angesprochen, verabschiedet. Wie ein allerorts bekannter Politiker, mit dem es schwierig ist, ein Vier-Augen-Gespräch zu führen. Dabei ist er gerade das nicht, und wollte es nie sein. Stattdessen war er sein Leben lang Anstifter von Bürgerbewegungen und der politischen Debatte.
Grohmanns Politisierung wurzelt in der Kindheit. Seine Verwandten seien traditionelle Sozialdemokraten gewesen. Sein Großvater war Fabrikgründer, viele Familienmitglieder Teile von politischen Jugendorganisationen und Gewerkschaften, sein Onkel war Wehrmachtsdeserteur. „Politik fängt an, wenn man im Krieg ist“, meint Grohmann. Als der Sieg der Alliierten abzusehen war, floh er als Achtjähriger mit seinem Bruder und seiner Mutter von Breslau nach Dresden. „Das waren Russen, die deutsche Frauen vergewaltigt haben, und dieselben Russen, die uns hungernden Kindern Brot gaben“, erzählt er. Dass sich Bilder von Feind und Freund vermischten, lässt sich aus diesen Zeilen heraushören.
In der DDR opponierte sein Vater gegen das Regime
Die Wurzel seines späteren Engagements gegen Fremdenhass? In der DDR opponierte sein aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter Vater gegen das Regime. Wieder musste die Familie flüchten. Diesmal in den Süden, nach Zwiefalten auf die Schwäbische Alb. „Es hängt mir die Sprache der Kindheit auf der Seele, dieser typische Breslauer Dialekt, […] der auch in der zweiten, dritten Flüchtlingsgeneration durchschimmert“, schreibt er auf der zehnten Seite seiner politischen Biografie „Alles Lüge außer ich“.
In dem katholisch frommen Dorf habe man die Flüchtlinge aus dem Osten direkt erkannt. In der Schule habe Grohmann Andersartigkeit und Ausgrenzung erfahren. „Mit meinem Vater bin ich nachts durchs Dorf gelaufen, um Wahlplakate für die Sozialdemokraten aufzuhängen. Am nächsten Morgen waren sie beschmiert mit: gesehen, gelesen, gelacht“, erinnert er sich. Hinter seiner Maske ist nicht zu erkennen, ob er schmunzelt oder ein nüchternes Gesicht macht. „Die Sozialdemokraten hatten bei der Wahl sechs Stimmen. Da war dem Dorf klar, dass das unsere Familie war“, meint Grohmann und lacht. Das Assimilieren in die Dorfgemeinschaft sei ein wichtiger Prozess gewesen. Ein Teil dessen, was er meint, wenn er in seiner Biografie von „Schule des Lebens“ spricht.
Er möchte dazu anstiften, selbst tätig zu werden
Denn der 83-Jährige konnte nur vier Jahre auf die Volksschule gehen. Für die Fahrt von Zwiefalten nach Reutlingen ins Gymnasium sei kein Geld da gewesen. Sein Vater arbeitslos, ein Trinker, so Grohmann. „Ich wollte selbst lernen und Theater machen. Habe Albert Schweizer, Elvis Presley, die amerikanischen Protestsänger gehört; Heine und Kästner gelesen.“ Er begann eine Lehre als Schriftsetzer. Später arbeitete er in Stuttgart für die SPD-nahe Allgemeine Zeitung für Württemberg. In der Folgezeit begann er, sich selbst mehr einzumischen. 1964 gründete er mit anderen politisch Linksgesinnten den Voltaire-Club, ein Ort politischen Austauschs. „Mit meinen zwei Kindern wollte ich die Wände der Kneipe streichen. Da kam Joschka Fischer und meinte ‚aha, schöner wohnen!‘ Er nahm seine Kippe und rührte so lange in der weißen Farbe, bis sie braun war“, erinnert sich Grohmann. Außerdem ist er der erste Kriegsdienstverweigerer Baden-Württembergs. Aus zwei Gründen hätte er sich dazu entschieden. „Erstens Auschwitz, und zweitens der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Ich habe gezittert, als ich diese Bilder gesehen habe“, erzählt Grohmann.
Als politischer Aktivist sind seine Themen Antisemitismus und Fremdenhass. Mit dem Verein „Die Anstifter“ möchte er dazu anstiften, selbst tätig zu werden. „Die Gesellschaft hat unglaublich viele ungenutzte Ressourcen“, so Grohmann. Ginge es nach ihm, hätte eine Krankenschwester auf der Intensivstation den von den Anstiftern verliehenen Stuttgarter Friedenspreis überreicht bekommen. „Die Menschen sollen raus aus den Behaglichkeiten, sich stellen, sich der Kritik aussetzen“, fordert der 83-Jährige. Bürgerbewegungen seien verloren gegangen und müssten wieder stärker werden. Wichtig sei das Machen. Deshalb „Denkmacherei – Die Anstifter“, der Name des Vereins. „Ich habe immer versucht, andere zu agitieren“, erzählt Grohmann. Deshalb hätten Freunde außerhalb Stuttgarts gescherzt: „Der Missionar aus Stuttgart kommt wieder!“
Der Hang zur Kunst und die Liebe zum Humor zeichnen ihn aus
Seine Überspitzungen, amüsanten, wie schockierenden Widersprüche, seine bildlich erzählten Geschichten zeichnen ihn als Kabarettisten im Stadttheater aus. In seiner Biografie ironisiert er auf Seite elf: „In den Schaltstellen der Landsmannschaften und Flüchtlingsverbände […] hatten die braunen Geier von gestern ihre Fettlebe.“ Auch der Hang zur Kunst, die Liebe für Humorwurzelt in seiner Kindheit. Er erzählt von einer künstlerisch beleckten Familie, in der viel gesungen, musiziert und Späße gemacht wurden. Sein Auftrag als Kabarettist sieht er in der Aufklärung. „Ich will die Leute nicht vollballern mit negativen Nachrichten. Die nehmen uns oft Kraft und schüren Ängste. Wichtig ist die Frage: Wie kommen wir zum Lachen?“, erzählt Grohmann von seiner Motivation, auf der Bühne zu stehen. Wichtig sei, dass die Leute erkennen, dass man selbst aus der eigenen Seele spricht, große Worte nützten wenig.
Wie er selbst zum Lachen kommt? „Indem ich mich selbst nicht zu ernst nehme!“, antwortet er, breitet seine Arme aus, eine Geste der Selbstverständlichkeit, und lacht. Sein Körper sowieso, der spricht mit, wenn er erzählt.