In drei Sprachen liegen die Flyer an zahlreichen Imbissbuden aus. Foto: Sebastian Steegmüller

Nicht weniger als 1000 Stellen muss die SSB bei den Stadtbahn- und Busfahrern bis 2030 neu besetzen. Bei der Suche nach Nachwuchs wird auch auf Flyer in mehreren Sprachen an Dönerständen gesetzt.

Im frischen weißen Hemd, Anzugweste, sauber getrimmtem Bart und akkurat gekämmten Haaren lächelt ein Busfahrer von seinem Sitz den Fahrgästen beim Einstieg zu. Neben dem Bild flattern die deutsche und die türkische Fahne. Darunter steht in türkischer Sprache der Hinweis der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), man könne sich als Busfahrer bewerben. Seit wenigen Wochen liegen solche Flyer in mehreren Sprachen – neben türkisch auch in griechisch, englisch und rumänisch – an unzähligen Döner- und Gyrosständen in ganz Stuttgart aus. „Die Postkarten liegen in Lebensmittelläden und kleinen Restaurants aus, die zur Landessprache passen“, erläutert die SSB-Sprecherin Birte Schaper.

 

Werbeflyer in mehreren Sprachen

Mit der mehrsprachigen Kampagne wird zudem auch auf den Bildschirmen an Haltestellen und in den Stadtbahnen, auf der Homepage, in den sozialen Medien oder an Tankstellen geworben. Das Angebot richtet sich konkret an Menschen, die bereits einen EU-Führerschein besitzen, aber noch nicht über das notwendige Sprachniveau verfügen. So könne man diese – vielleicht auch über das familiäre Umfeld – auf die Möglichkeit einer Bewerbung bei der SSB hinweisen. Dabei soll es nicht bei den bisherigen Sprachen bleiben. „Es sind noch weitere geplant“, sagt Schaper zu der breit angelegten Kampagne, die fortgesetzt werden soll.

Um die Sprachbarriere aufzuheben, wirbt die SSB gezielt mit einem besonderen Bonus: Alle Bewerber erhalten einen kostenlosen Deutsch-Sprachkurs bis zum Leistungsniveau B1. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die Auszubildenden. „Die deutsche Sprache ausreichend zu beherrschen, ist Pflicht für alle unsere Fahrer“, erklärt Fahrschulleiter Thomas Dietz. Denn sowohl Bus- als auch Stadtbahnfahrer müssen in ständigem Kontakt mit der Betriebsleitstelle bleiben, um auf eventuelle Schäden oder Probleme im Streckennetz reagieren zu können. „Zu Problemen in der Verständigung darf es dabei natürlich nicht kommen“, betont Dietz. Zudem sind die SSB-Mitarbeiter auch für den persönlichen Kontakt mit den Fahrgästen zuständig – nicht nur, aber auch im Ernstfall.

„Familienfreundliche Arbeitsbedingungen“

Der mehrsprachige Flyer ist eine von vielen Initiativen, mit denen die SSB versucht, neue Mitarbeiter zu finden. Denn die Stellenbesetzung in großem Stil ist eine der großen Aufgaben in der 150-jährigen Geschichte der SSB, das sagt auch der Vorstandssprecher Thomas Moser. Rund 1000 Stellen müssen in den kommenden fünf Jahren neu besetzt werden. Fast alle davon als Stadtbahn- oder Busfahrer.

Doch was motiviert die Menschen, eine Ausbildung bei der SSB zu machen? „Es sind die familienfreundlichen Arbeitsbedingungen“, erklärt Maria, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Diese waren an ihrem bisherigen Arbeitsplatz im zahnmedizinischen Bereich nicht immer gegeben. Nun könne sie sich ihre Schichten größtenteils selbst aussuchen und auch parallel mit ihrem Mann arbeiten, der seit längerem als Stadtbahnfahrer tätig ist. „So haben wir mehr gemeinsame Zeit für die Familie“, erklärt die 40-Jährige.

Neben den Einsätzen im Schienennetz gehören auch Fahrten im Simulator zur Ausbildung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Durch ihren Mann hatte sie bereits einen Einblick in die Arbeitswelt bei der SSB. Dennoch habe „ich lange überlegt, ob ich diesen Schritt machen möchte“, gesteht sie. Vor allem die besondere Fahrdynamik der rund 56 Tonnen schweren Stadtbahnen sei am Anfang gewöhnungsbedürftig. „Das hat mit Autofahren nichts zu tun.“ Große Augen macht die 40-Jährige angesichts „ihres“ Fahrzeugs nach 35 Stunden Fahrschule nicht mehr, geblieben sei aber der Respekt – vor allem an Kreuzungen und bei der Einfahrt an der von Fahrgästen gesäumten Haltestelle. „Den darf man auch nicht verlieren“, betont Maria.

Ausbildung dauert 55 Tage

Insgesamt 55 Tage dauert die Ausbildung bei der SSB. Neben den Fahrschulstunden und ebenso vielen Zeiten im Simulator zählt dazu auch die theoretische Schulung. Insbesondere müssen die Anwärter die SSB-eigenen Anzeigen an den Ampeln und die Technik der Stadtbahnen kennen. Besonderer Wert werde auf die Streckenkenntnis gelegt, „um auf allen Besonderheiten richtig reagieren zu können“, betont Fahrlehrer Dietz.

Kein Problem für Maria. Inzwischen hat sie ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Doch auch nach bestandener Prüfung muss niemand gleich alleine fahren. Bei ihren ersten zehn Diensten werden die „Neuzugänge“ im Einsatz begleitet. „Es war der richtige Schritt“, davon ist die 40-Jährige überzeugt. Es mache großen Spaß. Und „wer den nötigen Willen hat, der schafft das auch“, sagt Maria – egal in welcher Sprache.