Wenn viele Menschen in eine Stadt ziehen, braucht es auch mehr Kitas und Erzieher. Das ist nicht immer einfach. Foto: Symbolbild Ines Rudel

Die Kommunen auf den Fildern wachsen enorm. Die Verwaltungen brauchen dafür zwingend mehr Personal, doch das ist gar nicht so leicht. In anderen Landstrichen bringt das schon große Schwierigkeiten.

Filder/Stuttgart - Die Filderregion boomt. Die Städte wachsen, der Verkehr wird dichter, die Wirtschaft baut kräftig. Allerdings kommen die Städte an zentraler Stelle nicht hinterher. Es finden sich kaum genug Menschen, um die steigenden Aufgaben zu bewältigen. Ein Haus, das gebaut wird, braucht eine Genehmigung; Straßen, die breiter werden, müssen geplant und beaufsichtigt werden, dasselbe gilt für das Mehr an Schulgebäuden, Mensen und Kitas, die nötig sind, wenn mehr Menschen in eine Stadt ziehen. Die Städte wachsen schneller als ihre Infrastruktur.

Bei den Menschen sind die Folgen längst angekommen. In Filderstadt haben die Hallenbäder ihre Öffnungszeiten gekappt, weil ihnen ein Kollege fehlt. In Leinfelden steht das Hallenbad unter einem Damoklesschwert: Sollte das marode Bad schließen müssen, gibt es keine Alternative. Die Stadt hat nicht genügend Leute, um frühzeitig gegenzusteuern. In Waldenbuch findet sich keiner für den Gemeindlichen Vollzugsdienst. Und in Steinenbronn sind mehrere Stellen unbesetzt.

Auf die Städte und Gemeinden rollt ein Problem zu – und damit auch auf Bürger in ihrem Alltag. Grund genug, etwas genauer hinzuschauen.

Wie groß ist der Personalmangel bei den Städten auf den Fildern aktuell?

Den Personalmangel „würde ich nicht als Problem darstellen“, sagt Waldemar Kolb, der Leiter des Haupt- und Personalamts in Filderstadt. Etwa ein Dutzend Stellen seien derzeit ausgeschrieben, davon das Gros: Erzieher. Eine Sache fällt Kolb allerdings auf: „Wir bekommen nicht mehr 80 und mehr Bewerbungen wie früher.“ Und eine Stelle müsse unter Umständen mehrmals ausgeschrieben werden. „Das zeigt, dass der Personalmangel in der Verwaltung angekommen ist.“ Vor allem in technischen Berufen – wie Hallenbad und Kläranlagen – sei es zäh. „Da haben wir, nennen wir es, Probleme.“

Wie viele Mitarbeiter hatten die Städte vor zehn Jahren im Vergleich?

Filderstadt hatte 2010 insgesamt 735 Mitarbeiter, wie Kolb mitteilt. Heute sind es gut 1000. „Das Personal ist also massiv gewachsen“, sagt er. Das gilt grundsätzlich auch für die Nachbarkommune Leinfelden-Echterdingen. Sie beschäftigte 2010 insgesamt 682 Mitarbeiter, heute sind es 875, wie Chiara Antholz aus der Personalabteilung der Stadt sagt.

Wie erklärt sich der zunehmende Mangel an Personal in den Städten?

Warum sich die Städte vergleichsweise schwer tun, Personal zu finden, hat mehrere Gründe. Erstens: Die Amtsstuben sind ein Spiegel der Gesellschaft – sie sind überaltert. Waldemar Kolb, Leiter des Haupt- und Personalamts in Filderstadt, ist selbst ein gutes Beispiel. Er ist über 63 Jahre alt, die Rente ist in Reichweite. In den nächsten 15 Jahren werde die Stadt etwa 175 Mitarbeiter verlieren, 175 von gut 1000. Leinfelden-Echterdingen trifft es härter, dort geht man davon aus, dass 45,8 Prozent der aktuell bei der Stadt Beschäftigten in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand gehen, sie sind heute alle älter als 50 Jahre. „Das ist natürlich eine große Zahl“, sagt Antholz.

Zweitens: Es ist teuer, auf den Fildern zu leben, wenn sich überhaupt eine freie Wohnung findet. Wer hier neu anfangen will, schreckt möglicherweise deshalb zurück. Und im Umland zu leben ist auch nicht viel besser, denn dann dürfte viel Lebenszeit im Pendlerstau verrinnen.

Drittens: Bei der Bezahlung und beim Image können Städte oft nicht mit der freien Wirtschaft mithalten. Doch gerade beim Image sehen die Kommunen Möglichkeiten, aufzuholen.

Wie wollen die Städte dem negativen Trend entgegenwirken?

Die Liste der Dinge, die die Stadt Filderstadt ihren Mitarbeitern verspricht, wirkt ellenlang. Um nur etwas zu nennen: ein Fortbildungsprogramm, Supervisionen, Grippeschutzimpfung, Betriebssport, Zuschuss für den Nahverkehr, flexible Arbeitszeiten, höhenverstellbare Tische und an heißen Tagen Gratis-Sprudel.

Was Filderstadt bietet, bietet Leinfelden-Echterdingen auch, erklärt Martina Effinger, die Leiterin der Personalabteilung. Doch ganz so ausführlich will sie derzeit noch nicht werden, die Stadt arbeite gerade an einem Image-Wandel, und was der konkret mit sich bringen wird, ist offenbar bisher noch geheim. Klar sei, dass die Stadt die Leute, die sie hat, unbedingt halten will. Der Job von Chiara Antholz ist deshalb neu geschaffen worden, die Hälfte ihrer Arbeitszeit widmet sie der Personalentwicklung.

Obschon beide Filder-Kommunen also deutlich an ihrem Image feilen, betonen sie, dass sie sich gegenseitig kein Personal abwerben. „Es gibt momentan kein Konkurrenzdenken“, sagt Waldemar Kolb aus Filderstadt. Und auch in Leinfelden-Echterdingen halte man das Abspenstigmachen für „nicht opportun“, so Gerold Henzler vom Haupt- und Personalamt.

Wie ist es anderswo in der Region und Deutschland bei diesem Thema?

Während die Lage auf den Fildern offensichtlich noch weit weg von dramatisch ist, ist dies anderswo nicht so. Mehr als 800 000 Stellen in den Kommunen können laut der DstGB-Fachzeitschrift Kommunal in absehbarer Zeit nicht besetzt werden. Es drohe der Kollaps. Zumal in den kommenden zehn Jahren rund ein Drittel der Beschäftigten in Gemeinden, Städten und Landkreisen in den Ruhestand gehe. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat im Sommer Zahlen veröffentlicht, die nicht ohne sind: Eine Umfrage in 500 Rathäusern der Republik förderte zutage, dass vor allem IT-Experten, Ingenieure, Erzieher, Techniker und Meister in technischen Berufen fehlten. Deren Bewerberzahl gehe deutlich zurück.

Und in Stuttgart brennt in Sachen Personal übrigens der Baum. In der Landeshauptstadt ist jede zehnte der planmäßigen 11 000 Stellen unbesetzt. Und die Lage dürfte sich weiter zuspitzen: In den nächsten 15 Jahren geht in Stuttgart die Hälfte der Belegschaft in den Ruhestand. Wie eng es ist, merken die Stuttgarter beispielsweise dann, wenn sie in ein Bürgerbüro und zu den Zulassungs- oder Führerscheinstellenmüssen.

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