Zugführer sind im Südwesten ein rares Gut. Foto: dpa

Die Schienenverkehrsunternehmen suchen händeringend nach Personal. Nun startet Verkehrsminister Winfried Hermann ein ungewöhnliches Modellprojekt – wir verraten die Details.

Stuttgart - In einem Modellprojekt, in dem Flüchtlinge innerhalb von 15 Monaten zu Lokführern ausgebildet werden, will Landesverkehrsminister Winfried Hermann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen soll der Personalengpass bei den Schienenverkehrsunternehmen bekämpft werden, der immer öfter zu Zugausfällen führt. Und – andererseits – „tun wir etwas Gutes für die Menschen und die Gesellschaft, indem wir helfen, Flüchtlinge zu integrieren“, so der Grünen-Politiker. Dies entspreche auch dem Koalitionsvertrag seiner Partei mit der CDU.

Die Ausgangslage

Die Personalgewinnung gilt als eine der größten Herausforderungen im ÖPNV – bei Bus- und bei Schienenverkehrsunternehmen. Dabei spielen die im Vergleich zur Industrie oft geringere Entlohnung und die Arbeitszeiten ein Rolle, aber auch der Umstand, dass in der Region quasi Vollbeschäftigung herrscht.

Schon die Bahn-Tochter DB Regio tut sich schwer, genügend Lokführer bereitzustellen. In den vergangenen Monaten fielen daher immer wieder Regionalzüge aus. Wegen vieler Krankmeldungen beim fahrenden Personal stellte die S-Bahn Stuttgart Anfang Oktober an einigen Tagen zwei Nebenbahnen ein. „Wir als Ministerium sind zwar nicht zuständig für Personalfragen“, sagt Hermann, „aber wir handeln aus Verantwortung für einen funktionierenden Nahverkehr.“

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Die Stuttgarter Besonderheit

Der Vorstoß des Landes ist auch dem Umstand geschuldet, dass Mitte 2019 ein gewaltiger Umbruch im Regionalzugverkehrbevorsteht. Neue Anbieter übernehmen die bisher von der DB Regio im Auftrag des Landes gefahrenen Linien von und nach Stuttgart. Das Tochterunternehmen der niederländischen Abellio-Gruppe wird für den Verkehr von und nach Pforzheim, Heilbronn und Tübingen zuständig, der Ableger der britischen Go-Ahead-Gruppe fährt die Züge von und nach Crailsheim, Ulm, Aalen, Karlsruhe und Würzburg. Zwar beteuern die Unternehmen, dass sie genügend Lokführer haben, doch die Personalgewinnung gilt als schwierig.

Das Modell

Gemeinsam mit der Arbeitsagentur, großen Schienenverkehrsunternehmen im Land, den Gewerkschaften und mit anderen Ministerien abgestimmt startet Minister Hermann nun ein Projekt. Dabei sollen anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge mit einem geklärten Aufenthaltsstatus in den Betrieben zu Lokführern ausgebildet werden. Dazu werden sie von den Unternehmen als Helfer für ein Bruttogehalt von etwa 2100 Euro an- und für die Ausbildung freigestellt.

Die Arbeitsagentur übernimmt den Teil, der über der normalen Ausbildungsvergütung des Verkehrsunternehmens von rund 700 Euro liegt, und finanziert die Weiterbildungskosten. Das Bundesamt für Migration kommt für die allgemeine Sprachförderung auf, der spezielle „Eisenbahnsprech“ muss in den Unternehmen vermittelt werden. Das Land koordiniert das Projekt und finanziert neun Coaches, die die Lokführer in spe in allen Fragen unterstützen.

Geplant sind zunächst drei Gruppen mit je 15 Aspiranten: in Stuttgart, Mannheim/Karlsruhe und in Hechingen/Zollernalb. Beteiligt an dem Projekt sind die DB Regio, Abellio, Go Ahead, die landeseigene SWEG, die Albtalverkehrsgesellschaft der Stadt Karlsruhe, die in Konstanz ansässige Tochter der Schweizerischen Bundesbahnen, die Trandev, deren Tochter WEG die Täles-, Strohgäu-, Schönbuch- und Wieslauftalbahn betreibt. Hinzu kommen die Personaldienstleister MEV und Netinera.

Die Expertenmeinung

„Das ist ein rundes Paket“, sagt Christian Rauch, der Chef der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Agentur für Arbeit. Er sieht vor allem zwei Vorteile: Die Flüchtlinge bekämen sofort ein Gehalt und würden qualifiziert; und durch die Coaches steige die Erfolgswahrscheinlichkeit.

Bei der „normalen“ Zusatzausbildung zu Lokführern, beispielsweise von Arbeitslosen, sprängen viele Bewerber wieder ab, zudem „haben wir dieses Potenzial weitgehend ausgeschöpft“, sagt der Experte. Dagegen gebe es rund 44 000 Arbeit suchende Flüchtlinge im Land. Sollte das Projekt zur Qualifizierung von Flüchtlingen zu Lokführern erfolgreich sein, will es Rauch auch auf andere Branchen ausweiten.

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