Der neue Chef beim VfB: Stark genug, um die Fragen der Zukunft zu regeln? Foto: picture alliance/dpa

Beim Zweitligisten kämpfen unerfahrene Führungskräfte gegen alte Seilschaften. Das Duell könnte über die Zukunft des Vereins entscheiden.

Stuttgart - Nachdem es der stets so gut gelaunte Trainer des VfB Stuttgart neuerdings wieder mit einer Abwehr versucht, kann sich der Beobachter der Bad Cannstatter Freiluftspiele guten Gewissens den Ausbildungswerkstätten des Vereins für Bewegungsspiele mit der Frage widmen: Wer ist hier eigentlich der Lehrling und wer der Meister? Denn wenn die Signale aus der weiß-roten Kommandozentrale nicht täuschen, irrlichtern die Leichtmatrosen auf der Mercedes-Brücke so orientierungslos durch den Fluss aktueller Erfordernisse wie ein Lotse ohne Ahnung von Strömung, Tiefe und Breite.

 

Führungskräfte ohne Erfahrung

Nachdem das segensreiche, aber kostspielige Wirken eines Personalberaters auf den Golfplätzen zwischen Hamburg und Konstanz in der Erkenntnis gipfelte, dass die Lösung näher liegt als man denkt, schminkten die Herren Aufsichtsräte der Fußball AG das Anforderungsprofil kurzerhand um und beförderten den Sportsfreund Thomas Hitzlsperger zum Sprecher des Vorstands. Er ist ein sympathischer Bursche, er schoss den VfB mit zur Meisterschaft 2007, er zählt zu den helleren Lampen am Vereins-Leuchter, er kostet weniger als der schnell beleidigte Klinsmann und er ist nach einhelliger Meinung aller Beteiligten visionär, wiss- und lernbegierig. Nur fehlt ihm halt nach nur drei Jahren im Verein ein bisschen die Erfahrung. Aber die fehlt Sven Mislintat in der Rolle des Sportdirektors auch. Und Trainer Tim Walter sowieso. Und wer sich die Kandidaten für das Amt des Präsidenten anschaut, gelangt nur mit viel Fantasie zu dem Schluss, dass sich nach der Wahl am 15. Dezember an diesem Defizit etwas ändern könnte. Zumal auch die neue Vereinsspitze mit dem Personal und den Gremienmitgliedern arbeiten muss, die in den vergangenen Jahren Präsidenten, Manager und Trainer im Rekordtempo verschlissen haben. Aber vielleicht ist es ja so, wie der frühere VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder immer sagte: „Ach, ja. Die mangelnde Erfahrung. Ich versichere Ihnen: Das wird mit jedem Tag im Amt besser.“ Nur war der Verein damals noch kein Unternehmen mit 150 Millionen Euro Jahresumsatz, 200 Mitarbeitern und 72 000 Mitgliedern. In der aktuellen Verfassung tanzt der VfB jedenfalls auf dem Vulkan.

Dietrichs guter Riecher

Denn wenn es im Profifußball eines nicht mehr gibt, dann ist es ausreichend Zeit, um im Schnupper-Praktikum aus Fehlern zu lernen. Der zurückgetretene Präsident Wolfgang Dietrich war ganz sicher kein Charming Boy, aber er hat mit seiner Erfahrung als Unternehmer die Zeichen der Zeit erkannt und das Tempo hoch gehalten: Der Nachbar mit dem guten Stern würde sich heute wohl dreimal überlegen, ob er 41,5 Millionen Euro für 11,75 Prozent der AG-Anteile locker macht.

Wer verhandelt künftig mit dem zweiten Investor, den der VfB braucht, falls es mit dem Wiederaufstieg klappen sollte? Und wer rauft sich mit der Stadt Stuttgart darüber, wie und wo sie die 65 Millionen Euro in die Stadionrenovierung investiert, die ihr Dietrich abgerungen hat? Wer genau ist denn nun verantwortlich für die Wlan-Panne bei der geplatzten Mitgliederversammlung, die den gemeinnützigen Verein etwa die Hälfte seines Jahresetats von 300 000 Euro kostet? Und wer zeigt den Bertholds dieser Welt die Rote Karte?

Wider die alten Seilschaften

Mag sein, dass Guido Buchwald zu jenen Ex-Stars gehört, die sich neben dem Spannstoß auch eine Kanzlerschaft zutrauen. Aber der Stil seiner Ausbootung im Kandidatenrennen war unwürdig und eine Folge des Streits mit Wilfried Porth, dem Daimler-Vertreter im Aufsichtsrat. Über die Zukunft des Vereins wird mehr denn je ein Duell entscheiden: Unerfahrene Führungskräfte gegen die alten Seilschaften.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de