Narzissten sind böse, manipulierende Menschen – so das Klischee. Der Psychologe und Forscher Mitja Back erklärt, den aktuellesten Stand der Wissenschaft zu diesem kraftvollen, teils faszinierendend Typus und warum jeder von uns ein bisschen narzisstisch ist.
Narzissten haben ein mieses Image. Als arrogant, gnadenlos und manipulativ werden sie oft bezeichnet. Um diesen Typus ranken sich viele geheimnisvolle Mythen. Und in den letzten Jahren hat der vermeintliche Narzisst ohnehin Hochkonjunktur in sozialen Situationen. Der Ex-Freund, der ständig lügt und betrügt, ist ein Narzisst. Die Chefin, die ständig Druck macht, natürlich auch.
Narzissmus ist längst zum Geschäftsmodell für gewiefte Coaches geworden
Durch die sozialen Medien hat sich dieser Typus von Menschen, den man vielleicht mit etwas gutem Willen auch einfach als sehr ich-bezogen und wenig empathisch bezeichnen könnte, seinen Ruf als Narzisst erarbeitet. Hobby-Psychologen und selbst ernannte Coaches haben daraus längst ein Geschäftsmodell gemacht. Manchmal könnte man meinen, es gibt längst mehr Beraterinnen für Narzissten-Geschädigte als tatsächliche Narzissten auf dieser Welt.
Einer, der sich mit diesem Persönlichkeitsmerkmal ausführlich und auch ganz anders befasst, ist Mitja Back (46). Er ist Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster. Er erforscht ganz allgemein die Individualität der menschlichen Psyche und im Besonderen eben das Wesen von narzisstischen Menschen. In seinem neuen Buch „Ich! Die Kraft des Narzissmus“ skizziert er diese schillernden Persönlichkeiten ausführlich. Er sei fasziniert von diesen kraftvollen Menschen, die voller Widersprüche seien, aber stets laut „Ich!“ in die Welt hinausrufen, sagt Mitja Back.
Manch Hobbypsychologe mag überrascht sein, dass sich in seinen Ausführungen durchaus auch positive Seiten von Narzissten finden – und Back ein wesentlich differenzierteres Bild zeichnet als so mancher Instagram-Post, welches Narzissmus anhand von fünf Schlagworten als das Böse schlechthin erklären will.
„In der Öffentlichkeit reden wir immer darüber als wäre es nur eine Krankheit. Und natürlich können Narzissten krank werden und in ihrem Leben scheitern“, sagt Mitja Back via Zoom-Gespräch. Das wäre dann die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Allgemein werde es aber als Persönlichkeitsmerkmal in der Forschung gesehen wie zum Beispiel auch Ordentlichkeit oder Intelligenz. Als Persönlichkeitsmerkmal umschreibt Narzissmus Muster des Erlebens und Verhaltens, die durch Grandiositätsvorstellungen, Anspruchsdenken und Statusstreben geprägt sind. Oft seien sie charmant und begeisternd, reagierten aber bisweilen aggressiv und abwertend gegenüber anderen, wenn sie mal Kritik einstecken müssten.
Narzissmus wird vor allem anhand eines Spektrums gemessen. „Wir alle sind darauf verortet. Es gibt Menschen mit höheren Ausprägungen und mit niedrigeren“, sagt Mitja Back. „Die meisten Menschen liegen in der Mitte.“ Er hat einen Ich-Score entwickelt, anhand von zehn Fragen kann sich jeder grob selbst einschätzen, wo er liegt und auch wo im Vergleich zum Rest der Gesellschaft. „Bestimmte Ausprägungen sind auch nicht per se gut oder schlecht“, sagt Back. Alle hätten Vor- und Nachteile.
Die Forschung ist längst weiter als der Volksmund
Der Mythos des Narzissmus und damit des selbstverliebten Menschen, der nur um sich selbst kreist, ist ursprünglich abgeleitet vom antiken Narziss-Mythos. In der wohl bekanntesten Fassung von Ovid verguckt sich Narziss, der zuvor die Liebe von Frauen und Männern gleichermaßen ausgeschlagen hat, buchstäblich in sein Spiegelbild im Wasser und versucht, es zu erfassen. Er stirbt unter anderem an unerfüllter Liebe zu sich selbst. Durch den Psychoanalytiker Sigmund Freud wurde der psychologische Terminus Narzissmus populär, der vornehmlich Menschen mit einem übersteigerten Selbstwertgefühl als auch eine psychopathologische Störung bezeichnete. „In der Forschung ist aber viel passiert in den letzten 20 Jahren“, sagt Mitja Back.
Deshalb sei das Bild heute wesentlich differenzierter. Narzissten hätten gemeinhin Eigenschaften, die starke Effekte haben – im Positiven wie im Negativen: „Sie sind mitreißend, energisch, risikobereit und durchsetzungsstark“, sagt Back. Oft seien sie beliebt, geraten aber aufgrund ihrer Art auch häufig in Konfliktsituationen, reagieren arrogant und herablassend. „Es sind Personen, die mit sehr viel Kraft daherkommen. Das lässt umgekehrt eben auch wenige Menschen kalt“, so der Forscher.
Ihn stört häufig, dass es in der Alltagssprache oft als Schimpfwort verwendet werde, für jeden, der uns kränkt oder massiv stört. „Das macht es für die Person, die es verwendet, leicht. Sie hat einen Schuldigen gefunden“, sagt Back. Es werde häufig in Partnerschaftskonstellationen verwendet. Wichtig ist ihm dabei: „Psychischer Missbrauch und Manipulation in Beziehungen – das gibt es.“ Aber die Begriffe „Narzisst“ und „toxische Beziehung“ werden aus seiner Sicht in der Alltagssprache deutlich häufiger verwendet als es diese Fälle tatsächlich existieren.
Mitreißende, charmante Gewinner-Typen
Aber was bringt er nun, der Narzisst? Back betont, dass es neben vielen negativen Effekten – zum Beispiel Konflikten, Egoismen, fehlender Absicherung – eben auch positive Auswirkungen von Narzissmus gibt. Diese charakterisiert er anhand von drei Vs: Verführung, Vorankommen und Veränderung. Durch ihr Auftreten könnten narzisstischere Menschen andere begeistern und mitreißen. Häufig seien sie überaus charmant und extrovertiert. „Deshalb kommen sie in Kennenlernsituationen auch so gut an.“ Sie seien gut darin, das Eis zu brechen in sozialen Situationen. „Narzissten neigen eher zu so einem Verhalten, und zwar eben nicht um andere zu manipulieren, sondern weil sie so sind“, sagt Back. Ihrem Selbstbild nach wollen sie eine besondere Person sein. Und, vor allem: „Sie wollen der Welt zeigen, wie toll sie sind.“
Ihr eigenes Vorankommen im Leben ist ihnen sehr wichtig. Sie haben laut dem Persönlichkeitsforscher häufig ein starkes Selbstbewusstsein, sind resistenter und haben anspruchsvollere Ziele im Leben und auch weniger Angst vor Risiken. „Im Beruf sind sie daher eher Aufsteiger, können ein Team mitreißen.“
Zudem verspüren sie einen größeren Veränderungsdrang als andere Menschen. Sie brauchen oft Neues, haben viele eigene und ungewöhnliche Ideen, an denen sie sich oft auch festbeißen. „Wo andere schon sagen ‚das ist Unsinn’, bleiben sie meistens noch dran“, sagt Back. Daher bringen sie häufig auch innovativere Leistungen und neue Denkrichtungen ein.
Aber, und das gerät oft in Vergessenheit, wenn über Narzissten geredet wird: „Narzissten haben nicht nur ihren Narzissmus. Sie haben auch eben viele andere Eigenschaften“, sagt Back. Und: Jede Person verhält sich mal narzisstisch. So möchte eben fast jeder mal bewundert werden, gelobt werden für besondere Leistungen und bisweilen verhalten wir uns alle auch mal egoistisch.
In Beziehungen können Narzissten schwierig sein
Narzissten wissen übrigens sehr genau, wie sie sind. Sie wollen sich aber häufig nicht ändern. „Soziale Erwünschtheit ist ihnen nicht so wichtig“, sagt Back. Dies habe mit ihren Zielen im Leben zu tun, ihnen ging es mehr ums Vorankommen, denn ums Zurechtkommen. Deshalb ist es natürlich so, dass narzisstische Menschen in sozialen Situationen oft eine gewisse Sprengkraft haben. Wie geht man also mit ihnen um? Kann man überhaupt mit ihnen zurechtkommen? „Viele wählen Narzissten tatsächlich als Partner wegen ihres Selbstbewusstseins“, betont er.
In einer bestehenden Beziehung sei dies dann aber oft schwierig. Oft bringen sie sich nicht so in die Beziehung ein, wie der andere Part sich dies wünscht. „Selbstreflexion ist deshalb immer wichtig“, sagt er. Was sind meine sozialen Präferenzen? Was bringt mich auf die Palme? Und wie funktioniert meine soziale Auswahl bei Beziehungen? Und was brauche ich? „Man kann die besonderen Eigenschaften von Narzissten tatsächlich genießen“, sagt Back. „Aber dann muss man ihn oder sie aber auch immer wieder loslassen können.“