Bewegte Körper gehen in bewegte Bilder über: Spektakuläre Projektionen machten Antje Jetzkys Musiktheaterstück "L’opéra de la lune" sehenswert. Foto: Doris Schopf

Stuttgart tanzt: Die Performerin Antje Jetzky geht offen auf den Raum und andere Szenen zu.  

Stuttgart - Das Produktionszentrum für Tanz und Performance, eben zehn Jahre alt geworden, hat sich als Anlaufstelle für Tänzer, Choreografen und Performer der freien Szene in Stuttgart etabliert. Antje Jetzky gehört dazu, und sie tanzt an diesem Wochenende auf mehreren Bühnen.

So präsent wie in jüngster Zeit war die Arbeit von Antje Jetzky selten in Stuttgart. Kaum zu glauben, dass die Performerin als Dozentin an einer privaten Medienhochschule eigentlich einen ausgefüllten Tag hat. Doch auch an diesem Wochenende ist es für sie keine Frage der Energie, wenn sie auf mehreren Bühnen tanzt. In Antje Jetzkys Präsenz in der freien Szene, in der sie immer wieder Positionen mit Verantwortung übernommen hat und übernimmt, spiegelt sich die Lust, Grenzen zu überschreiten und dem Tanz neue Orte zu erschließen.

Einen Einblick in die Arbeit an ihrem neuen Stück gibt die Tänzerin und Choreografin an diesem Samstag bei der Stuttgart-Nacht im Produktionszentrum. Um die Beziehung von Schwestern geht es; und natürlich ist "In her skin" autobiografisch motiviert. "Ich will aber nicht meine persönlichen Ansichten auf die Bühne bringen", betont Antje Jetzky. Vielmehr habe sie bemerkt, dass dieses Thema immer sehr skurrile, intensive Gespräche auslöse. Mit Hilfe von Interviews und zwei Performerinnen will sie das schwierige Verhältnis hinterfragen, Erwartungen offenlegen. Am Samstag schlüpft sie selbst in alle Rollen. "Ich möchte einmal ausprobieren, wie das wirkt."

"Wir gehen bewusst nach draußen"

Im Dialog mit ihrem langjährigen Bühnenpartner - seit 2005 entwickelt sie mit dem Gitarristen Ulrich Wedlich Stücke -, ist sie dann am Sonntag um 17 Uhr im Freien Musikzentrum in Feuerbach zu erleben. "Sonata 4..2, Spiel. Satz. Sieg?" heißt die Begegnung zwischen zwei Künstlern. "Es ist ein Miteinander und ein Gegeneinander, das Musiker und Tänzerin, Komponist und Choreografin im Streit zeigt. Wer ist wichtiger? Wer manipuliert wen?", fasst Antje Jetzky den Wettkampf der Künste zusammen.

Im Lapidarium hat sie schon getanzt und jüngst in der Marienkirche. "Wir gehen bewusst nach draußen, um unsere Stücke an verschiedenen Orten auszuprobieren, auf unterschiedliche Situationen anzupassen - und um ein neues Publikum anzusprechen", sagt die Performerin. Diese wandernden Wiederaufnahmen sind auch aus der Not geboren, wie Jetzky betont. "Die Theaterräume in der Stadt sind nicht bezahlbar." Als Vorstandsmitglied der Freien Theater Stuttgart und als Mitglied des Produktionszentrums, das sie selbst einige Zeit als Vorstand begleitete, sind ihr die Schwierigkeiten der freien Szene bekannt. Eine für Stuttgarter Verhältnisse groß besetzte Produktion wie ihr Kinder-Musiktheater "L'opéra de la lune" wiederaufzunehmen ist da gar nicht so leicht möglich.

Flexibilität ist Jetzkys Stärke

Derzeit ist Antje Jetzkys Kunst im Württembergischen Kunstverein zu erleben. Mit dem Theater Lokstoff hat sie für das Projekt "Prometheus reloaded 6.0" gemeinsame Sache gemacht und den antiken Helden, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu schenken, in die Gegenwart geholt. Mit Hip-Hop-Moves beginnt ihr Solo für einen jungen Tänzer aus der Akademie der New York City Dance School, der sich allmählich in Andy Warhol verwandelt. "Warhol steht für mich stellvertretend für Prometheus, weil er mit seinem Ansatz die Kunstwelt so verändert hat, dass es für mich da viele Ähnlichkeiten gibt", sagt die Choreografin. Die Situation im Kunstgebäude kommt dabei ihrem Wunsch entgegen, Tanz und Publikum nicht frontal zu konfrontieren, sondern Raum offen zu gestalten.

Eine von Jetzkys Stärken ist diese Flexibilität - im Umgang mit dem Raum wie auch mit anderen Szenen, der Hip-Hop-bewegten Jugendszene zum Beispiel, die sie kennenlernte, als das Produktionszentrum neben der New York City Dance School logierte; in ihrem Stück "Icons" befragte sie die jungen Tänzer nach ihren Idolen. Eine andere Stärke Jetzkys ist ihr bildhaftes Denken. "Es ist nicht mein Anliegen, eine eigene Bewegungssprache zu entwickeln; ich suche vielmehr nach bewegten Bildern", sagt sie, die nach einem Abschluss in Betriebswirtschaft zum Tanz kam und diesen zwei Jahre lang in Amerika studierte. "Es ist wichtig, durch diese Schule gegangen zu sein; da wird ja nicht nur der Körper gebildet, sondern auch das ästhetische Empfinden."

www.stuttgartnacht.de, www.produktionszentrum.de

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