Danijel Marsanic möchte mit der Aktion zum Nachdenken anregen. Foto: Lg/Rettig

Danijel Marsanic wagt ein Experiment: Wie reagieren die Stuttgarter im Samstagstrubel auf Langsamkeit? Das Ergebnis überrascht.

Stuttgart - „Ohne mich läuft gar nichts!“ Breitbeinig stellt sich der junge Mann mit seiner T-Shirt-Parole in die Szenerie, der er offensichtlich nichts abgewinnen kann. „Fehlt denen was? Soll ich den Arzt rufen?“, fragt sein Kumpel und zieht ebenfalls von dannen. Wenn sich die performative Geh-Meditation vor dem Kunstmuseum, mitten im Samstagsgetriebe der Königstraße, dann so langsam entwickelt, bleiben solche Provokationen ganz aus. Mehr noch: Passanten bleiben nicht nur stehen, sondern fügen sich sogar ein ins über einstündige Geschehen. Und ganz nah dran am Sinn der Aktion ist schon bald Hildegard, die Seniorin aus Bad Cannstatt: „Die gehen alle in sich! Aber warum?“

„Um zum Nachdenken anzuregen, um zu zeigen, wie man in unserer überdrehten, kalten materialistischen Konsumwelt wieder zu sich selbst und in tiefen, freundschaftlichen Kontakt zu anderen Menschen kommen kann“, hatte Danijel Marsanic vorneweg den Ansatz erklärt. Der Schauspieler aus dem Stuttgarter Westen hatte sich die Aktion ausgedacht. Mit zehn Leuten hatte er gerechnet, mehr als die doppelte Zahl ist schon anfangs dabei, wenn sich die Gruppe vereinzelt und an der Peripherie des Platzes verteilt.

Am Ende ertönt ein Summen

Lautlos und in Zeitlupe bewegen sie sich nun in Richtung Platzmitte: Verblüffend, was diese Entfaltung der Langsamkeit auf dem Platz bewirkt! Wie von alleine respektiert die bewegte Masse ringsum das Geschehen, kurvt vorbei, und wer aus Versehen hineingerät, biegt ab und strebt hinaus. Immer mehr verdichtet sich das Szenario zu einer Kristallisation der Langsamkeit, wird es sehr leise ringsum, scheint ein Raum frei von Lärm zu entstehen, eine Art Hohlraum für Stille unter freiem Himmel. Wie ein sich fügendes Puzzle fügt sich die Gruppe skulptural zusammen. „Sie sind ganz frei. Voller Liebe und Glück!“, sagt Rogana Busch, die die ganze Zeit zuschaut. Am Ende tönt ein Summen aus der geballten Gemeinschaft. Wie aus einer klösterlichen Gemeinschaft – und so liegen sie sich danach auch glücklich in den Armen.

Lisa und Maxim waren zur Halbzeit zufällig dazugestoßen und berichten nun „von der überwältigenden Energie und dem Frieden“, die sie empfunden hätten. Das Durchhalten ist Abdul Kader „lange schwergefallen“. Nun ist der 21-jährige Flüchtling aus Syrien „stolz und glücklich“: „So viel Frieden und Gemeinschaft sollten wir in Syrien haben! Alle Menschen sollten so zusammensein.“ Eine Vision, die auch den Initiator glücklich macht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: