Wer es allen recht machen will, verrät sich selbst, und wer Nein sagt, enttäuscht die anderen. Doch es gibt einen Weg aus diesem Dilemma. Man kann lernen, weder zu schroff noch zu harmoniesüchtig zu sein.
Der Kollege lehnt im Türrahmen des Büros und schwärmt von seinem neuen Dampfgarer. Die Frage, ob Essenszubereitung in diesem Moment für sein Gegenüber interessant ist, stellt sich offensichtlich nicht für ihn. Eigentlich wollte man arbeiten, doch der Kollege nimmt gerade erst Fahrt auf. Was also tun? Die kostbare Zeit schützen? Oder höflich weiternicken in der Hoffnung, dass er von selbst zum Ende kommt?
Ein klassisches Dilemma. Wer es allen recht machen will, verrät oft sich selbst. Wer hingegen Nein sagt, enttäuscht Erwartungen und riskiert, dass sich Menschen abwenden. Viele Menschen entscheiden sich in so einer Zwickmühle für das Wahren der Harmonie und wissen später alles über das Dampfgaren, aber nichts über den Aufbau ihrer Präsentation. Die Angst, jemanden vor den Kopf zu stoßen und daraufhin abgelehnt zu werden, sitzt tief.
Menschen, die ihr Gegenüber stets zufriedenstellen wollen und ständig ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, nennt man People-Pleaser. Der Begriff stammt aus dem angloamerikanischen Sprachraum und erlangte in der populärpsychologischen Selbsthilfeliteratur große Bekanntheit. Auch wenn People-Pleasing keine offizielle Diagnose darstellt, kennen Psychologen die Tücken mangelnder Abgrenzung.
„Diese Menschen laufen Gefahr, überrannt und nicht gehört zu werden“, sagt Alexander Grob. Der Professor für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel weiß, welchen Stellenwert das Thema „Grenzen setzen“ für die menschliche Identitätsentwicklung hat.
People Pleasern fällt es im Erwachsenenalter schwerer, zu spüren, was sie brauchen
Und er sagt: „Um Grenzen setzen zu können, muss ich erst einmal wissen, wo meine Grenzen liegen.“ Warum manche das leichter erkennen als andere? Das hat auch mit der Kindheit zu tun. Wer schon früh die Erfahrung mache, dass grundlegende Bedürfnisse wie Ruhe oder Autonomie befriedigt würden, dem falle es später leichter, für sich einzustehen. Schwerer hätten es Kinder, deren Bedürfnisse vernachlässigt, beschämt oder bestraft worden seien. Sie lernten, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken. Ihnen fällt es laut Alexander Grob im Erwachsenenalter schwerer, zu spüren, was sie brauchen.
Ein fiktives Beispiel: Julia, eine berufstätige junge Frau, hat einen anstrengenden Tag hinter sich und fühlt sich erschöpft. Ihre Mutter ruft an und beginnt sofort, über ihre eigenen Probleme zu sprechen, ohne zu fragen, wie es Julia geht. Sie erwartet, dass Julia ihr zuhört. Doch Julia würde sich gern ausruhen. Obwohl sie versucht, das Gespräch höflich zu beenden, redet ihre Mutter weiter.
Als Julia ankündigt, dass sie jetzt auflegen und sich ausruhen werde, reagiert ihre Mutter vorwurfsvoll. Sie unterstellt ihrer Tochter, nur an sich zu denken. Als das Telefonat beendet ist, fühlt sich Julia schuldig.
People Pleaser wollen andere nicht enttäuschen
„Ein schlechtes Gefühl zu haben, bedeutet nicht immer, dass man die falsche Entscheidung getroffen hat“, sagt Alexander Grob dazu. Jede grundlegende Entscheidung gehe mit ambivalenten Gefühlen einher. Je früher Betroffene dies akzeptierten, desto leichter falle es ihnen, unangenehme Gefühle – wie Schuld – auszuhalten. Wer schon einmal versucht hat, alte Muster zu durchbrechen, weiß, wie schlecht es sich anfühlen kann, Mitmenschen zu enttäuschen und zudem von Schuldgefühlen geplagt zu sein. Gerade Perfektionisten kämen damit schlecht klar, sagt Alexander Grob. Deren Mantra laute, alle Ansprüche zu erfüllen.
People-Pleaser wollen dieses Gefühlschaos vermeiden und sich lieber anpassen. Doch das hat seinen Preis: Denn wer sein Bedürfnis nach Selbstbestimmung systematisch ignoriert, fühlt sich irgendwann ausgebrannt und überfordert. Statt bewusst Grenzen zu setzen, nehmen die Betroffenen unangenehme Situationen hin und manövrieren sich so über Jahre in die komplette Erschöpfung hinein.
Wo also ist der Ausweg? Schuldgefühle also einfach aushalten? „Es kann in solchen Momenten helfen, sich in Erinnerung zu rufen, welches Bedürfnis man mit seinem Nein geschützt hat“, sagt Alexander Grob. In dem fiktiven Beispiel wollte Julia, die berufstätige Tochter, ihren Wunsch nach Ruhe schützen. Ein legitimes Bedürfnis.
Wer sich für seine eigenen Bedürfnisse einsetzt, profitiert. Das erkannten auch zwei amerikanische Psychologen in den 50er Jahren. Die Forscher Joseph Wolpe und Andrew Salter entwickelten damals eine Technik, die Menschen dabei helfen sollte, ohne Angst für sich einzustehen: Es war die Geburtsstunde des sogenannten Assertiveness-Training-Programms – kurz ATP.
Es gibt Übungen, die People Pleasern helfen sollen, Grenzen zu setzen
Dieses Trainingskonzept hilft Menschen dabei, das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Die deutschen Psychologen Rüdiger Ullrich und Rita Ullrich-de Muynck haben das Ursprungskonzept des ATP in den 70er Jahren weiter ausgearbeitet und feinjustiert. Um die Unsicherheit der Probanden zu bekämpfen, haben sich die Forscher 127 sozial herausfordernde Situationen ausgedacht, die die Probanden in Rollenspielen üben mussten. Anschließend sollten sie die Aufgaben im Alltag umsetzen.
Übung Nummer 1 erscheint wenig herausfordernd: Sie sieht vor, dass die Übungsteilnehmer eine freundlich erscheinende Passantin ohne Unterwerfungsgesten nach dem Weg fragen. Doch der Schwierigkeitsgrad erhöht sich allmählich. Bei Übung 45 betritt man ein schickes Schuhgeschäft, probiert unterschiedliche Modelle an und verlässt den Laden, ohne etwas zu kaufen. Übung 48 besteht darin, einen Menschen an der Kasse zu bitten, einen vorzulassen. Es gehört auch zum Programm, vermeintlich dumme Fragen zu stellen, auf aufdringliches Verhalten zu reagieren oder die eigene Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern.
Grob umfassen die Übungen folgende soziale Kompetenzen: Forderungen stellen, Nein sagen und kritisieren, Kontakte herstellen, sich öffentlicher Beachtung aussetzen und sich Fehler erlauben. Die Teilnehmer sollen lernen, auszuhalten, wenn andere sie kritisieren oder sie selbst Fehler machen. Sie erfahren, dass es möglich ist, eigene Bedürfnisse anzumelden und Forderungen zu stellen. Und sie lernen, sich abzugrenzen, ohne zu befürchten, abgelehnt zu werden.
Doch es bestehe die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen, so Alexander Grob. Vor allem am Anfang. Gerade Menschen, denen es schwerfalle, Grenzen zu setzen, neigten dazu, übermäßig hart aufzutreten, wenn sie es doch einmal täten, erklärt der Psychologe. Wer aber sein Gegenüber anschreit, beraubt sich vieler Möglichkeiten. Erstens sinkt die Bereitschaft der schroff Zurechtgewiesenen, Grenzen zu achten. Zweitens steigt die Gefahr aufseiten derjenigen, die die Grenze gezogen haben, sich später selbst zu geißeln. Teilweise erfolgt der Versuch, den Wutausbruch durch besonders nachsichtiges Verhalten wieder gutzumachen.
Alexander Grob empfiehlt etwas anderes: Wer lernen will, Grenzen zu ziehen, sollte versuchen, freundlich im Ton, aber hart in der Sache zu bleiben. „Außerdem dürfen wir uns ruhig einmal von dem Gedanken leiten lassen, dass nicht jeder Mensch absichtlich unsere Grenzen verletzt“, sagt er. Denn selten wollen alle zum selben Zeitpunkt dasselbe. Der eine will seine Ruhe, der andere Nähe. „Dann haben wir vielleicht einen Bedürfniskonflikt, mögen uns aber trotzdem“, sagt er und ergänzt: „Wenn ich Ja zu mir selbst sage und freundlich Nein zu meinem Gegenüber, dann sollte das akzeptiert werden.“
Schuldgefühle gehörten dazu, wenn man beginne, Grenzen zu ziehen. Sie würden mit der Zeit jedoch weniger. Und die Alternative ist weit weniger attraktiv. Wer keine Grenzen setzt, sagt trotzdem permanent Nein – zu sich selbst.