Szene aus „Penthe. Küsse und Bisse“ im Theaterhaus Foto: Waisburd

Katja Erdmann-Rajski bringt im Theaterhaus Stuttgart Kleists Amazonenkönigin Penthesilea zum Tanzen. Heraus kommt ein Abend zwischen großem Singspiel und billigem Schlagertingel.

Stuttgart - Liebe? Ist eigentlich nicht vorgesehen. Auf keinen Fall für Penthesilea, die Königin der Amazonen, für die in Kleists Drama der Gott Mars den jeweiligen Partner ausschließlich zur Zeugung von Kriegerinnennachwuchs auswählt. Und auch nicht für Achill, der genügend zu tun hat mit den Männern um sich herum und mit dem Krieg um Troja.

Kleists Heldin macht Katja Erdmann-Rajski zur Protagonistin ihres neuen Tanzstücks; und auch hier kommt es, amazonentechnisch, zum emotionalen Super-GAU: P. verliebt sich in A. Weil das nicht sein darf, kratzt sie ein bisschen an der gottgegebenen Urmutterordnung, um am Ende das Objekt ihrer Begierde zu zerfleischen.

Großes Singspiel und billiger Schlagertingel

„Penthe. Küsse und Bisse“ heißt der Tanzabend so flott, wie er Gefühle verhandelt, wie er großes Singspiel und billigen Schla­gertingel mischt. Es ist der zweite Streich der Auseinandersetzung der Stuttgarter Choreografin mit großen literarischen Figuren. Mit Lady Macbeth hatte Katja Erdmann-Rajski im Ost ihre „Tanz-Verse“ eröffnet, nun folgt im Theaterhaus die Königin der Amazonen. Der Sprechpart musste dabei auf Kleist-Verse aus dem Off eingedampft werden, da gleich zwei Schauspieler nacheinander krank ausfielen.

Auch wenn der Sensationsreporter nun fehlt, der das Tun der Amazonenkönigin kommentieren sollte, birgt diese Urschlacht der Geschlechter viel Aktuelles. Muss man sich bestehenden Regeln beugen? Wie viel vom Weib darf bleiben im Karrierekrieg? Die Amazonen opfern ihrer Schlagkraft den rechten Busen, und immer wieder greift Katja Erdmann-Rajski dieses Motiv auf, wenn ihre fünf Tänzerinnen und sie selbst eine der nackten Brüste mit der Hand bedecken oder ihre Blöße mit Bändern verbergen.

Drei Tänzerinnen für die Titelpartie

Auf drei Tänzerinnen verteilt, sieht die Choreografin ihre Heldin weniger als Individuum denn als Stellvertreterin. Und als solche erzählt diese dreifache Penthe leider kaum vom Aufbegehren, dafür mehr von der Liebe. Die Arien aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ begleiten die immer schönen, intensiven Tanzszenen, die sich bei Kampfkünsten bedienen, die Bisse auch im Tanz auf Küsse reimen. Doch jeder Anflug von Nachdenklichkeit wird sofort von Schlagerromantik weggewischt. Ob’s rote Rosen regnet, ob die Herzen von stolzen Frauen gebrochen werden: Näher bringt uns das der Psyche dieser Penthe leider nicht.

So gerät Kleists Konflikt aus dem Fokus. Hier die vorgegebene Ordnung, dort das fühlende Individuum? „Penthe“ interessiert sich eher für die Nähe von Lust und Aggression und macht da keinen Unterschied zwischen Männlein und Weiblein, zwischen Achill und Amazone. Beide lieben, was nicht sein darf, beide leiden. Rosenblätter werden ausgeschüttet und mit Springerstiefeln ­getreten.

Scheitern an der Liebe

Wie die Krätze lässt Katja Erdmann-Rajski das schönste der Gefühle zu Beginn in die dreifache Penthe fahren. Als es Achill genauso trifft, gackern die Damen wie Teenies. Giovanni Nicolella besticht in der Rolle des stets gut gelaunten Latin Lover, und er bindet sich ohne Murren falsche Brüste um. Lena-Maria Fistarol, eine der Penthen, holt Kleists hehres Reden ins Heute: „Super Konzept! Die Amazonen haben das genau richtig gemacht.“ Dann umgarnt sie mit Carina Neumer und Verena Wilhelm den Herzbuben, bis er am Ende tot daliegt. Seliges Entzücken, mit dem Geliebten sterben? Muss nicht sein. Was bei Mozart anklingt und bei Kleist mit Stolz in die Tat umgesetzt wird, macht heute dem Scheitern Platz.

Weitere Aufführungen in der Halle T4 im Theaterhaus bis zum 12. September, jeweils um 20.15 Uhr.

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