Im Stuttgarter Schauspiel sorgen die von Peaches um eine drastische Performance erweiterten „Sieben Todsünden“ von Brecht/Weill für Aufsehen. Ministerpräsident Kretschmann hat die Inszenierung allen Pfarrern ans Herz gelegt. Zu Recht? Ein Beitrag des katholischen Stadtdekans Christian Hermes.
Stuttgart - Nach der Premiere der „Sieben Todsünden“ / „Seven heavenly Sins“ im Schauspielhaus sagte der anwesende Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen bemerkenswerten Satz: „Ich würde allen Pfarrern und sonstigen Würdenträgern der Kirche empfehlen, sich diese Inszenierung anzuschauen, um mehr über die Todsünden zu erfahren.“ Recht so, denkt man mit Blick auf die ekelhaften Verbrechen, mit denen sich die Kirchen in ihren eigenen Reihen auseinanderzusetzen haben. Und tatsächlich hat jedenfalls ein Pfarrer die fulminante Produktion in der Regie von Anna-Sophie Mahler und Peaches, der kanadischen Ikone des Electro-Punk, miterlebt: ich selbst. Also sogar einer von der katholischen Kirche, welche die Todsünden, so die Regisseurin vorab, ja erfunden habe. Das stimmt zwar nicht, passt aber immer: Macht hat, wer nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken, Begehren und Genießen der Menschen lenken kann. Macht hat, wer ihnen Hoffnungen wecken und Schuldgefühle auferlegen kann. Macht hat, wer erlauben oder schlimmer noch: sich erlauben kann.
Was aber hat es mit diesen „top seven sins“ auf sich? Sie sind aus der antiken Tugend- und Lasterlehre, zum Beispiel eines Diogenes Laertios oder Zenon von Kition, in das Christentum eingewandert und bildeten Disziplinen eines ethisch-spirituellen Mehrkampfs, einer Anthropotechnik, einer Athletik der Affekte: Die einzuübenden Kardinaltugenden Maß, Mut, Klugheit und Gerechtigkeit sowie den „göttlichen“ Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe wurden mit Stolz, Habgier, Ausschweifung, Zorn, Unmäßigkeit, Neid und Überdruss konfrontiert. Großartig, wie die Regisseurin das Motiv der „Psychomachia“, des „Seelenkampfs“, wie die Wüstenasketen der Spätantike ihren geistlichen Workout verstanden, mit den existenziellen Konflikten der Protagonistin Anna verbindet. Das ist – getanzt, gespielt, musiziert und gesungen – ganz großes Theater.
Was ist von der „sexuellen Revolution“ zu erhoffen?
Um Erlösung muss gekämpft werden. So verstanden sich die Asketen der Antike als Athleten Gottes. Selbstoptimierung und Selbstüberwindung als Weg zur Seligkeit wanderten säkularisiert in das Projekt eines kapitalistischen „pursuit of happiness“ ein. Und wie genial verstehen Bert Brecht und Kurt Weill die bigotte Transformation einer ausgehöhlten christlichen Tradition in der Wohlstandsreligion des „american dream“ hörbar zu machen. Wo gebetet wird: „Der Herr möge unsere Kinder erleuchten, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt“, wird im Sound von Bibel und Gesangbuch nicht nur die christliche Erlösungshoffnung erledigt, sondern die kapitalistische gleich mit. Die Tugend im Geist eines entfremdenden und ausbeuterischen Systems, die Entsagungslieder des Wohlstandsevangeliums mit Arbeitszwang und Triebverzicht lassen entfremdete, ruinierte, gespaltene und buchstäblich niedergeschlagene Opfer zurück.
Gegen Entfremdung, Vermarktung, Objektifizierung und Viktimisierung steigen der Monolog aus Virginie Despentes feministischer Streitschrift „King Kong Theorie“ und Peaches mit ihren „Seven heavenly Sins“ in den Ring. Aber bieten „Dick in the Air“, „Fuck the Pain away“ und andere Obszönitäten belastbare neue Perspektiven einer Erlösung und Emanzipation sowohl von den Fesseln der Religion wie von jenen des Kapitalismus? Macht entgrenzter Sex „kaputt, was euch kaputt macht“? Sind von der „sexuellen Revolution“ die heilenden Kräfte gegen Autoritarismus und Ausbeutung zu erhoffen?
Auch in der Show von Peaches bleibt der Schmerz der Kreatur
Oder sanktioniert der ästhetische und gesellschaftspolitische counter strike, der die „deadly sins“ einfach in „heavenly sins“ umwendet, nicht das, wogegen er sich wendet? In der Diktion der Marxschen Religionskritik: Wenn das sexuelle Elend Ausdruck des wirklichen Elends und Protest gegen das Elend zugleich ist − sind Peaches‘ Musik, Texte und Performance dann mehr als „der Seufzer der bedrängten Kreatur“ und „Gemüt einer herzlosen Welt“? Peaches wird nicht so naiv sein, die „heavenly sins“ ernsthaft als neues Heils- und Erlösungsangebot zu verstehen. Was wir vielmehr sehen, ist das Ende einer dritten Illusion. Denn der Schmerz lässt sich ja nicht nur nicht wegbeten, nicht wegarbeiten oder wegkonsumieren, sondern – sorry – er can’t be fucked away either.
Wir Theologen haben einen Vorteil: Wir leben nun schon mehrere Jahrhunderte mit der Kritik unserer Religion als Illusion. Wir sind sozusagen Experten der Desillusionierung. Gläubig zu sein heißt heute deshalb gerade nicht, trotzig gegen alle Kritik an einem illusionären, ideologischen Glauben festzuhalten. Es heißt vielmehr: die unbeantworteten und unbeantwortbaren Fragen, den Schmerz und die Hoffnung auf Glück und Heil nicht fallen zu lassen, nicht zu verdrängen oder zu betäuben, sondern wach zu halten. Mit Charles Ives die „unanswered question“ zu stellen, mit der die Inszenierung im Schauspielhaus endet, dabei wissend, dass diese Frage nicht plump beantwortet werden kann, ist bleibende Herausforderung eines „Seelenkampfes“: für Religionskritiker, Kapitalismuskritiker, Punks, Feministinnen, Pfarrer, Ministerpräsidenten und alle anderen denkenden Wesen. Empowerment beginnt, wo die Illusionen einfacher Antworten zu Boden gehen.
Zum Autor: Die Wirkungsstätte von Christian Hermes liegt mitten in der Stadt: Seit acht Jahren ist der 48-Jährige katholischer Stadtdekan und Dompfarrer von St. Eberhard in der Königstraße. Hermes hat katholische Theologie und Philosophie in Tübingen und Paris studiert und im Staatskirchenrecht promoviert.
Der Musik- und Theaterliebhaber ist nicht nur Nachbar, sondern auch Fan und treuer Besucher von Oper und Schauspiel. „Die Oper – Zauber und Zumutung“ wird deshalb auch Thema beim nächsten Talk am Dom am Mittwoch, 13. März, 19 Uhr, im Haus der Katholischen Kirche sein. Dann spricht Hermes mit dem Opernintendanten Viktor Schoner auch über die Zumutungen des Brecht/Weill-Stücks „Die sieben Todsünden“.