Ein beschauliches Städtchen am See irgendwo in Österreich wird in Paulus Hochgatterers Roman zum Schauplatz mysteriöser Verbrechen. Foto: imago images / Volker Preußer/Volker Preusser

Brillante Sozialstudie: Paulus Hochgatterer blickt in seinem klugen Krimi „Fliege fort, fliege fort“ hinter die Kulissen einer Kleinstadtidylle.

Stuttgart - Es sind ziemlich seltsame Fälle, mit denen sich Raffael Horn, Leiter der Psychiatrie am örtlichen Krankenhaus, beschäftigen muss: Da ist ein alter Mann, dessen ganzer Körper von blauen Flecken übersät ist, der aber steif und fest behauptet, einfach nur von der Leiter gefallen zu sein. Oder eine Nonne, die über Übelkeit klagt und in deren Magen man eine ordentliche Portion Katzenfutter findet. Und ein stadtbekannter Saufbruder, über dessen Schädel eine eindrucksvolle Schnittwunde verläuft. Alle haben sie etwas zu verbergen, tief in ihnen verschlossen, unaussprechlich.

Mit den mysteriösen Alten aber nicht genug. Der österreichische Schriftsteller und Psychiater Paulus Hochgatterer legt in seinem neuen Buch „Fliege fort, fliege fort“ noch ein paar andere rätselhafte Fährten aus: Das beschauliche Städtchen Furth am See, das wir samt einiger Figuren schon aus den Kriminalromanen „Die Süße des Lebens“ und „Matratzenhaus“ kennen, wird von diversen Verbrechen heimgesucht, mit denen sich der leicht dienstmüde Kommissar Kovacs herumschlagen muss.

Sprayer haben die Fassade einer neuen, von einem einflussreichen und zwielichtigen Unternehmer hochgezogenen Wohnhausanlage verschönert – später wird noch dessen Auto in Flammen aufgehen. In einem Flüchtlingsheim geht es hoch her, nicht zuletzt weil Neonazis als Wachpersonal angeheuert wurden – einer von den kurz geschorenen Kameraden wird bei der Fronleichnamsprozession mit einer Steinschleuder attackiert; am schlimmsten: Die Tochter einer angesehenen Familie ist entführt worden.

Sadistische Methoden

Paulus Hochgatterer betreibt einen immensen Aufwand, fährt eine Unmenge Personal auf, verwebt Neben- und Hauptstränge auf geschickte Weise, um das Verborgene und Unsichtbare langsam zu enthüllen. Im Zentrum aber stehen Horn und Kovacs, die sich auf 300 Seiten zwar nicht begegnen, aber doch zusammenarbeiten – der eine tummelt sich an der Oberfläche, der andere im Unbewussten seiner Patienten. Nach und nach kommt Licht in das Dunkel, und die Opfer entpuppen sich als die eigentlichen Täter: Alles, was heute geschieht, hat natürlich mit der Vergangenheit zu tun. Im Zen­trum steht ein ehemaliges Kinderheim, in dem sadistische Methoden an der Tagesordnung waren, die sich nun gegen die ehemaligen Peiniger richten.

Von Hochgatterers Roman darf man sich allerdings keinen üblichen Krimi erwarten. Er liefert eher eine faszinierend genaue Studie seiner Figuren, eine Reflexion über das Vergangene, das nicht vergeht. Er ist mitunter von einem bezwingenden Witz. Und von einem tiefen Ernst, weil Psychiater Horn schon zu viel gesehen hat, um darauf nicht mit einer gewissen Lakonik und Komik reagieren zu können. Und Kommissar Kovacs? Er weiß sowieso, dass der Welt nicht recht zu trauen ist. „Er dachte daran, dass es Menschen gab, bei denen man ganz früh damit begann, sie kaputt zu machen, und so lange nicht aufhörte, bis es endgültig gelungen war. Er dachte daran, dass die Hölle auch dort sein konnte, wo viele Kinder waren, und er dachte daran, dass Leftis Freund vom marokkanischen Erdbebendienst gesagt hatte, es seien die Gräber, die unser Leben bestimmten.“

Paulus Hochgatterer kennt die Abgründe des Menschen, weiß, wo deren Leichen begraben lieben. Und dennoch ist in seinem Erzählen eine große Zugewandtheit zu spüren, eine Nachsicht und ein Wohlwollen allen Schwächen gegenüber. Sein Kriminalroman „Fliege fort, fliege fort“ handelt nicht nur von einem Rachefeldzug, von den bröckelnden Fassaden einer Kleinstadtidylle, von Brutalität und Zerstörung, sondern auch von dem, was Menschen zusammenhält – von Freundschaft, Unbedingtheit und Liebe.

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Roman. Deuticke. 286 Seiten, 23 Euro.

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