So sah das erste Kinderrettungshaus, die vereinigte Katharinenschule mit der Paulinenpflege, aus.So präsentiert sich die Paulinenstiftung seit 1948 auf der Rohrer Höhe. Das ursprüngliche Gebäude im Stuttgarter Zentrum ist 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden. Foto: privat/Stiftung Jugendhilfe aktiv

Die Paulinenpflege ist 200 Jahre alt geworden, Anlass an die Initiatorin, Königin Katharina und an ihr revolutionäres pädagogisches Konzept der Einheit von Erziehung und Bildung zu erinnern.

Rohr - Dass die wunderschönen Sonnenuntergänge, die im Biedermeier in Europa zu bewundern waren und die Maler wie Carl Spitzweg und William Turner auf Leinwand verewigt hatten, und die Gründung der Paulinenpflege in einem Zusammenhang stehen, mutet nur auf den ersten Blick seltsam an. Die Ursache der grandiosen Naturerscheinungen war der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 in Indonesien. Der gewaltige Auswurf von Gestein, Mineralien und Asche in die Atmosphäre führte zu Klimaveränderungen. 1816 kam es in Württemberg zum „Jahr ohne Sommer“ mit Missernten und der größten Hungersnot im 19. Jahrhundert.

Der Überlebenskampf während der Hungersnot hinterließ emotional verwahrloste Kinder

Der Überlebenskampf der Bevölkerung führte dazu, dass viele Kinder auf sich selbst gestellt waren und emotional verwahrlosten. König Wilhelms Gemahlin, die Zarentochter Katharina, wollte deshalb für Kinder aus armen Verhältnissen Bildung und Erziehung aus einer Hand. Sie starb 1819, bevor sie ihre Pläne dafür in die Tat umsetzten konnte. Den Württembergern hatte sie einige soziale Einrichtungen, darunter das Katharinenstift und das Katharinenhospital, beschert.

König Wilhelms nächste Ehefrau Pauline verwirklichte Katharinas Pläne. Sie führte 1820 die beiden Stuttgarter Einrichtungen zur Versorgung von Armen- und Waisenkindern, die Katharinenschule und die Paulinenpflege, im ersten Kinderrettungshaus in Württemberg, zusammen. Am Konzept des Zusammenspiels von Bildung und Erziehung hat sich bis heute nichts geändert. Verändert hat sich aber das Ambiente. Das Gebäude der Paulinenstiftung im Zentrum bekam bei einem Bombenangriff 1943 einen Volltreffer und brannte vollständig aus. Vorübergehend kam die Stiftung bei einer katholischen Einrichtung im Umland unter, und erst 1948 bezog sie ihr heutiges Gebäude an der Thingstraße 50 auf der Rohrer Höhe, das nach und nach erweitert wurde.

Mit 900 Mitarbeitern eine der größten Jugendhilfeeinrichtungen im Land

„Die beiden Königinnen, vor allem Katharina, haben die Jugendhilfe auf eine neue Ebene gebracht“ sagt Rüdiger Tschacher von der Stiftung Jugendhilfe aktiv. Die Stiftung ist das Ergebnis einer Fusion der Paulinenpflege mit der Plieninger Wilhelmspflege vor 15 Jahren. Auch das Theodor-Rothschild-Haus in Esslingen gehöre dazu. Man biete alle Angebote der Jugendhilfe, von der ambulanten über die teilstationäre bis zur stationären. Dazu gebe es die beiden Förderschulen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche: die Albert-Schweitzer-Schule in Rohr und die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Plieningen. Katharina, sagt er, wäre heute eine sehr erfolgreiche Managerin: „Sie hat in den drei Jahren bis zu ihrem Tod sehr viel auf den Weg gebracht.“ Das Zusammenspiel von erzieherischer Arbeit und Schulbildung sei auch heute noch das Ziel. Mit circa 900 Mitarbeitern sei die Stiftung eine der größten Jugendhilfeeinrichtungen in Baden-Württemberg.

Die Kinder sind die Opfer von Krisen im häuslichen Umfeld

Warum einige der sozial benachteiligten Kinder spezielle Hilfen brauchen, erläutert der Stiftungs-Regionalleiter David Aust: „Es sind Kinder, die im regulären Unterricht nicht zu halten sind, weil sie massive Verhaltensauffälligkeiten zeigen.“ Dies äußere sich unterschiedlich – durch Gewalttätigkeit, Depression, Selbstverletzung, Selbstmordgefährdung oder völlige Zurückgezogenheit. Die Hintergründe seien Krisen im häuslichen Umfeld wie Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch. „Die Kinder brauchen Hilfe und, wenn es um die Gefährdung des Kindeswohls geht, auch Schutz“, erklärt David Aust. Die Stiftung betreue insgesamt mehrere Hundert Kinder. Zu den Angeboten zählten 25 Wohngruppen mit jeweils sechs bis acht Kindern, teilstationäre Gruppen mit jeweils acht Plätzen und aufsuchende Hilfen, in denen Sonderpädagogen Familien betreuen.

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