Paul Schröder am Staatsschauspiel „Slapstick ist Teil meiner Mittel“

Von Nicole Golombek 

Paul Schröder ist vielseitig begabt Foto: Leif Piechowski
Paul Schröder ist vielseitig begabt Foto: Leif Piechowski

Paul Schröder (32), Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart, spielt im Schauspielhaus Manns „Zauberberg“, und er tritt in der Rosenau mit einer Geräuschpantomime-Show auf.

Herr Schröder, in Ihrem Soloabend „Mario und der Zauberer“ ist das Theater Nord zu einer Art Varieté umgebaut. Sind Sie da auf den Geschmack gekommen, auf kleinen Bühnen aufzutreten?
Nein, Steffen Wilhelm und ich treten als Paul und Willi auf, seit wir 16 Jahre alt sind. Wir haben 2005 sogar schon den Swiss Comedy Award und den Cabinet-Preis gewonnen, aber dann ist uns immer wieder das Theater dazwischen gekommen.
Sie machen „lustige Geräuschpantomime“. Was ist das?
Größtenteils grober Unfug. (lacht) Wir wurden einmal als lebende Comicfiguren bezeichnet, das trifft es ganz gut.
Welche Comicfiguren mögen Sie?
Oh, Pingu, den haben wir in der Sprache. Das ist ein kleiner Knet-Pinguin, der immer nur Möörp sagt. Ansonsten passt zu unserem Humor am ehesten Itchy & Scratchy, eine blutrünstige Version von „Tom und Jerry“.
Ist ihr Humor so fies?
Ja. Und brachial. Schnell und mit viel Slapstick. Wir lieben es, miteinander zu spielen und uns gegenseitig Stöcke zwischen die Beine zu werfen.
Slapstick zeigen Sie auch im Theater, wenn Sie in Schillers „Die Räuber“ vom Stuhl fallen. Beeinflusst Slapstick Ihr Spielen?
Das geht ineinander über. Das ist ein Teil meiner Mittel. Und manchmal macht es Sinn und manchmal eben nicht.
Gibt es Regisseure, die das albern finden?
Eher anders herum. Regisseure greifen das sehr gerne auf. Es kann sein, dass ich Slapstick als Weg zu etwas anderem hin anbiete, dann aber merke, das passt nicht wirklich für diese Figur und sage, komm’, lass uns lieber noch was anderes versuchen.
Steffen Wilhelm arbeitet in Erfurt, Sie in Stuttgart. Wie proben und entwickeln Sie Ihre Programme, verändern die sich mit den Jahren?
Wir üben oft noch mal am Telefon und skypen. Klar verändern sich die Sachen, weil ja auch Erfahrungen aus dem Theater dazukommen und man sich weiter entwickelt. Es gibt zum Beispiel einen tollen Clown, Goerge Carl, der uns jüngst inspiriert hat. Und Steffen, der auch Regisseur und Theaterpädagoge ist, macht viel Improvisation. Wir haben aber schon ein festes Programm. Einiges funktioniert nonverbal und hauptsächlich pantomimisch, aber wir machen eben trotzdem Geräusche dazu. Wir spielen mit diesem Pantomime-Thema, also dass wir ja eigentlich keine Sprache haben. Und zwischendurch kommunizieren wir auch noch über eine Übersetzungsmaschine.
Sprache ist das Stichwort fürs Theater: Sie spielen zurzeit Werke ziemlich sprachmächtige Figuren. Nach Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ jetzt im „Zauberberg“ den Naphta – ein Rhetoriker und Manipulateur.
Klar ist Sprache immer ein Thema im Theater, gerade, wenn man Erzählungen und Romane auf die Bühne bringt. Als Schauspieler interessiert mich dann aber vorrangig die Umsetzung dieses Themas.
Was halten Sie von dem Jesuiten Naphta? Er ist ja ein ziemlicher Fatalist.
Und ein Zyniker. Ich glaube, dass Naphta etwas sucht, das radikal ist. Er sieht durch die ideologischen Streitgespräche mit Settembrini auf einmal eine letzte Chance, doch zu einer Tat zu kommen. Es kann nicht mehr gesprochen werden, es muss die Tat folgen. Und das ist dann der Selbstmord. Das finde ich spannend. Zu zeigen, wie man sich zu so einer These verhalten kann: Argumente führen dahin, dass man mordet – auch sich selbst.
Auch heute morden Menschen für ihre Überzeugung.Doch wer würde sich dafür in Mitteleuropa dafür selbst töten? Sind wir zu lau?
Es ist schwer zu sagen, dies fehlt oder das müsste anders sein. Verändern kann man andere Menschen ohnehin nicht, man kann ja immer nur sich selber ändern.
„Der Zauberberg“ ist über 700 Seiten lang. Falls Sie auch noch in Balzacs „Das Paradies der Damen“ oder Dostojewskis „Der Idiot“ mitspielen, müssten Sie nochmal tausende Seiten lesen. Nervt Sie die ständige Romanleserei nicht?
Oft macht es aber auch Spaß. Ich würde schon gern auch mal im Urlaub einen Roman lesen, den ich mir ausgesucht habe, auf den ich Lust habe. Ich verschiebe das Lesen für die Arbeit dann auf den letzten Drücker.
Und „Der Zauberberg“ stand nicht auf Platz eins Ihrer Urlaubswunschbuchliste?
(lacht). Na ja, Thomas Mann ist manchmal schon eine ganz schöne Laberbacke.
Warum spielen Sie dann mit?
Weil der Roman Fragen stellt, die uns heute noch beschäftigen. Man kann auf die Figuren und all die Ideologien schauen und überlegen, wo die Fehler lagen, die zu zwei Weltkriegen geführt haben. Hätte man etwas anders machen können, steht man den Dingen machtlos gegenüber? Wir können überlegen, wie es mit unserer Verantwortung in Krisenzeiten heute steht, fragen, wer bekommt von wem Waffen, vor welchen politischen Entscheidungen steht man heute, was bedeuten die aktuellen Auseinandersetzungen an anderen Orten für uns. Ich hoffe, dass diese Frage das Thema des Abends wird, die Frage nach der Verantwortung für solche Radikalitäten in unserer globalisierten Welt.
„Zauberberg“: Premiere im Schauspielhaus: 24. Oktober um 19.30 Uhr. Die „Lustige Geräuschpantomime mit Paul & Willi“: 30. Oktober, 20 Uhr, in der Rosenau. Kartentelefon: 0 18 05 / 70 07 33.

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