Paul Klee: „Träger für ein Schild“, 1934 Foto: Zentrum Paul Klee

„Bewegung liegt allem Werden zugrunde“, schrieb der Maler Paul Klee 1920. In diesem Sinne präsentiert das Berner Zentrum Paul Klee in einer Ausstellung die Dynamik in Klees Werk samt leibhaftiger Tanzeinlagen.

Bern - Es ist nicht etwa so, dass man mit einer Überraschung rechnet. Vielmehr ist man nach Bern in die Schweiz gefahren, um alte Freunde wiederzusehen. Das Bekannte zu erinnern. Bilder, die man gut zu kennen glaubt, weil man ihnen gefühlte tausend Mal gegenüberstand. Paul Klees Aquarell „Das Licht und die Schärfen“ von 1935 zum Beispiel. Auf Postkarten und Plakaten gehört das entfernt an einen kunterbunten Kirchturm erinnernde Doppelbild längst zum Inventar jedes besseren Museumsshops.

Doch die Schau „Paul Klee. Bewegte Bilder“ im Berner Zentrum Paul Klee (ZPK) überrascht, weil sie das Sehen selbst thematisiert und das Sichtbare, also auch das Erinnerte relativiert und dem Gedächtnis entreißt. Die Bewegung entsteht im trägen Auge des Betrachters, der nach und nach Farbflächen erkennt, symmetrische Strukturen, Wiederholungen von Figuren, geometrische Formen. Eine vielstimmige, komplexe Komposition, die mehr als nur den Sehsinn anspricht. „Das Licht und die Schärfen“ ist ein Musterbeispiel der sogenannten polyfonen Malerei und das vielleicht wichtigste der ausgestellten Bilder. Für die beiden 1929 entstandenen Aquarelle „Schwungkräfte“ und „Vor dem Schnee“ gilt das in abgeschwächter Form.

Ein Strukturprinzip

Die Idee der Vielstimmigkeit borgte sich Klee von der Musikwissenschaft, ähnlich wie es auch der große Texttheoretiker Michail Bachtin für die Literatur tat. In seinem 1929 erstmals erschienenen Buch „Probleme der Poetik Dostojewskijs“ hat Bachtin die Polyfonie als charakteristisches Strukturprinzip der Erzählwerke des russischen Autors herausgearbeitet. Der Begriff beschreibt, wie idealerweise beim Bildaufbau gegenseitig durchdringende und überlagernde Bewegungen verschiedener Bildelemente eine simultane visuelle Vielstimmigkeit erzeugen. Pointiert ausgedrückt: Klees „Das Licht und die Schärfen“ ist eher eine Bach-Fuge zum Anschauen – oder der Versuch, etwa die wunderbar schwatzhaften, besser: dialogischen „Bösen Geister“ von Dostojewski zum Klingen zu bringen. Von wegen bunter Kirchturm.

Einer von Klees meistzitierten Sätzen darf auch dieses Mal nicht fehlen: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Es klingt einfacher, als es ist. Klee interessiert nicht die Mimesis als Erkenntnis, er zeigt eben nicht, was zuvor schon einmal gesehen worden war. Vielmehr separiert Klee Elemente aus der Wirklichkeit und arrangiert sie neu, schafft Assoziationsräume, Ideengebilde, Gedankengemälde. Klee zeigt, wie Kunst funktioniert.

Hier wird getanzt

Und wie sie sich bewegt. Wie sie hüpft, wie sie wankt, die Schwerkraft überwindet – oder die Hüften schwingt. Michael Baumgartner, der Kurator von „Paul Klee. Bewegte Bilder“, beschränkt sich nicht allein aufs Aufhängen von Bildern. Es wird auch leibhaftig getanzt. Kein Witz! In den kommenden Monaten dürfen junge Künstler inmitten der Werke eine Choreografie einstudieren und präsentieren. Die Besucher sind jeweils live dabei. Im April und September werden die Hallen das ZPK auf diese Weise zu „Bewegungsräumen“, heißt es.

Dass das ZPK auf den Tanz als begleitendes Programm setzt, begründet es mit der Wichtigkeit dieser Ausdrucksform für den Maler. Eine biografische Notiz, mehr nicht. Tatsächlich war Klee wie viele seiner Zeitgenossen hingerissen von einer gewissen Josephine Baker. Die amerikanisch-französische Tänzerin schockierte in den 20er Jahren die Philister in halb Europa mit reichlich nackter Haut, dem berüchtigten Bananenröckchen und tolldreistem Popo-Gewackel. Von Klees Faszination zeugt die Zeichnung „Negride Schönheit“ (1927), zweifelsohne ein Porträt Bakers, das den Auftakt der Schau markiert. Ebenfalls historisierend ist ein in die Ausstellung eingebettetes Video, das eine Rekonstruktion von Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ darstellt.

Keine Frage, am Weimarer Bauhaus, wo Paul Klee von 1920 bis 1931 lehrte und den Stuttgarter Schlemmer im Kollegium persönlich kennen- und schätzen gelernt hat, arbeitete man sich intensiv an den avantgardistischen Tanzformen ab. Doch Zeitkolorit und biografische Spurensuche sind im Grunde gar nicht notwendig, wirken gar bemüht. Und wirkliche Tanzeinlagen sind wohl nur etwas für all jene Besucher, welche die intellektuelle Herausforderung mit dem Kosmos Klee meiden und stattdessen das Happening suchen. Ein Kotau vor dem popkulturellen Mainstream.

Das Licht und die Schärfen

Die Bilder aus der späten Schaffensphase sind beweglich und elastisch genug, die Sammlung des ZPK ist weltweit einzigartig. Klees Kunst verweigert sich dem Antanzen jedweder Art, auch mied der 1940 gestorbene Schweizer die Festlegung auf einen Stil oder bestimmte Ismen der Kunstgeschichte. In Bern sieht man alles und nichts: Klees Kubismus, Klees Expressionismus, Klees Konstruktivismus. Und wenn es ihm gefiel, bediente er sich wie bei „Das Licht und die Schärfen“ bei Georges Seurats pointillistischer Manier, freilich nicht, um ein sommerliches Ausflugsidyll im Park zu zeigen. Dafür überall umhertorkelnde Strichmännchen, schwebende Fischgestalten und Kartongebilde auf tönernen Füßen. Und Linien, die ein Eigenleben entwickeln. Die sich von der Knechtschaft der Formen und Farben emanzipieren, wie in „Träger für ein Schild“ aus dem Jahr 1934. Kein ausgefallenes Haar, auch kein Schweineschwänzchen ist auf diesem Aquarell zu bewundern. Sondern nicht weniger als Freiheit der Kunst.

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