Patti Smith in Winterbach Mit geballter Faust

Von Björn Springorum 

Musik-Ikone: Patti Smith Foto: dpa
Musik-Ikone: Patti Smith Foto: dpa

Ein schlichtes „Hey, everybody“, ein kurzes Winken, dann ertönen auch schon die weichen Bassläufe von „Gloria“. Mit 3000 Fans feiert Patti Smith beim Zeltspektakel in Winterbach den 40. Geburtstag ihres legendären Albums „Horses“

Es gibt so manches, auf das Patti Smith auch nach 40 Jahren nicht verzichten möchte. Ihre Teetasse ist immer noch als nahezu ikonischer Begleiter mit ihr auf der Bühne, sie beschwört Freiheit und Zusammenhalt mit eindringlichen Worten und Gesten, predigt Naturverbundenheit, ermahnt zum Wassertrinken, erinnert an all die Menschen, die von uns gegangen sind, gibt sich offen systemkritisch. Der Punk-Adel verpflichtet.

Es gilt, 40 Jahre „Horses“ zu feiern, ihr legendäres Debüt von 1975. Spricht man über dieses Album, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. In 43 Minuten und 10 Sekunden hob Patti Smith kurz vor ihrem 29. Geburtstag die Musikwelt mit einem Aufschrei aus den Angeln. Viel wurde geschrieben über das Album, über das ikonische Artwork, über die Signifikanz für die Punk-Musik im Speziellen und die Musik im Allgemeinen, über ihre poetischen Texte zwischen Familienerinnerungen, Lobliedern auf ihre Helden und ein Tribut an Arthur Rimbaud, ihr bis heute größtes Idol.

Von Glastonbury bis Winterbach

Zum 40. Geburtstag dieses Albums geht die „Godmother of Punk“ auf eine ungewöhnlich ausgedehnte Tournee, trägt die Festivitäten rund um „Horses“ vom Glastonbury Festival über Londons Royal Albert Hall bis hinaus nach Winterbach. Sie spielt, das ist schon zuvor klar, das komplette Album, ergänzt um das eine oder andere Bonbon, und lockt damit rund 3000 Menschen in das violette Zelt.

Ein schlichtes „Hey, everybody“, ein kurzes Winken, dann ertönen auch schon die weichen Bassläufe von „Gloria“. Selten gab es einen ersten Song auf einem ersten Album, der derart programmatisch für das gesamte spätere Schaffen eines Künstlers steht. Mit der ersten Zeile „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“, schrieb sie über Nacht Musikgeschichte. Der Abgesang auf die Religion, auf die Doppelmoral Amerikas, auf die Scheinheiligkeit wurde zum Mantra dieser Generation.

Auch heute singt sie ihn voller Inbrunst und Überzeugung, Die 40 Jahre haben nichts an ihrer Einstellung, an ihren Ansichten geändert. An ihrer Stimme auch nicht. Sie singt den Them-Klassiker wie am ersten Tag, erweist dem großen Van Morrison unnachahmlich die Ehre. So voller Verve, voller Punk, voller Rohheit spielt selbst er den Song heute nicht mehr. Der Jubel ist entsprechend laut, es gibt Szenenapplaus, schon zum Auftakt ertönt „Gloria“ aus hunderten Kehlen.

Und so beginnt es. „Redondo Beach“ mit seinen Reggae-Anklängen, bis heute als lesbische Hymne gefeiert, trägt sie gestikulierend und tänzelnd vor. Die zehnminütige Spoken-Word-Performance „Birdland“ liest sie auch heute ab, wirft das Textblatt aber in der Mitte einfach weg, steckt ihre Brille wieder ein und geht voll auf in ihrer Hommage an Wilhelm Reich. Man hängt an ihren Lippen, fiebert mit, fühlt mit, ist frei nach F. Scott Fitzgerald urplötzlich auf und vor der Bühne.

Velvet Underground: Medley zum Geburtstag

Längst ist sie warm, reckt die Faust in die Höhe, springt umher, tanzt, intoniert den Punk-Blueprint „Free Money“ explosiv. „Das war Die A-Seite“, sagt sie dann mit einem nostalgischen Lächeln. „Wir drehen die Platte um, senken den Tonabnehmer wieder in die Rille und...“ Da brandet längst Applaus auf, mit Vinyl wurde ein Großteil des Publikums groß. Sie widmet Jim Morrison („Breaking Up“) und Jimi Hendrix („Elegie“) abwechselnd einen Song, letzterer soll auch als Geist während der Aufnahmen zu „Horses“ anwesend gewesen sein. Klingt an diesem Abend gar nicht mehr so abwegig.

Der Kreis schließt sich beim anschließenden Medley. Smith geht von der Bühne, überlässt sie ihrer auch an diesem Abend überragenden Live-Band, angeführt von ihrem Gitarristen der ersten Stunde, Lenny Kaye. Sie feiern den 50. Geburtstag von The Velvet Underground mit einem Medley aus „Rock & Roll“, „Waiting for the Man“ und „White Light/White Heat“, bevor Patti Smith für „Because The Night“ auf die Bühne zurückkehrt. Beinahe fällt die weltbekannte Ballade im Vergleich zu dem Furor der vergangenen Stunde ein wenig ab. Ein großes Stück Musik bleibt sie natürlich. Das große Finale auch: „My Generation“ von The Who ist ein knackiger, rotziger, ein wilder Schlussakt. Er beschließt ein großes Konzert, an dessen Ende es sich die große Patti Smith nicht nehmen lässt, die Saiten von ihrer Gitarre zu rupfen und das Instrument zur „Waffe des 21. Jahrhunderts“ zu erklären. Manche Dinge werden sich nie ändern. Darüber können wir sehr froh sein.

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