Comedy-Frau Patrizia Moresco, eine Italienierin mit schwäbischen Wurzeln, sagt dem Jugendwahn den Kampf an. Foto: Fenzl

Im T-Shirt durfte Comedy-Star Patrizia Moresco nicht vor die Kamera: Der SWR-Regisseur bestand auf lange Ärmel. Die 60-Jährige sagt dem Jugendwahn den Kampf an. Unser Kolumnist beklagt Verfallsdaten bei Medienfrauen und freut sich, dass wenigstens auf dem Stuttgarter Schlossplatz das gute Alte zelebriert wird.

Stuttgart - Wenn Frauen der Unterleib fehlt oder gar der Kopf, ist dies für die Betroffenen noch lange kein Grund, verzweifelt zu sein. Das Andersartige wird seit dem 19. Jahrhundert in den Schaubuden der Jahrmärkte bejubelt – selbst dann, wenn es sich am Ende nur als Illusion oder Hokuspokus herausstellt.

Ach, wie groß doch die Sehnsucht nach der Magie vergangener Zeiten ist – nach Entschleunigung! Das Historische Volksfest auf dem Schlossplatz führt die Nostalgie-Wonnen überzeugend vor. Zwischen Königsbau und Schloss lässt sich nun studieren, was die Menschen in digitaler Hektik vermissen. Mit Smartphones fotografieren sie begeistert die Raupenbahn, in der plötzlich Tücher um die Wagen flattern, damit man darunter unbeobachtet ist. In den 1920ern schickte es sich nicht, sich öffentlich zu küssen. Im Fahrgeschäft taten es die Menschen um so eifriger, sobald der Stoff um sie ausgebreitet wurde und keiner zuschauen konnte.

Dass ein so großes Staunen über einfache, aber raffinierte Dinge heute möglich ist, mag die schönste Überraschung des antiquarischen Spektakels zum 200. Geburtstag des Volksfestes sein. Selbst aufgeklärte Menschen erfreuen sich am Makel. Eines aber sollten Frauen heute tunlichst unterlassen: Sie dürfen zwar unterleibslos sein – nur alt werden sollten sie besser nicht. Zumindest dann nicht, wenn sie auf der Bühne stehen oder vor einer TV-Kamera.

Regisseur wollte, dass sie kein kurzärmeliges T-Shirt anzieht

Die Comedy-Frau Patrizia Moresco, die seit 39 Jahren öffentlich ihre Späße macht (sehr lange als Teil der Stuttgarter Chaos-Truppe Shy Guys) hat daraus ein ganzes Programm gemacht. Am 12. Oktober führt die 60-Jährige „Die Hölle des positiven Denkens“ im Theaterhaus auf (es gibt noch Karten). Und am 12. November, zum 100. Jahrestag des deutschen Frauenwahlrechtes, feiert sie mit zahlreichen Kolleginnen Premiere des Projekts „Sisters of Comedy - Nachgelacht“ ebenfalls im Theaterhaus.

„Der Jugendwahn“, sagt sie, „bleibt uns Frauen am Hintern kleben wie ein böser Furunkel.“ Reichlich paradox sei dies, findet die „Comedy-Granate“ („Tagesspiegel“): „Wir sollen bis 67 arbeiten, haben aber ab 50 keine Lebensberechtigung mehr. Versuch mal über 50 einen Job zu kriegen, da bist du doch selbst als Leichenbestatter zu alt.“ Sie selbst hat es bei der SWR-Aufzeichnung einer Comedyshow erlebt. „Mich bat der Regisseur, mein kurzärmeliges T-Shirt gegen ein langärmeliges auszutauschen, wegen der Falten an meinem Oberarm“, erzählt sie. Der Mann selbst habe eine „fette Wampe“ gehabt sowie „Jeans, so eng, dass er Informationen preisgegeben hat, die kein Mensch braucht“. Unabhängig davon, dass sie völlig durchtrainiert sei, müsse man sich dagegen zur Wehr setzen. „Das ist Sexismus pur“, poltert Patrizia Moresco. Deshalb werde #metoo weiterhin dringend gebraucht – vielleicht auch #toold.

Die „Landesschau“ des SWR verjüngt sich mit Jana Kübel

In der „Landesschau“ des SWR mussten etliche Moderatorinnen jenseits der 50 abtreten – von Andrea Müller bis Bernadette Schoog. Männer wie Wieland Backes hingegen dürfen bis fast 70 bleiben. Wird als nächste nun die beliebte Annette Krause Opfer des Jugendwahns? In dieser Woche hat die kühl wirkende Jana Kübel, mit 31 Jahren nicht mal halb so alt wie der SWR-Durchschnittszuschauer, die „Landesschau Baden-Württemberg“ zum ersten Mal präsentiert. Stammzuschauer vermissten die empathische und herzliche Annette Krause, die 52 Jahre alt ist. Redaktionsleiter Alexander Stein dementiert auf Anfrage unserer Zeitung Gerüchte, dass Frau Krause bei der „Landesschau“ aufhören muss. Vorerst werde ein Quartett abwechselnd moderieren. „Die Dienstpläne für 2019 sind noch nicht geschrieben“, sagt er und verspricht, sie zu berücksichtigen. „In welchem Umfang“ stehe noch nicht fest.

Kenner des SWR-Fernsehens sind sicher, dass Annette Krause früher oder später – wie ebenfalls beliebte Kolleginnen zuvor – ausgetauscht wird. Den Redaktionsleiter wird man 2019 an seiner klaren Aussage bei unserem Anruf messen.

Dabei wollen die Menschen nicht immer nur, was jung und modern ist. Die Begeisterung beim Historischen Volksfest zeigt dies auf sehr erfreuliche Weise.

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