Patrick Angus im Kunstmuseum Stuttgart Douglas Blair Turnbaugh über Patrick Angus: „Der Damm ist gebrochen“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Näher dran an der Kunst – die „Stuttgarter Nachrichten“-Reihe „Ortstermin“ macht es möglich. Nächster Halt ist am 23. März um 17 Uhr die Patrick Angus-Schau im Kunstmuseum Stuttgart. Vorab spricht Angus-Nachlassverwalter Douglas Blair Turnbaugh über die Wiederentdeckung des New Yorker Malers.

Stuttgart - Ohne Douglas Blair Turnbaugh wäre die Wiederentdeckung des jung gestorbenen Malers Patrick Angus in dieser Weise kaum möglich gewesen. Seit Angus’ Tod 1992 hütet der 1934 in Lewiston im US-Staat Idaho geborene Theater- und Filmproduzent den künstlerischen Nachlass. Thematisch immer eher dem Tanz verbunden, ist Turnbaugh früh auch als Kunstsammler aktiv – unter anderem engagiert er sich für Richard Prince. Patrick Angus lernt er 1988 kennen – und versucht noch zu Lebzeiten des Künstlers weiterführende Kontakte zu knüpfen. Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, sagt Turnbaugh im Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“, sei „ein Dammbruch“.

Die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs machte den Weg für Patrick Angus frei

Mr. Turnbaugh, das Kunstmuseum Stuttgart freut sich mit der Patrick-Angus-Retrospektive über einen großen Erfolg. Sehen Sie damit auch Ihr Engagement belohnt?
Es ist meine Belohnung und zwar der krönende Erfolg meines langen Lebens. Es ist die Wiedergutmachung von mehr als zwei Jahrzehnten voller Frustration, die ich bei dem Versuch, Anerkennung und ein angemessenes Zuhause für Patrick Angus‘ Meisterwerke zu finden, erlitt. Jeder der Augen hat, kann sehen, dass er ein Genie war, ein amerikanischer Meister.
Sie sprechen von Wiedergutmachung . . .
Die größte Demütigung war 2015, als ich dem Whitney Museum of American Art eine bedeutend große Anzahl von Hauptwerken als Spende anbot. Ich erhoffte mir, ein dauerhaftes Zuhause für den Angus-Nachlass einzurichten. Das Whitney hat dieses Angebot nicht einmal beantwortet. Das war der Tiefpunkt meiner Bemühungen. Ich musste ich mir die Niederlage eingestehen. Dann kontaktierten mich Andreas Pucher und Thomas Fuchs und als ein Ergebnis ­präsentierten sie Angus 2015 in einer sensationellen Ausstellung in ihrer Galerie in Stuttgart. Diese machte den Weg frei.

Kunstmuseum Stuttgart ging ein Risiko ein – mit Erfolg

Das Kunstmuseum versucht im Obergeschoss über die Präsentation – vor allem über das Licht – das Publikum mit in die Clubs eintauchen zu lassen. Wie finden Sie das?
Das muss eine der besten Installationen sein, die je gemacht wurden – wer kann eine bessere nennen? Das Museum selbst wird zu einem Kunstwerk. Es war ein sagenhaftes Konzept, das Obergeschoss in ein theaterhaftes Milieu zu verwandeln, in dem die Besucher als Spiegelung des Publikums in den Gemälden zu Teilnehmern werden. Vielen Dank an Ulrike Groos, dass sie Angus erkannte und das Risiko einging, sein Genie zu bestätigen und ihm dadurch seinen dauerhaften Platz in der Ruhmeshalle großer Maler einzurichten. Außerdem danke ich Anne Vieth und Sarah Donata Schneider und dem gesamten Team für deren gemeinsame kreativen Bemühungen.
Wie haben Sie Patrick Angus eigentlich kennengelernt?
Mein Freund Robert Stuart nahm mich 1988 mit in Patricks Atelier, was wie das Betreten von Ali Babas Schatzhöhle war. Das Staunen über den Reichtum an Gemälden dort ließ mich fast ohnmächtig werden.
Kurz vor seinem Tod kam Anerkennung ja unter anderem von David Hockney. Wie wichtig war Patrick Angus diese Wertschätzung?
Patrick hatte sehr große Ansprüche und war der Meinung, dass er der größte Maler sei. Er sah Hockney als großen Künstler, sich selbst aber als größeren Maler. Hockney war der einzige seiner Kollegen, der ihm Anerkennung gab. Diese Wertschätzung war der ­Erfolg, auf den er am meisten stolz war.

Depressionen nach Angus’ Tod

Sie selbst haben die Werke von Patrick Angus 25 Jahre bewahrt – bis zu dieser Wiederentdeckung jetzt. Haben Sie geglaubt, dass so etwas noch einmal passieren könnte?
Nein. Sein Tod verursachte bei mir schwere Depressionen, die von meiner Erfolglosigkeit, seine Reputation aufzubauen, noch verstärkt wurden.
Sie haben mit dem Werk von Patrick Angus gelebt. Jetzt müssen Sie loslassen. Wie geht es Ihnen dabei?
Eine sehr rücksichtsvolle Frage. Es fühlt sich an wie der Tod eines Angehörigen. Das einzig Schmerzlindernde daran ist, dass ich mein Ziel erreicht habe. Ich hätte niemals gedacht, dass dadurch solch eine Leere entsteht. Ich nehme an, ich habe unbewusst wie ein Pharao gedacht, dass ich sie mitnehmen kann.
Haben Sie ein Lieblingsbild?
Anfangs nahm ich an, dass ich mir erlauben könnte, eines zu behalten. Ich liebe sein Porträt von mir, aber dessen Verbleib ist leider unbekannt. Ich liebe den mürrischen Jungen am Kaminsims, den Patrick als Überraschung für mich gemalt hat. Ich liebe das „Mysterious Bath“, das als ein festes Inventar für 20 Jahre in meinem Wohnzimmer hing. Und ich liebe das „Grand Finale“, das Hockney gekauft hat. Natürlich frage ich mich, was daraus werden wird.
Am 8. April ist die Ausstellung in Stuttgart zu Ende. Was glauben Sie – wie geht es weiter?
Ich glaube, der Damm ist gebrochen, Dank Stuttgart. Und es sind bereits weitere Ausstellungen in Planung, beispielsweise im Museum Bensheim. Aber eine gebrechliche alte Mauer der Provinzialität steht noch – in den USA.

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