Die Apotheker in Baden-Württemberg rechnen wegen der Konkurrenz durch Versandhändler mit einem Apothekensterben im Land. Zuletzt hat laut Branchenverband „jeden zehnten Tag“ eine Apotheke geschlossen.

Stuttgart - Auf die Apotheker in Baden-Württemberg kommen nach der Einschätzung des Landesapothekerverbands schwere Zeiten zu. Dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) im vergangenen Herbst zugunsten ausländischer Arzneimittel-Versandhändler geurteilt habe, werde sich negativ auf die Apothekenzahl und die Versorgung der Patienten auswirken. „Erst schleichend, aber über die Jahre deutlich spürbar für den Patienten werden immer mehr Standorte im Land verschwinden“, sagt Fritz Becker, der Präsident des baden-württembergischen Apothekerverbandes, im Gespräch mit unserer Zeitung. Derzeit gibt es noch etwa 2550 Apotheken im Südwesten.

Rabatte zwischen zwei und 30 Euro pro Rezept

Die Richter in Luxemburg urteilten im Oktober 2016, dass Versandapotheken im EU-Ausland Boni auf Rezepte für verschreibungspflichtige Arzneimittel geben dürfen (AZ: C-148/15). Die ausländischen Versender müssen sich also nicht an die für deutsche Apotheken geltende Preisbindung für diese Produkte halten, sondern dürfen Rabatte gewähren. Kaum verwunderlich, dass Doc Morris als Europas größte Versandapotheke im Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zweistellige Wachstumsraten für möglich hält – und dies, obwohl Doc Morris „die Boni auf Rezepte stets zulasten unserer eigenen Marge gewährt“, wie Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich sagt. Mehr als 300 Millionen Euro hat das Unternehmen 2015 umgesetzt.

Pro Rezept gibt der Versender nach eigenen Angaben bis zu zwölf Euro Rabatt. Laut Becker gewährt die Versandbranche Rabatte zwischen zwei und 30 Euro – in bar und als Einkaufsgutscheine. „Chronisch kranke Menschen mit einem hohen und regelmäßigen Medikamentenbedarf werden so jährlich um mehrere Hundert Euro entlastet“, sagt Heinrich. Doc Morris kooperiert beispielsweise mit dem Patientenverband Deutsche Parkinson Vereinigung. Die Vereinigung, deren Mitglieder für Bestellungen bei Doc Morris Sonderrabatte erhielten, wurde von der Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs verklagt und bekam nach einer jahrelangen juristischen Auseinandersetzung im Oktober recht vor dem EuGH.

Apotheker setzen auf politische Hilfe

Vom Urteil ist die deutsche Apothekerschaft „vollkommen überraschend getroffen worden“, wie Becker zugibt. Für die heimische Branche entstehe wegen der Preisbindung ein großer Wettbewerbsnachteil. Gerade für Doc Morris aber, das nahe der deutschen Grenze im niederländischen Heerlen beheimatet ist, hat sich mit der spektakulären EuGH-Entscheidung der lange Atem in der Auseinandersetzung mit der deutschen Apothekerschaft bezahlt gemacht. Denn bisher waren in den entscheidenden Gerichtsurteilen die Rechte der Apotheker gestärkt worden. Aufsehenerregendster Fall in den vergangenen Jahren: Der Stuttgarter Pharmahändler Celesio wollte mit seiner damaligen Tochter Doc Morris den deutschen Apothekenmarkt mit Versandhandel und einer Apothekenkette revolutionieren. Celesio scheiterte aber mit seinen Plänen vor dem EuGH und verkaufte Doc Morris 2012 an die Schweizer „Zur Rose“-Gruppe.

Die Apotheker setzen nun auf eine politische Lösung. Im Wahljahr 2017 will der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneien komplett verbieten. Auch der Bundesrat will auf Initiative Bayerns den seit 13 Jahren erlaubten Versandhandel mit diesen Medikamenten unterbinden. Die Versender wären dann aus dem für sie wichtigen deutschen Markt wieder draußen.

Dauerpatienten sind umworben

Wenn das EuGH-Urteil dauerhaft Bestand habe, werde gerade die Versorgung von Patienten in ländlichen Gebieten immer lückenhafter, sagt Becker. Pharmazeuten übernähmen meist nur noch dann Apotheken und gründeten neue, wenn viel Laufkundschaft garantiert sei: in der Nähe von Ärztehäusern, in Einkaufszentren und belebten Einkaufsstraßen. So könnten in stark frequentierten städtischen Lagen mehrere Apotheken auf relativ geringem Raum existieren. „In Stuttgart wird es nie einen Versorgungsengpass geben“, sagt Becker. „Mehrere Apotheken in einer Einkaufsstraße spiegeln aber nicht die gesamte Apothekenlandschaft wider“, sagt er. Kritiker halten der Branche vor, dass es nicht so schlecht um die Apotheker bestellt sein könne, wenn mehrere Apotheken auf wenigen Hundert Metern zu finden seien.

Mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes machen die Apotheker im Schnitt mit rezeptpflichtigen Arzneien. Menschen, die dauerhaft Arzneimittel einnehmen müssen, garantieren den Pharmazeuten die Umsätze – noch. „Wir befürchten einen verstärkten Rückgang der Dauermedikation“, sagt Becker. Nach einer Studie der Bad Homburger Managementberatung Sempora brechen den Apotheken bis zu 50 Prozent ihrer Dauerpatienten als Kunden weg, wie der Verbandschef ausführt. Denn genau auf diese umsatzstarke Patientengruppe zielt die Rabattpolitik der Versandhändler ab.

Viele ältere Apotheker „beuten sich selbst aus“

Viele ältere Apotheker hingegen betrieben ihr Geschäft nur „unter Selbstausbeutung“ weiter. In Baden-Württemberg sei in den vergangenen beiden Jahren „jeden zehnten Tag“ eine Apotheke geschlossen worden. Eine Apotheke mache im Schnitt einen Umsatz von 1,45 Millionen Euro pro Jahr. Dem Apotheker blieben davon letztlich 80 000 Euro, von denen noch die Krankenversicherung und die Aufwendungen für die Altersvorsorge abgingen, rechnet Becker vor. Zu leisten habe der Apotheker aber aufwendige und „oft nicht kostendeckende“ Aufgaben, die von ausländischen Versandapotheken nicht erfüllt werden müssten – die Beschaffung jeder gewünschten Arznei, die Herstellung individueller Rezepturen sowie Not- und Nachtdienste. „Versandhändler sind Rosinenpicker“, sagt Becker. Die Rabatte seien zudem „schädlich für das Gesundheitssystem“ insgesamt: „Wenn jeder in der Preisgestaltung frei ist, gibt es für niemanden mehr Verlässlichkeit.“ Nicht für die Patienten, Apotheker, Großhändler oder das Versicherungssystem. Beckers Prognose: „Wenn das System geöffnet wird, klagt jeder gegen jeden.“

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