Durch Jens Spahn ist Moderna in Deutschland wieder in den Fokus gerückt. Foto: dpa/Oliver Berg

Der von der US-Regierung massiv mit Steuergeldern unterstützte Impfstoffhersteller Moderna ist wegen eines Streits um Patentrechte ins Kreuzfeuer geraten.

Stuttgart - Bisher ist der Impfstoff des US-Anbieters Moderna in Deutschland eher ein Nischenprodukt gewesen, das lange Zeit nur in den inzwischen geschlossenen Impfzentren zu erhalten war. Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Montag wurden bisher 9,7 Millionen Dosen Moderna verabreicht – von Biontech sind es 87,7 Millionen gewesen. Mit der Entscheidung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), diesen Impfstoff wegen schrumpfender Lagerbestände von Biontech in den kommenden Wochen zu bevorzugen, ist nun Moderna in den Mittelpunkt der Debatte gerückt. Dass es in den kommenden Wochen mehr verfügbare Impfdosen von Moderna gibt als von Biontech, hat auch mit der aggressiven Geschäftspolitik des US-Unternehmens zu tun.

 

Widerstand gegen Impfstoffspende

Moderna hat sich nämlich bisher gegen eine Weitergabe seines Impfstoffes von Deutschland an andere Länder gesperrt. Das US-Unternehmen ist damit restriktiver als Biontech, das mit einer aktuellen Weitergabe von 8,8 Millionen Dosen von Deutschland an die UN-Initiative Covax kein Problem hatte. Streitpunkt ist dabei, welche Ausgleichszahlungen Moderna enthält, denn jede Dosis, die ein Land unentgeltlich erhält, verringert dort den potenziellen Markt.

Auch ansonsten tritt die Firma, deren innovativer mRNA-Impfstoff in vielen Studien sogar die Wirksamkeit des Biontech-Vakzins übertrifft, sehr selbstbewusst auf. Das begann bereits mit der Preisgestaltung: Moderna ist der teuerste Covid-Impfstoff. Im aktuellen Vertrag mit der EU verlangt man 21,50 Euro je Dosis. Biontech gibt es für 19,50 Euro.

Patentstreit in den USA

Aber in den USA geht Moderna zurzeit noch weiter. Obwohl die Entwicklung des Impfstoffes unter der Trump-Regierung massiv mit Steuergeldern unterstützt und von der renommierten, staatlichen Forschungseinrichtung National Institutes of Health (NIH) intensiv begleitet wurde, hat Moderna nun einen heftigen Streit um die Patentrechte angezettelt. In einem aktuell eingereichten Patentantrag bestreitet das Unternehmen, dass Forscher des NIH einen wesentlichen Beitrag bei der Erfindung des Impfstoffes geleistet hätten.

Zwar erkennt man in der Patentschrift an, dass drei Wissenschaftler des NIH Schlüsselkomponenten des Impfstoffes entwickelt hätten. „Wir sind allerdings nach bestem Wissen und Gewissen zur Schlussfolgerung gekommen, dass diese Individuen nicht an der Erfindung der mRNA-Komponenten beteiligt waren, die diesem Antrag zugrunde liegen“, heißt es in einem Anfang November gestellten Patentantrag.

Kontrolle über Preis und Verfügbarkeit des Impfstoffs

Wenn dieser Antrag Erfolg haben sollte, hätte das gravierende Folgen. „Dies stellt bei der Frage, welchen Einfluss die US-Regierung in Zukunft auf die Verfügbarkeit und den Preis des Impfstoffes hat, neue Hürden auf“, so kommentierte die „Washington Post.“ US-Präsident Joe Biden will Impfstoffe aus den USA weltweit zur Verfügung zu stellen. Die Vereinigten Staaten sind der größte Geber weltweit und haben bereits mehr als 200 Millionen Impfdosen an insgesamt 100 Länder gespendet. Gut ein Viertel davon war der Impfstoff von Moderna.

Die Reaktion des staatlichen Forschungsinstituts war heftig. „Ich denke, dass Moderna einen großen Fehler macht, wenn man die Beteiligung von Leuten nicht anerkennt, die Miterfinder waren und eine große Rolle bei der Entwicklung eines Impfstoffes gespielt haben, mit der man nun gutes Geld verdient“, sagte NIH-Direktor Francis Collins. Wenn man sich nicht einige, drohe ein Rechtsstreit.

Moderna spürt politischen Druck

Der Druck scheint zu wirken: Das Unternehmen hat sich inzwischen zu Gesprächen über geteilte Patentrechte mit dem NIH bereit erklärt. Man sei bei seinem Antrag nur den strengen Regularien des US-Patentrechts gefolgt, sagte Moderna zu seiner Rechtfertigung. Das Unternehmen erklärte sich insbesondere dazu bereit, die politisch erwünschte Weitergabe von Patentrechten zu unterstützen.

Während sich die US-Regierung Anfang des Jahres dafür ausgesprochen hat, die Urheberrechte für Corona-Impfstoffe freizugeben, zögert die EU bislang in dieser Frage, unter anderem unter dem Druck der deutschen Regierung, die Biontech bis jetzt bei seinem Kurs unterstützt, zwar die Produktion weltweit voranzutreiben, die Eigentumsrechte aber zu behalten.

Der Moderna-Chef Stéphane Bancel hatte die Initiative der US-Regierung zur Aufhebungs des Patentschutzes für Covid-Impfstoffe unbeeindruckt kommentiert. „Das bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Das wird für Moderna gar nichts ändern.“ Es gebe weltweit gar nicht das Know-how, um den innovativen mRNA-Impfstoff herzustellen, ohne mit dem Urheber Moderna eine Partnerschaft einzugehen. Doch nun scheint der als selbstbewusst bis arrogant charakterisierte Firmenchef an Grenzen zu stoßen.

Moderna: Vom Start-up zum Covid-Impfstoffentwickler

Start-up
 Moderna wurde erst im Jahr 2010 in Cambridge (Massachusetts) von Wissenschaftlern der renommierten Harvard-Universität gegründet. Das Unternehmen beschäftigte sich mit der sogenannten mRNA-Technologie und entwickelte Krebstherapien und Impfstoffe. 2018 hatte ein Börsengang dem Unternehmen die damalige Rekordsumme von 621 Millionen Dollar in die Kasse gespült.

Covid
 Als Moderna Teil der US-Impfstoffkampagne wurde, hatte das nur 1800 Mitarbeiter zählende Unternehmen noch keinen Impfstoff auf den Markt gebracht. Dennoch wurde Moderna im Rahmen der „Operation Warp Speed“ mit 483 Millionen Dollar Staatsgeld unterstützt. Es war eine riskante Wette: Anders als die deutsche Firma Biontech hatte man kein großes Pharmaunternehmen wie Pfizer als Partner, sondern kooperierte mit der Forschungseinrichtung National Institutes of Health (NIH).