Die Qualität von Handy-Gesprächen im Zug soll mit der patentierten Siemens-Erfindung deutlich besser werden. Foto: Vaksmanv/Adobe Stock

Siemens-Mitarbeiter haben eine Lösung gefunden, wie der Mobilfunkempfang in der Bahn besser wird. In die Beschichtung der Scheiben werden mit spezieller Lasertechnologie Muster gebrannt. Dadurch gelangen Handyfunkwellen besser ins Wageninnere.

Wien - Wer Vorschulkinder fragt, was sie später werden wollen, hört oft Berufe wie Pilot, Fußballer oder Feuerwehrmann. „Als ich fünf Jahre alt war, hätte ich gesagt, ich werde Forscher“, sagt Lukas Mayer grinsend. Die Belustigung kommt daher, dass der 38-Jährige heute Forscher ist. Zusammen mit seinen Kollegen Andreas Demmer und Mehrdad Madjdi ist er von seinem Arbeitgeber Siemens gerade zu Erfindern des Jahres 2018 gekürt worden. Das Trio hat dafür gesorgt, dass Bahnreisende problemlos mit ihrem Handy telefonieren können.

Handyempfang wird um Faktor 500 verbessert

„Ein europäisches Patent ist erteilt und wir haben weltweit angemeldet“, erklärt Madjdi stolz. Patentiert wurde eine für Mobilfunkwellen durchlässige Struktur für die Beschichtung von Zugfenstern. „Seit Anfang Dezember fährt der Rhein-Ruhr-Express als erster Zug mit unseren Scheiben“, sagt Madjdi. Künftig sind sie Serienausstattung, was den Handyempfang in der Bahn um den Faktor 500 verbessert. Bislang war mobiles Telefonieren nur mittels teueren, im Zug verbauten Verstärkern möglich. Die Scheibenlösung ist wartungsfrei und deutlich billiger.

Auf die Idee dazu kommt man beim Bahnfahren oder wenn man Arbeitskollegen zuhört, meint Mayer. Mit seinem Kollegen Demmer arbeitet er in einem zehnköpfigen Forscherteam am Wiener Siemens-Standort. Dort firmiert auch ein Ableger der Division Mobility, wo der gebürtige Iraner Madjdi arbeitet. „Man spricht miteinander und bekommt mit, wo der Schuh drückt“, erklärt Mayer. So hat das Trio zueinander gefunden und binnen zwei Jahren eine fertige Lösung präsentiert.

Ihre erste Erfindung war es nicht. Die drei Forscher sind bislang für rund 20 Patente verantwortlich. Lust, sich anderswo zu verwirklichen, verspürt das österreichische Erfindertrio nicht.

Vom Start-up in den Großkonzern

Der 56-jährige Elektrotechniker Madjdi ist seit 1991 bei Siemens und fühlt sich eher als Generalist, der Erfindungen auf ihre Marktchancen hin beurteilt. Er bezeichnet sich deshalb als einziger des Trios nicht als Forscher sondern als Innovator. Der 18 Jahre jüngere Mayer arbeitet seit sechs Jahren für den Konzern, nachdem er zuvor bei einem Start-up tätig war. Als damals Familienplanung aktuell wurde, hat er die Start-up-Freiheit gegen ein Angestelltendasein mit geregelten 38,5 Stunden Arbeit pro Woche eingetauscht. Familie funktioniert besser mit Siemens als mit einem Start-up, findet der Vater zweier Kinder. „Manchmal ist es schon zeitaufwendig“, wirft Demmer ein. Wenn man an einem Problem tüftelt laufen auch zuhause oft noch im Hinterkopf die Rechner weiter, ergänzt Madjdi. Wie auch Demmer, der schon als Werksstudent bei Siemens war und seit vier Jahren in einer Wiener Forschungsabteilung angestellt ist, sieht Mayer sich als Spezialist für Hochfrequenztechnik. „Funktechnik braucht jeder“, sagt er und spricht von „internen Kunden“ im Kraftwerksbau, bei der Anlagensteuerung oder eben der Mobilitätssparte von Siemens. Die würden oft nicht ahnen, wie man etwas mit Hochfrequenztechnik besser machen kann. Deshalb empfindet er Forschen auch als Vernetzungsauftrag.

„Wir machen verschiedene Teile von Siemens miteinander bekannt“, sagt der 38-jährige. Das klappt aber nicht immer. Derzeit tüftelt das Wiener Forscherteam an zehn Projekten gleichzeitig – unter anderem an einem Funksystem für Drehgestelle in Zügen, das vorausschauende Wartung ermöglichen soll. „Forschen ist Teamarbeit“, sagt Mayer.

Gesamtes Team war beteiligt

An der prämierten Scheibenlösung sei das gesamte zehnköpfige Team beteiligt gewesen, auch wenn die Verantwortung für ein Projekt personalisiert ist. Wenn ein Team wie das in Wien funktioniert, sei das ein Motivationsschub für die Arbeit. Darin ist sich das Erfindertrio einig. Die Bezahlung sei nicht so vorrangig, wobei man von Siemens-Gehältern gut leben könne. Das Wichtigste für Forscher mit Herzblut sei ohnehin, wenn etwas funktioniert, sagt Demmer. „Wenn man eine Aufgabe gelöst hat, freut man sich wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum“, beschreibt er die Glücksgefühle, die sein Job mit sich bringt.

Insgesamt hat Siemens im Jahr 2018 ein Dutzend Tüftler als Erfinder des Jahres ausgezeichnet, die in der Summe auf 589 Patente kommen. Siemens vergibt die Auszeichnung bereits seit 1995 und berücksichtigt seit 2016 auch herausragende Erfindungen von besonderem Nutzen, die von Forschern außerhalb des Konzerns gemacht werden.

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