Auf dem Youtube-Kanal Pastagrannies zeigen italienische Omas, wie man Nudeln selbst macht. Foto: /Pasta Grannies: The Secrets of Italy’s Best Home Cooksby Vicky Bennison (Hardie Grant) Photography Emma Lee

Spaghetti, Fusilli oder Penne kennt nahezu jeder. Doch was genau sind Pici, Strapponi oder Ferricelli? Auf dem Youtube-Kanal „Pastagrannies“ der Britin Vicky Bennison erklären italienische Omas wie man Pasta noch selbst zu Hause herstellt. Doch von den rüstigen Damen man lernt noch viel mehr als das.

Rom - Letizia riecht an einem Bund wilden Fenchels. Dann lacht sie verschmitzt. „Ich heiße Letizia, und wie ihr seht, bin ich nicht mehr die Allerjüngste“, sagt sie in die Kamera. „Ich bin 100 Jahre alt.“ Aber sie lasse es sich nicht nehmen, noch immer ihre hausgemachte Pasta zuzubereiten. So, wie sie es von ihren Eltern gelernt hat, und die von ihren Eltern. „So, wie ich sie auch für meine Kinder gekocht habe – während des Krieges, damit wir nicht verhungern.“ Die strahlende Frau steht in ihrer Küche in Trapani auf ­Sizilien. Dass sie viel zu erzählen hat, spürt jeder nach den sieben Minuten des Youtube-Videos.

„Letizia ist unsere älteste Granny“ sagt Vicky Bennison, die Schöpferin der „Pasta Grannies“, der Nudel-Omas. Auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal der 60-jährigen Engländerin zeigen rüstige italienische Frauen, ihre Kunst, Pasta selbst herzustellen. Spaghetti, Fusilli oder Penne findet man hier aber nur selten. Auf dem Kanal, dem bereits rund 430 000 Menschen folgen, lernt man vor allem, dass die Welt der Pasta so viel größer ist als das Supermarktregal. Die Omas rollen Pici, rupfen Strapponi oder formen Ferricelli.

„Ich wollte die Fähigkeiten der Frauen bewahren“

Bennison, die selbst auch eine Großmutter ist, wie sie betont, lebt zwischen London und den Marken. „Hier merkte ich, dass es nur die älteren Frauen sind, die wirklich noch zu Hause jeden Tag die Pasta selbst zubereiten“, so Bennison über die Idee zu ihrem Videoprojekt, für das sie Großmütter in ganz Italien aufsucht.

„Diese oft über 80-jährigen Frauen sind die letzte Generation, die das tun musste, um etwas zu Essen auf den Tisch stellen zu können. Jeder jüngere Mensch kennt die Wahl, Pasta selbst zu machen oder eben nicht. Ich wollte ihre Fähigkeiten bewahren und festhalten.“ Mit Pasta Grannies will Bennison außerdem die älteren Frauen feiern – die in den schnelllebigen Medien doch eher unsichtbar sind.

Den Youtube-Kanal hat sie vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Bis Weihnachten 2017 hatte sie insgesamt 5000 Abonnenten. Dann wurden die Medien aufmerksam – und die Pasta Grannies berühmt. Die meisten Fans haben die Nudel-Omas in den USA, etwa 40 Prozent der Abonnenten des Kanals kommen aus den Vereinigten Staaten. Gerade ist ein Kochbuch der Pasta Grannies auf Englisch erschienen, im Februar soll eine deutsche Version auf den Markt kommen. Ihr ­Instagram-Account zählt derzeit 190 000 Abonnenten. Auf Youtube erklärt jeden Freitag eine andere Frau ihre Küchengeheimnisse. Mehr als 200 Videos gibt es bereits. „Wenn wir drehen, esse ich drei- bis viermal am Tag Pasta“, sagt Bennison, die selbst durch diese Arbeit zur Pasta-Expertin wurde. „Ich liebe alles, was mit Nüssen zu tun hat, zum Beispiel Nudeln mit Pesto alla Trapanese, das mit Mandeln zubereitet wird, oder Pansotti, mit Nüssen gefüllte Pasta aus Ligurien. Und all die ­herrlichen Kombinationen aus Nudeln und ­Bohnen.“

Für die richtige Nudel braucht mal vor allem eines: Kraft

Was uns wieder in die Küche von Letizia bringt. Taglierini gibt es bei der 100-Jährigen heute, das sind etwas dünnere Tagliatelle, also sehr dünne Bandnudeln. Als Soße bereitet Letizia ein Püree aus weißen Bohnen und wildem Fenchel zu. Aber im Fokus steht die Zubereitung der Nudeln. Das Mehl dafür wiegt sie nicht etwa auf einer Küchenwaage. Sie greift hinein und formt mit beiden Händen eine Schüssel und legt die Mehlmenge, die darin bleibt, auf die Seite. „So viel braucht man für eine Portion“, erklärt sie in die Kamera. Zu dem Mehl kommt nur noch warmes Wasser, dann wird geknetet. „Ci vuole forza“, es braucht Kraft, sagt die rüstige kleine Frau, während sie all die ihre in den weißbeigen Klumpen auf der Arbeitsfläche vor ihr legt. Ist der Teig dann ausgerollt und hat er etwas geruht, faltet sie ihn wie einen Teppich zusammen und schneidet ihn – etwas zittrig – mit einem riesigen Messer in dünne Streifen.

Von jeder Granny bleibt etwas anderes im Gedächtnis hängen

Die Filme der Pasta Grannies sind nicht nur reich an Rezepten und Küchengeheimnissen, sondern auch voller Geschichten über die Frauen selbst. Von jeder Nudel-Oma bleibt etwas anderes im Gedächtnis hängen. Die 93-jährige Rosa aus Castelmezzano, einem 800-Einwohner-Ort in der süditalienischen Region Basilikata, bereitet Ferricelli zu, über eine Eisennadel gerollte Teigröhren. Auf den fertig gekneteten Teig ritzt sie mit dem Messer flink ein Kreuz ein, bevor sie weiterarbeitet. „Das mache ich immer“, erklärt sie. „Ich bekreuzige mich, wenn ich schlafen gehe, wenn ich aufstehe, wenn ich zur Kirche gehe. Und so mache ich das Kreuz natürlich auch auf meine Pasta.“

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