Billig und trendig, Grundnahrungsmittel und Lifestyle-Produkt. Pasta ist allgegenwärtig. Trotzdem wissen die meisten nicht alles über die leckeren Nudeln.
Selten war ein Aprilscherz so erfolgreich. 1957 drehte die BBC einen besonders originellen Beitrag für den 1. April – zur Spaghetti-Ernte im Tessin. Man zeigte Bäume, an denen lange Nudeln hingen, und emsige Frauen, die sie ernteten. Später wurde noch Erntedank gefeiert mit Wein und dampfender Pasta. Und was taten die Briten? Sie riefen zu Hunderten an und baten um Tipps, wie man Spaghetti-Bäume kultivieren kann. Der Aprilscherz ging in die Geschichte ein als „größter Schwindel, den ein seriöses Nachrichtenunternehmen je produziert hat“.
Derselbe Teig, und doch immer ganz anders
Kaum vorstellbar, dass es Zeiten gab, in denen die Menschen Spaghetti nur aus Konserven kannten. Inzwischen hat der Siegeszug der Pasta die Spaghetti allgegenwärtig gemacht. Kaum ein Tag, an dem in Kantinen und Schulküchen, bei Mittagstischen und auf dem heimischen Teller nicht irgendeine Pasta landet – ob Fusilli, Farfalle oder Tagliatelle, Ravioli oder Lasagne. Pasta ist billig, schnell zubereitet und trotzdem Grundlage vielfältiger Gerichte, weshalb Otl Aicher schon vor Jahren konstatierte: „Das ist immer derselbe Teig . . . ob Spaghetti, ob Spätzle, und trotzdem schmeckt’s ganz anders.“
Das sagte Aicher weniger als Nudelesser, sondern als Designer. Denn Pasta ist so omnipräsent, dass sie auch Gestalter auf Trab hält. Deshalb hat sich das Archiv der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm in seiner Ausstellung „al dente“ (bis 19. Januar 2025) diesem lebensnahen Thema gewidmet, über das man tatsächlich noch Neues erfahren kann. Wer hätte schließlich gewusst, dass es sogar eine Religion gibt, die die Nudel anbetet – wenn auch nicht ganz ernst gemeint? Flying Spaghetti Monster ist eine Spaßreligion, deren Reliquien lustige Haushaltsartikel sind.
Pasta und Nudel sind Zweierlei
Otl Aicher hatte übrigens recht wie unrecht. Denn es stimmt, Spaghetti und Makkaroni, Fusilli und Spirelli schmecken völlig unterschiedlich, obwohl ihr Teig identisch ist. Aber zwischen Spaghetti und Spätzle ist ein Unterschied, denn Pasta und Nudeln sind zweierlei, auch wenn das den Volksmund wenig schert. Pasta besteht aus Hartweizen, die Nudel aus Weichweizen und Ei. Aber was ist Weichweizen? Triticum aestivum ist eine der am häufigsten angebauten Weizensorten weltweit. Da die Körner weich und mehlig sind, lassen sie sich leicht mahlen, was für die industrielle Fertigung von Vorteil ist. Hartweizen enthält mehr Protein und Gluten, was für eine festere Textur sorgt. Deshalb behält Pasta ihre Form, während Spätzle wie wilde Würmer aus dem Wasser kommen.
Die längste Zeit war die Nudel unverpackt und wurde in Keramikdosen ins Regal gestellt. Dass heute fast jeder Barilla kennt, verdankt das Unternehmen dem Designer Erberto Carboni, der in den 1950er Jahren zum ersten Mal ein umfassendes Erscheinungsbild für die Verpackungen entwarf – und seine Ästhetik ist bis heute bestimmend bei den blauen Barilla-Schachteln.
Außen glatt und innen Rillen – so bleibt am meisten Soße hängen
Heute versuchen Unternehmen, die Verpackung möglichst nachhaltig zu gestalten. Die Designerin Amelie Graf machte vor ein paar Jahren Schlagzeilen mit der ersten essbaren Packung aus Maisstärke. Sie wandert mit in den Kochtopf und soll die Soßenbindung verbessern. Denn wahre Pastaliebhaber erwarten ein optimales Zusammenspiel der Ingredienzen. Deshalb ist die sizilianische Pasta traditionell außen glatt und innen mit Rillen versehen, in denen reichlich Soße hängen bleiben kann.
Obwohl die Nudel ihren Ursprung im Nahen und Mittleren Osten hat, wurde in Italien bereits im Mittelalter Pasta in großen Manufakturen gefertigt – unter enormem körperlichen Einsatz. Heute schlagen Maschinen die Eier auf, kneten, walzen, pressen, schneiden, portionieren. Riesa, zu DDR-Zeiten einer der gängigen Nudelhersteller, ist Marktführer in Mittel- und Ostdeutschland. 100 Tonnen Nudeln kommen hier täglich in die Tüte – 240 000 Packungen pro Tag.
Nudeln sind Lifestyle-Produkte geworden
Der anspruchsvolle Gourmet begnügt sich freilich nicht mit Fabrikware. Wer etwas auf sich hält, kauft seine Pasta frisch oder macht sie gleich selbst mit einer chromglänzenden Nudelmaschine. Die Pasta ist eines der beliebtesten Lifestyle-Produkte, das flankiert wird von einem üppigen Sortiment an Zubehör. Rosenthal brachte einen Pastateller auf den Markt mit hohem Rand, der das Essen angeblich länger warm hält. Inzwischen servieren viele Lokale die Pasta in diesen typischen, ausladenden Tellern.
Zahllose Abtropfsiebe und Spaghetti-Greifer wurden schon konzipiert, um die Handhabung zu erleichtern, es gibt sogar elektrische Spaghetti-Gabeln für jene, die sie anders nicht in den Mund bekommen. Aber auch Spätzle, die man über Jahrhunderte mit nichts anderem als Brettchen und Teigabstecher schaben konnte, haben die Industrie beflügelt. 1939 wurde die erste Spätzlepresse patentiert – und seither sind immer neue Systeme auf den Markt gekommen, mit denen sich die Spätzle angeblich noch leichter zaubern lassen: Spätzle-Shaker, Spätzlereibe, Spätzli-Blitz. Im vergangenen Jahr wurde die noch bessere Spätzlepresse „RCraft“ mit dem German Design Award ausgezeichnet.
Weltklassiker in der Brühe
Der durchschnittliche Esser ist mit den gängigen Sorten eigentlich vollauf bedient. Trotzdem suchen Designer immer wieder nach neuen Formen. Die erste offizielle Designer-Pasta entwarf Giorgetto Giugiaro 1983. Sie war nicht außen, sondern innen geriffelt. Man konnte der „Marille“ ansehen, dass hier ein Automobildesigner am Werk gewesen war, weil sie an die Dichtung von Autotüren erinnerte. Während Giugiaros VW Golf und sein Fiat Panda Furore machten, fand seine „Marille“ wenig Anklang.
Auch Philippe Starck hat schon eine Designer-Nudel entworfen – die „Mandala“. Barilla brachte 2021 eine „Collezione“ heraus in Form von kleinen Papyrusrollen. Die Nudel muss inzwischen auch herhalten für allerhand Geschenkideen für Leute, die schon alles haben. Dabei ist die Pasta en passant in der Hochkultur angekommen – dank der sogenannten Verwertungsgesellschaft, einem Kunstlabel. Das vertreibt Klassiker der Weltliteratur als Buchstabensammlung, sodass man Hesses „Steppenwolf“ oder Thomas Manns „Tod in Venedig“ nicht lesen muss, sondern sich genüsslich in der Brühe einverleiben kann.
Ausstellung
Information
„al dente. Pasta & Design“ ist bis 19. Januar im HfG-Archiv Ulm zu sehen und von Di bis So von 11 bis 17 Uhr geöffnet. https://hfg-archiv.museumulm.de/ausstellung/al-dente/