Ob in der Beziehung oder am Arbeitsplatz: Passiv-aggressives Verhalten wird unweigerlich eskalieren. Und selbst wenn Ironie, Sarkasmus oder Zynismus mitschwingen, Lustigkeit kennt ihre Grenzen.
Wenn die Kollegin sagt: „Super, gern bleibe ich heute länger. Ich mag es, unterbezahlt Überstunden zu machen“, wenn der Gatte meint: „Ja, iss ruhig die Schokolade. Ich liebe Wale“, wenn die Partnerin ätzt: „Toll hast du das gemacht!“, ohne es zu meinen, oder wenn der Chef zur Mitarbeiterin sagt: „Bitte stecken Sie doch mal so viel Sorgfalt in Ihre berufliche Tätigkeit wie in Ihre Maniküre“, dann haben all diese Aussagen etwas gemeinsam: Sie sind allesamt passiv-aggressiv.
„Ist jemand passiv-aggressiv, dann hat er ein Bedürfnis, mit dem er um die Ecke an sein Ziel kommen will“, erklärt Filomena Lorenz, Paar- und Sexualtherapeutin aus Stuttgart. Paare, bei denen sich zumindest ein Partner der passiv-aggressiven Kommunikation bedient, sind in ihrer Praxis Alltag. „Diese Menschen haben nicht gelernt, in die aktive Konfrontation zu gehen und deutlich zu sagen, was sie wollen. Sie haben nicht gelernt, ihre eigenen Grenzen zu setzen.“
In der Kindheit geht’s los
Den Ursprung sieht Lorenz in der Kindheit, in der man diese Grenzen nicht habe austesten dürfen – um zu gefallen oder nicht aus dem Rahmen zu fallen. Es entstand ein defensives Verhalten, das sich mit der Zeit verfestigt hat. Verbale Attacken werden dabei meist nonchalant dahingesagt und sitzen doch wie gut platzierte Giftpfeile. Es wird weder geschrien noch wild um sich geschlagen; vielmehr bleibt der Akteur ruhig und meidet die aktive Auseinandersetzung.
Dennoch ist das eine Form der Aggressivität, die sich häufig der Ironie, des Sarkasmus oder des Zynismus bedient; Humorformen, denen stets etwas Spöttisches, Angriffslustiges anhaftet und die immer auch passiv-aggressiv sind.
Die Grenzen des Humors
Zum Lachen ist das Passiv-Aggressive freilich höchstens in Ausnahmefällen. „Mit Humor hat das wenig zu tun“, sagt Felix Gaudo, Humor-Coach für Führungskräfte, Pädagogen und Beschäftigte im Gesundheitswesen. Gemeinsam mit seiner Frau Marion Kaiser hat er das Buch „Lachend lernen“ geschrieben.
„Humorvolle Kommunikation kann motivieren, aber in dem Moment, in dem mein Gegenüber mich nicht versteht oder klein gemacht wird, ist Humor plötzlich trennend und führt zu Beschämung.“ Ist eine Person beschämt – das haben Neurowissenschaftler festgestellt –, sind im Gehirn ähnliche Areale aktiviert wie bei starken körperlichen Schmerzen. „Zwar ist Sarkasmus manchmal eine befreiende Bewältigungsstrategie, aber legitim ist er nur, wenn er niemanden verletzt.“
Vertrauen als Basis
Da in der Kindheit die Grundsteine für das Erwachsenenleben gelegt werden, ist es Gaudos Ziel, Lehrkräfte in Schulen für angemessenen Humor zu sensibilisieren, um so Lernen schöner und effektiver zu machen. Die Grundvoraussetzungen seien immer Vertrauen und eine gute Beziehungsebene, egal ob im Klassenraum, im Büro oder zu Hause in der Familie. Am Beispiel der Schule will Gaudo jedoch verdeutlichen, wie unterschiedlich Kommunikation gestaltet werden kann und wie unterschiedlich die Resultate ausfallen können.
„Einem Kind fällt ein Wasserglas herunter. Sagt der Lehrer zu den anderen: ‚Der kann ja heute das Wasser wieder nicht halten.‘“ Alle lachen, und einer bekommt es ab. Sagt der Lehrer stattdessen: ‚Mensch, du bist ja heute gut im Loslassen‘, dann kann auch der betroffene Schüler mitlachen.“
Begeisterung ist Dünger für das Gehirn, Verunsicherung hemmt hingegen nicht nur den Enthusiasmus, sondern auch den Selbstwert. Passive Aggressivität ist langfristig zerstörerisch. „Sie erzeugt Leid“, so Gaudo. „Aber letztlich leidet der Akteur auch selbst, denn die Fronten verhärten sich immer mehr, und irgendwann geht daran jede Beziehung kaputt.“
Militärischer Ursprung
Geprägt wurde der Begriff „passiv-aggressiv“ im Zweiten Weltkrieg vom amerikanischen Militär-Psychiater Colonel William Menninger. Er beobachtete, wie Soldaten Befehle indirekt verweigerten, indem sie so taten, als hätten sie diese nicht verstanden oder vergessen. Stattdessen reagierten sie mit Ironie oder Sarkasmus oder lästerten hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten. Auf diese Weise widersetzten sie sich, anstatt offen zu kommunizieren.
Man könnte meinen, das Passive sei allemal besser, als aktiv-aggressiv zu agieren – stimmt aber nicht, findet Filomena Lorenz. In den Augen der Passiv-Aggressiven fange aktive Aggression nämlich bereits da an, wo lediglich die ehrliche Meinung gesagt, also Selbstfürsorge betrieben werde und eigene Grenzen gesetzt würden. Dabei sollte man natürlich nicht toben, hauen oder brüllen, dass die Ziegel vom Dach fallen.
Besser wäre nach Ansicht der Paartherapeutin folgende Aussage: „Wir haben eine Absprache, ich fange an mich zu ärgern, ich will das nicht wegschlucken, sondern möchte, dass du dich jetzt damit auseinandersetzt.“ Zusätzliches tiefes Ausatmen kann dabei Wunder wirken und der eigenen Contenance zuträglich sein.
Passivität als Aggression
Silke Weinig, Bloggerin und Coach mit Psychologiestudium sowie Autorin des Buches „Mit schwierigen Menschen klarkommen“, hat noch weitere Strategien für den Umgang mit Menschen, die passiv-aggressive Verhaltensmuster an den Tag legen. Für sie beginnt dieses Verhalten schon bei Sätzen wie „Ich will ja nichts sagen, aber . . .“, „Eigentlich . . .“ oder „Ich bin ja nicht gegen Ausländer/ Schwule/Frauen/Hunde, allerdings . . .“. Zudem sei die reine Passivität auch bereits aggressiv: „Vom Nichthandeln geht eine große Dynamik aus, und das kann andere in die Knie zwingen.“
Wenn-dann-Sätze seien laut Weinig hilfreich im Umgang mit schwierigen Persönlichkeiten: „Wenn mich etwas ärgert, stelle ich mir vor, ich wäre ein Pfeiler in einer Strömung, an dem der ganze Unrat vorbeischwimmt.“ Oder sie empfiehlt zum Ruhebewahren scharfe Kaugummis, denn auch im Groll sollte man dem Gegenüber noch wertschätzend begegnen: „Wenn man etwas hört, das einen ärgert, kaut man so lange darauf herum, bis der Geschmack weg ist, und währenddessen überlegt man sich die passende Reaktion.“